Spionagethriller, Actionfilm oder Liebesdrama: Hamburg ist ein beliebter Schauplatz für Spielfilme. FINK.HAMBURG-Redakteurin Melina Deschke hat die Drehorte von neun Filmen auf St. Pauli besucht  mit dem Tablet in der Hand.

Ein als Frau verkleideter Mann leckt Sahne von dem Bauch eines Strippers – klingt nach einem normalen JungesellInnenabschied in Rosis Bar, ist aber eine Szene aus dem Film „Rubbeldiekatz“. Auf der Hamburger Reeperbahn spielen sich jedes Wochenende unzähligen Liebesgeschichten, Komödien und Krimis ab. Auch vielen Filmen dient sie als Schauplatz. Ob Straßenzug mit Neon-Beleuchtung oder verrauchte Spelunke: Die Reeperbahn bietet jede Menge spannende Kulissen. FINK.HAMBURG hat sich neun Drehorte angesehen.

Kultkneipen und Kiezsterben

„Ich geh jetzt Ficken“, schallt es über die Große Freiheit. Die Stimme kommt im Kanon aus etwa einem Dutzend Tablets, auf denen eine Szene aus Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ läuft. Auf den Displays ist zu erkennen, wie Protagonistin Sibel den Rocker-Schuppen Kaiserkeller verlässt. Bei der Video-Tablet-Tour, die im Rahmen des 26. Filmfest Hamburg auf St. Pauli stattfindet, führt Arne Krasting von Video Sightseeing über den Kiez.  „Wenn man Hamburg in Filmen zeigen will, gehört St. Pauli dazu“, sagt Alexandra Luetkens von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Gemeinsam mit der Hamburg Tourismus GmbH lädt die Filmförderung das dritte Mal in Folge zu der Tour ein. Eine andere Szene aus „Gegen die Wand“ spielt im Zoë 1Plötzlich wird es laut in der Sofa-Bar. Während Sibel sich auf dem DOM vergnügt, gerät ihr Mann in der Bar in eine handgreifliche Auseinandersetzung mit seinem Nebenbuhler. Die TeilnehmerInnen der Drehorte-Tour stehen vor der Bar, die heute Möwe Sturzflug heißt, und gucken auf die Displays ihrer Tablets. Zoë 1 gibt es nicht mehr. Im Angesicht des Clubsterbens auf dem Kiez sei es für Tourleiter Arne Krasting besonders schön, längst geschlossene Clubs und Bars in Filmen wiederzusehen. Gemütlich auf Sofas Drinks schlürfen und sich wie in Fatih Akins Film fühlen geht trotzdem: Die Sofa-Bar Zoë 2 ist nur wenige hundert Meter entfernt auf der Sternschanze.

Der Kaiserkeller ist einer der Drehorte, die während der Tour besichtigt werden.
Der Kaiserkeller dient dem Film „Gegen die Wand“ als Schauplatz. Foto: Melina Deschke

Regionale Regisseure

Neben „Gegen die Wand“ stehen drei weitere Filme von Fatih Akin im Mittelpunkt der Drehorte-Tour. In den Filmen des Hamburger Regisseurs sind die Straßen des Stadtteils wiederkehrende Schauplätze. In „Kurz und Schmerzlos“ folgt Akin mit der Kamera dem Protagonisten über die Reeperbahn und für „Aus dem Nichts“ lies er die Hein-Hoyer-Straße umbauen – sie sollte „aussehen wie ein Türkenviertel“, erzählt Krasting. So eine Straße hätte Akin auch im Ruhrpott finden können, in Hamburg kenne sich der Regisseur aber besser aus und hätte sich auf andere Dinge konzentrieren können, sagt der Leiter der Drehorte-Tour.  So wurde aus Freddy’s Imbiss zum Beispiel eine Dönerbude. Die TeilnehmerInnen der Tour halten ihre Tablets vor sich und vergleichen den Straßenzug auf ihren Displays mit dem vor ihnen. Eine Frau zeigt auf die roten Sonnenschirme an der nächsten Straßenecke: „Die sind gleichgeblieben!“. Nicht alle Anwohner sollen von dem Umbau begeistert gewesen sein, so Krasting. „Läden, wie zum Beispiel ein Friseur, die durch solche Dreharbeiten einen Totalausfall erleiden, werden natürlich entschädigt.“

