Katja Karger ist Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Hamburg. Die Kulturwissenschaftlerin redet mit FINK.HAMBURG über den Druck in der Arbeitswelt, die Vorzüge von Gewerkschaften und appelliert an junge Menschen, die Zukunft mitzugestalten. Anlass für das Interview ist das Drama „Those Who Work“ von Regisseur Antoine Russbach, das es auf dem Filmfest Hamburg zu sehen gibt.

FINK.HAMBURG: „Plötzlich ist das Wichtigste weg: Ein Mann verliert seinen Job und steht vor den Trümmern seiner Existenz. Ein intensives Drama über die Suche nach einem neuen Sinn. Frank chartert Frachtschiffe für große Unternehmen und lebt für seinen Beruf. In 20 Jahren hat er sich immer weiter hochgearbeitet. Doch nach einer fatalen Fehlentscheidung wird er gefeuert.“
Was halten Sie von dieser Geschichte, Frau Karger?

Katja Karger: Es gibt in dieser Geschichte zwei Probleme: Das erste Problem bezieht sich auf eine moralische Frage. Muss ich als Arbeitnehmer jeden Auftrag ausführen? Muss ich jede einzelne Entscheidung im Sinne des größten Profits treffen, auch wenn das eine Katastrophe bedeuten würden?
Dann ist da noch die Frage: Was macht das mit der Person? Die Geschichte erinnert mich an einen skandinavischen Film, den ich letztens auf der Berlinale gesehen habe. Darin fühlte sich ein Containerfracht-Kapitän gezwungen, seiner Schiffsbesatzung – größtenteils Philippinos – eine Aufgabe zu übertragen, die diese nie gelernt hatten. Das Ganze endete in einer Katastrophe. Zurück blieb der Kapitän mit seinen Gewissensbissen.

Der Text, den ich Ihnen zu Beginn vorgelesen habe, ist die Filmbeschreibung des Dramas „Those Who Work“ von Antoine Russbach. Zu finden ist er auf der Webseite des Filmfest Hamburg.

Ich verstehe die Dramaturgie dieses Films. Ein Mann wird durch harte Arbeit sehr erfolgreich und dann nach langer Zeit im gleichen Unternehmen gefeuert. In der Wirklichkeit gibt es solche Fälle natürlich auch. Doch sind ihre Protagonisten eher „normale“ Menschen, die wegen Kleinigkeiten geopfert werden. Die haben oft gar nichts gemacht, werden gefeuert. Das betrifft dann sie selbst und auch ihr Umfeld.

Ohne zu viel Inhalt des Films vorwegzunehmen: Wie sich später herausstellt, wird Protagonist Frank eigentlich wegen seines Alters gefeuert. Seine Chefs hatten nach einem Entlassungsgrund gesucht und nutzen die Gelegenheit.

Das ist ein Klassiker! Man schaue sich nur die Altersverteilung bei Arbeitslosen an. Menschen über 55 sind am häufigsten ohne Arbeit. Spätestens wenn Arbeitnehmer 55, 58, 60 Jahre alt sind, versuchen die Betriebe, sie loszuwerden. Allerdings ist es verboten, einen Menschen wegen seines Alters zu entlassen. Daher suchen die Verantwortlichen oft nach den kleinsten Gründen für eine Entlassung. Finden sie keine, werden ältere Arbeitnehmer oft gemobbt, bis sie selbst nicht mehr wollen.

Der Originaltitel von Russbachs Drama ist „Ceux qui travaillent“ auf dem Filmfest läuft er in der Originalsprache Französisch mit deutschen Untertiteln. Der Regisseur ist Schweizer, sein Film spielt im französischen Marseille. Die Pläne von Präsident Emmanuel Macron für das Arbeitsrecht ähneln den Neuerungen der deutschen Agenda 2010, sind in Frankreich jedoch heftig umstritten. Ist Deutschland hier Vorbild für andere Länder?

„Ähneln“ ist hier das richtige Wort. Macron hat sich von der deutschen Agenda 2010 inspirieren lassen. Doch ist er natürlich nicht blöd: Er passt geplante Gesetzesänderungen an französische Traditionen an. Auch das Hartz-IV-System ist ein deutscher „Exportschlager“. Die Inspiration anderer Länder für Arbeitslosengeld und Arbeitsgesetze kommt leider aus Deutschland. Wir als Gewerkschaften sehen das eher kritisch und warnen unsere internationalen Partner vor dem, was sie sich da in ihr Land holen. Hartz IV etwa bedeutet Ausgrenzung, verstetigte Armut. Auch die Situation von Langzeitarbeitslosen hat es nicht verbessert.

Inwiefern haben sich die Anforderungen an Arbeitnehmer in Bezug auf den Leistungsdruck verändert?

Das ist eindeutig schlimmer geworden. Wir beim DGB haben einen Index, der heißt „Gute Arbeit“. Grundlage für den Index sind die Erfahrungen der Menschen am Arbeitsplatz. Das Ergebnis zeigt, dass der Druck immer schlimmer geworden ist, die Arbeitsverdichtung enorm zugenommen hat. Alle sagen: „Wir können nicht mehr unter diesen Bedingungen.“ Die flachen Hierarchien in unserer heutigen Wirtschaft haben dazu geführt, dass es keine klaren Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten mehr gibt. Jeder übernimmt mehr von beidem und wird dafür erstens nicht bezahlt, bekommt zweitens keine Anerkennung dafür. Das Ergebnis: Die Arbeitnehmer pfeifen aus dem letzten Loch.

Verantwortung ist ein gutes Stichwort. Gilt das Mantra „aus Fehlern lernt man“ noch, oder sollte es heute vielmehr heißen: „Machst du einen Fehler, verlierst du“?

