Der Ballindamm, die Ballinstadt und der Ballinkai: Der Name Albert Ballin ist in Hamburg sehr präsent. Wer war dieser Mann, dem an so vielen Stellen gedacht wird und der am 9. November vor 100 Jahren gestorben ist? Eine Spurensuche.

Albert Ballin (1857-1918) wuchs in Hafennähe, beim heutigen Baumwall, auf. Sein gesamtes Leben war mit der Schifffahrt und dem Hafen verbunden. Er verließ mit 15 Jahren die Schule und stieg nach dem Tod seines Vaters in dessen Geschäft ein, die Auswandereragentur „Morris & Co“. Genau der richtige Zeitpunkt: Die Zahl der Ausreisenden Richtung Nordamerika stieg enorm.

Mit 22 übernahm er die Geschäfte und lieferte sich mit der alteingesessenen Reederei Hapag (Hamburg-Amerikanische Paketfahrt Aktiengesellschaft) einen Preiskampf um günstigste Passagierüberfahrten. Bald warb die Hapag den jungen Ballin ab und machte ihn zum Chef der Passageabteilung. Zwei Jahre später wurde er Teil des Direktoriums, das er ab 1899 als Generaldirektor leitete. Bis zu seinem Tod 1918 war er Chef der Hapag. Unter seiner Führung wurde sie zur größten Reederei der Welt.

FINK.HAMBURG trat die Reise an und folgte den Spuren Albert Ballins durch die Stadt.

Die Ballin-Villa

Albert Ballin
Die Ballin Villa steht in der Feldbrunnenstraße. Foto: Wikimedia Commons, Wolfgang Meinhart, Hamburg

Albert Ballin lebte viele Jahre in der für ihn erbauten Villa in der Feldbrunnenstraße in Hamburg. Hier empfing er zu Dinners während seiner Zeit bei der Hapag und Kaiser Wilhelm II. besuchte ihn dreimal. „Ballins Denken und Handeln war bestimmt durch die Ideale des Kaiserreichs und deshalb teilte er zahlreiche Überzeugungen mit Kaiser Wilhelm II., den er zeitlebens bewunderte und ihm auch freundschaftlich verbunden war“, so Norman Kremer, Historiker bei Hapag-Lloyd.

Ballins Leben endete übrigens fast zeitgleich mit dem Ende der Kaiserzeit: Er starb am Morgen des 9. Novembers 1918. Im Laufe des Tages wurde in Berlin das Kaiserreich für beendet erklärt und die Republik ausgerufen.

Heute befindet sich in der Ballin-Villa das UNESCO-Institut für lebenslanges Lernen.

Der Ballindamm

Ballindamm
Das Ballin-Haus, Sitz des Hapag-Lloyd Konzerns. Foto: Hapag-Lloyd AG

Der vermutlich prominenteste Ort, der nach Ballin benannt ist, liegt in der Hamburger Innenstadt. Der Ballindamm an der Binnenalster ist seit mehr als 100 Jahren der Firmensitz der heutigen Reederei Hapag-Lloyd. Die Straße wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von Alsterdamm in Ballindamm umbenannt.

Die Ballinstadt

Auf der Veddel steht die Auswandererstadt, auch Ballinstadt genannt. Von hier aus brachte Ballin tausende Menschen mit Schiffen über den Atlantik. Er eröffnete die Auswandererstadt im Jahr 1892.

Zu Zeiten Ballins war in Hamburg die Cholera ausgebrochen. Woher sie kam – ob aus dem Osten oder über den Atlantik – ist bis heute unklar. Während in Hamburg viele Menschen erkrankten und starben, fürchteten die Amerikaner, dass infizierte Auswanderer in ihr Land einreisen. Bei der Ankunft in Amerika wurde jeder untersucht. War eine Person krank, musste sie zurückreisen – und zwar auf Kosten der Hapag.

Auswanderer Museum
Drei Häuser der Ballinstadt wurden restauriert und beherbergen das Auswanderer Museum. Foto: Thoya Urbach

Um dies zu vermeiden, führte Ballin bereits vor Abreise Kontrollen ein. Nur wer gesund war, wurde aufs Schiff gelassen. Passagiere verbrachten etwa drei bis vier Tage in der Ballinstadt. Dort ging es ihnen besser als in so manchem Hotel: Sie kamen in Zimmern unter, getrennt nach Geschlecht und Herkunft, um Konflikte zu vermeiden und um ein vertrautes Umfeld zu schaffen. Sie bekamen Verpflegung und konnten sich im Park, der Synagoge und der Kirche frei bewegen. Kranke kamen in Quarantäne.

Der Standort, den Ballin für die Auswandererstadt ausgewählt hatte, bot zwei große Vorteile: Die Veddel befand sich an der südlichen Stadtgrenze Hamburgs, Auswanderer hatten also keinen direkten Kontakt zur Innenstadt. So konnten Konflikte und eine Ansteckungsgefahr vermieden werden. Mit Zügen gelangen die Auswanderer direkt zu den Schiffen der Hapag.