Horror in Hamburg

Aber nicht alles, was auf dem Kiez spielt, werde auch auf dem Kiez gedreht, erzählt Krasting. Für Akins neuen Film, der Romanverfilmung „Der Goldene Handschuh“ von Heinz Strunk über den Frauenmörder Fritz Honka, habe er die Kultkneipe originalgetreu nachbauen lassen – und zwar im Hamburger Hafen. Der Schriftzug „Honka Stube“, der den Eingang der echten Kneipe ziert, ist den TeilnehmerInnen nicht geheuer. Der Serienmörder fing in den 1970ern seine weiblichen Opfern in der Kneipe ab. Lieber schnell weiter zur St. Joseph-Kirche, in der Akin erst im August Szenen für den Film drehte.

Den Drehorte St. Joseph-Kirche kann man von der Thai Oase aus sehen.
Die beiden schaurigen Schauplätze St. Joseph-Kirche und Thai Oase liegen direkt nebeneinander. Foto: Melina Deschke

Die Kirche taucht auch in einer anderen deutschen Produktion auf, die 2017 beim Filmfest Hamburg lief. In „Tian – Das Geheimnis der Schmuckstraße“, produziert von dem ehemaligen HAW Studenten Stefan Gieren, wird die Karaoke-Bar Thai Oase gegenüber der Kirche zu einem Geisterhaus. Die Schmuckstraße liegt mitten in dem ehemaligen Chinesenviertel Hamburgs, das 1944 im Rahmen der sogenannten Chinesenaktion durch Nationalsozialisten aufgelöst wurde, erzählt Krasting.

Vom Hafen nach Hollywood

Wo normalerweise Discofox zu Schlagermusik getanzt wird, stehen die Stühle umgedreht auf den Tischen – nicht nur in der Szene von Sönke Wortmanns Film „St. Pauli Nacht“, die auf den Displays flimmert. „An 364 Tagen im Jahr hätte ich euch reingelassen“, so der Besitzer der Kneipe Zum Silbersack zu Tourleiter Krasting. Doch nicht an diesem Tag, denn es ist Nordderby. Der HSV spielt gegen St. Pauli. Auch der britischen Spionagethriller „A Most Wanted Man“ spielt im Silbersack. Außerdem wird die Skyline Bar 20Up mit Blick auf die Landungsbrücken zum geheimen Treffpunkt. Krasting kritisiert, dass der Ausblick aus der Bar im 20. Stockwerk des Empire Riverside Hotels im Film überhaupt nicht zu Geltung komme. Das Staunen der TeilnehmerInnen beim Betreten der Bar gibt ihm Recht. Man muss nicht nach Hollywood, um Kulissen von Hollywood-Streifen zu besuchen. In dem deutsch-britisch-amerikanische Actionfilm „Wer ist Hanna?“ flieht die Protagonistin quer durch die Welt vor ihren Verfolgern und macht unter anderem Stopp im Safari Club auf der Großen Freiheit. „Das Safari-Schild sollte unter Denkmalschutz gestellt werden“, findet Krasting.

Das Schild des Safari Club prangt mitten über der Großen Freiheit und wurde bei der Tour durch die Drehorte besichtigt.
Im Safari Club findet die Protagonistin aus „Wer ist Hanna?“ zwischenzeitlich Zuflucht. Foto: Melina Deschke

Die Karte aus diesem Artikel bietet jedem die Möglichkeit, die Kneipen-Tour durch die Drehorte auf dem Kiez nachzulaufen.

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Melina Deschke, geboren 1992, kommt aus dem Pott. In Hamburg hat sie sich schon 2013 verliebt, während einer Hospitanz bei der Gaming-Sendung „Reload“, die vom ARD-Digitalkanal „Einsplus“ ausgestrahlt wurde. Dort sammelte sie ihre ersten Erfahrungen im Videoschnitt. Bereits zuvor spielte sie bei einem Praktikum in der Redaktion von „Vorzocker“ beruflich Videospiele. In Düsseldorf studierte sie Kommunikationsdesign und fand heraus, dass sie lieber kommuniziert als designt. Für den Hochschulsender „Paradise Park“ berichtete sie von Kunst- und Kulturveranstaltungen. Im Falle einer Zombie-Apokalypse wird Melina zu den wenigen Überlebenden gehören: Für ihre Bachelorarbeit schaute sie mehr als 100 Zombie-Filme. Kürzel: meld

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