Wir haben in Deutschland generell keine gute Fehlerkultur. Der deutsche Perfektionismus und die Sorgfalt schließen eine Fehlertoleranz aus. Wir können deshalb auch nicht gut mit Fehlern umgehen. Individuell klappt das Eingeständnis danebengelegen zu haben manchmal. Werden Fehler öffentlich, klappt das nicht. Ganz schlimm ist es in den deutschen Betrieben. In angelsächsischen Ländern ist das anders. Dort gilt das Motto: „Stehe immer einmal öfter auf, als du gefallen bist.“

Und was kann der Gewerkschaftsbund da machen?

Gewerkschaften helfen ihren Mitgliedern auf drei Ebenen. Erstens gibt es in den Betrieben selbst Betriebsräte, die auf die Arbeitsbedingungen achten. Darauf, dass alle Beschäftigten die Arbeit schaffen können und ihnen nichts passiert, wenn sie es mal nicht tun. Zweitens verhandelt die jeweilige Gewerkschaft – bei Hafenarbeitern in Hamburg ist das etwa ver.di – Tarifverträge, um einen erträglichen Rahmen am Arbeitsplatz für seine Mitglieder zu schaffen. Dabei geht es vor allem um Ausgleichszeiten, Ruhezeiten und Ruhezonen am Arbeitsplatz, die Entlohnung von Mehrengagement Einzelner. Drittens kümmert sich der DGB als Dachverband mehrerer Gesellschaften um einen politischen Rahmen. Wir wollen die Öffentlichkeit für Veränderungen und Risiken sensibilisieren. Ein Beschäftigter arbeitet heute für zwei. Auch der richtige Umgang mit Fachkräften in Zeiten des Mangels ist wichtig – wir errichten die Leitplanken dafür in der Politik.

Ganz konkret: Warum sollte ich als junger Arbeitnehmer in eine Gewerkschaft eintreten?

Als vor 150 Jahren die erste Gewerkschaft gegründet wurde, war die Sieben-Tage-Woche mit 60 Stunden die Regel. Heute sind wir bei fünf Tagen und ungefähr 35 Stunden. Auch Betriebsräte, Urlaubsanspruch und der in Deutschland hart erkämpfte Mindestlohn sind unsere „Schuld“. Wir schaffen gute Rahmenbedingungen, das ist ein Grund. Außerdem können unsere Mitglieder Gleichgesinnte treffen. Wir werden nur von unseren zahlenden Mitgliedern finanziert, sind deshalb auch nur ihnen verantwortlich. In Arbeitskreisen können sie sich betrieblich oder gesellschaftlich einmischen. Serviceleistungen wie Beratung, Rechtsabteilung gibt es auch.

Sie haben viel über die Vergangenheit geredet. Was kommt in Zukunft auf Gewerkschaften und Arbeitswelt zu?

Arbeit der Zukunft bedeutet Digitalisierung. Diese verändert jeden einzelnen Beruf. Wir achten darauf, dass die Menschen hinter den Berufen nicht vergessen werden. Der Klimawandel führt dazu, dass Ressourcen verknappen und ganze Orte, etwa auch Hamburg, unter Wasser liegen werden. Aktuell reden alle über Kriegsflüchtlinge, in Zukunft wird es auch Klimaflüchtlinge geben.

Zum Schluss: Haben Sie noch etwas, was Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben möchten?

Ihr jungen Menschen, lasst euch nicht verarschen! Fallt nicht auf Marketing herein und lasst euch keine Dinge verkaufen, die glänzen, aber nichts Wertvolles enthalten. Viele „Alte“ treten bald ab und interessieren sich nicht für die Zukunft. Deshalb solltet ihr Jungen die Welt von morgen mitgestalten. Seid kritisch, unbequem, widerständig, engagiert euch für die Welt – ihr müsst in ihr leben!

Vorheriger ArtikelKillt Netflix den Kino-Star?
Nächster Artikel„Das Filmfest erreicht nicht nur Kinopublikum“
Für Tobias Bug, Jahrgang 1993, kann ein Fußballspiel nur dann ein Erfolg werden, wenn er den linken Schuh zuerst anzieht. Seinen eher unsportlichen Bachelorabschluss hat er an der TU München in Wirtschafsingenieurwesen gemacht. Nicht nur den ersten akademischen Erfolg verbindet er mit der bayerischen Hauptstadt: Beim Oktoberfest wurde er unschuldig für drei Stunden in Haft genommen. Journalistisch hat Tobias unter anderem bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Politik- und im Wirtschaftsressort gearbeitet. Beim Reisen lässt er sich gerne die Geschichten anderer Menschen erzählen, in Norwegen hat er eineinhalb Jahre gelebt. Am glücklichsten ist er, wenn er schreibt oder am DJ-Pult House auflegt. (tob)
Einen Fischkutter in Franken? Den gibt’s – und zwar als Bar. Lisa Kretz, Jahrgang 1991, hat dort gelernt, unfallfrei Silvaner zu servieren. Fast ein Wunder, sagt sie doch über sich selbst, dass sie sogar über Hindernisse falle, die gar nicht vorhanden sind. Beruflich hat sie keine Schwierigkeiten, einer klaren Linie zu folgen. In Würzburg studierte Lisa BWL mit dem Schwerpunkt Medien. Für eine Boutique baute sie die Social-Media-Kanäle auf, fotografierte Outfits für Instagram und schrieb Blogbeiträge. Nach einem Praktikum in einer Münchner Werbeagentur entwickelt sie Social-Media-Kampagnen für ein Hamburger Tech-Startup – samt Videoproduktion. Und sie zeigt den Followern wie man einen Gastronomiebetrieb mit dem iPad organisiert.