Ballin Hamburg
„Mein Feld ist die Welt“ – dieser Schriftzug ist sowohl im Auswanderermuseum als auch im Ballinhaus der Hapag-Lloyd zu lesen. Foto: Thoya Urbach

Innerhalb von 84 Jahren wanderten laut dem dort heute beheimateten Museum mehr als fünf Millionen Menschen von der Ballinstadt aus nach Amerika, Kanada und Australien aus – 82 Prozent von ihnen in die Vereinigten Staaten von Amerika. Von Hamburg oder Cuxhaven aus dauerte die Reise nach New York mit einem Segelschiff bis zu acht Wochen, mit einem Dampfer hingegen nur neun bis zwölf Tage. Um auch im Winter die Schiffe vollzubekommen, bot Ballin über die kälteren Monate Rundfahrten an. Reiche Bürger der Stadt buchten diese Fahrten, die meist nach Spanien, Italien und Griechenland gingen. So erfand Ballin das Geschäftsmodell für Kreuzfahrt.

Seit 2007 befindet sich auf dem Gelände der Ballinstadt das Hamburger Auswanderermuseum. Drei der 15 Häuser wurden dafür renoviert und originalgetreu zu einem interaktiven Museum umgebaut.

Der Meßberghof

Der heutige Meßberghof wurde 1924 im Kontorhausviertel als Ballinhaus gebaut. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde der Name Ballin aus dem Stadtbild und der Literatur gestrichen. Das 90. Firmenjubiläum der Hapag fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Broschüre zu diesem Geburtstag enthielt – trotz der Bedeutung Ballins für das Unternehmen – nicht einmal seinen Namen.

Der Ballinkai

Abseits der Innenstadt befindet sich am Terminal Altenwerder (CTA) der Ballinkai, ein 1.400 Meter langer Liegeplatz für Containerschiffe. Er ist eine der modernsten Anlagen der Welt, auf der die Stahlboxen zum Großteil automatisch transportiert werden. Als Vorreiter der Globalisierung wurde Ballin zum Namensgeber der Anlage. Am Ballinkai können bis zu vier Containerschiffe gleichzeitig be- und entladen werden.

Ballins Grab

Die Suche führt schließlich nach Hamburg-Ohlsdorf an sein Grab. Zwischen Bäumen und Hecken liegt der große graue Stein mit Ballins Namen. Das Grab wird bis heute von fernen Angehörigen und von der Hapag-Lloyd gepflegt.

Das Ballinjahr 2018

Die Hapag-Lloyd organisiert im Ballinjahr verschiedene Veranstaltungen in Gedenken an Albert Ballin. „Ein ganzheitliches und auch kritisches Bild von Ballin soll vermittelt werden“, so Martina Fähnemann, Leitung der Unternehmensdokumentation bei Hapag-Lloyd.

Ballin starb am 9. November 1918 in einem Hamburger Krankenhaus. Der genaue Grund für seinen Tod ist nicht geklärt. Bekannt ist nur Folgendes: Am 6. November 1918 wurde der Hauptsitz der Hapag durch Soldaten enteignet, Ballin wurde des Hauses verwiesen. Daraufhin nahm er eine hohe Dosis Medikamente zu sich. Als einer seiner Angestellten dies bemerkte, brachte er ihn in ein Krankenhaus. Dort fiel Ballin in ein Koma und verstarb schließlich. Historiker streiten darüber, ob er sich das Leben nehmen wollte oder versehentlich zu viele Medikamente nahm. Eines ist jedoch sicher: Das vermeintliche Ende der Hapag traf Ballin schwer.

Am 9. November 2018 ist Albert Ballins 100. Todestag. In Gedenken an ihn veranstaltet die Hapag-Lloyd das Ballinjahr. In der Woche des Todestages organisiert die Reederei eine Reihe von Veranstaltungen und verleiht erstmals den Albert-Ballin-Preis für globales Handeln.

Auch außerhalb Hamburgs, in Berlin und Cuxhaven, erinnert man sich an Albert Ballin. Alle Orte in der Übersicht:

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Als Fitnesstrainerin spornt Thoya Maria Urbach, Jahrgang 1994, mehrmals in der Woche bis zu 30 Leute zu Höchstleistungen an. Studiert hat sie Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und dabei das Schreiben für sich entdeckt. Bei der „Brigitte“ hospitierte sie in der Onlineredaktion. Während eines Praktikums in der Unternehmenskommunikation bei Deutschlands größter Containerreederei faszinierte sie die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Die Hamburgerin schippert in ihrer Freizeit gerne mit der Fähre über die Elbe, ist aber auch in anderen Städten unterwegs – etwa in St. Petersburg. Denn etwas Russisch kann sie auch. Kürzel: tmu
Lennart Albrecht, Jahrgang 1991, hat Olaf Scholz schon einmal drei Monate lang fast täglich auf Schritt und Tritt verfolgt – mit dessen Einverständnis, im Rahmen eines Praktikums beim Hamburger Senat. Auch Hamburgs Herz kennt er besser als die meisten: Im Nebenjob moderiert er Bustouren durch das Hafengelände, und sogar bei einem Praktikum in Hongkong warb er schon für die Vorzüge der Hansestadt. Bei der Reederei Hamburg Süd schrieb er für das Mitarbeitermagazin und half, Messen zu organisieren. Seinen Bachelor in Media Acting und Rhetorik machte er an der Hamburger Medienakademie. Für die Dokumentation „Die Norm“ begleitete Lennart Spitzensportler auf dem Weg zu den Olympischen Spielen. Er selbst fährt gern Rennrad – zum Mediencampus Finkenau aber kann er von zu Hause aus zu Fuß gehen. Kürzel: la

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