Eine Reise in einen diktatorischen Staat? Robert Jianli Chen (60) betreibt das Hamburger Reisebüro China Hansa Travel und bietet auch Touren nach Nordkorea an. Im Interview mit FINK.HAMBURG erklärt er, warum er das in Ordnung findet.

FINK.HAMBURG: Waren Sie selbst schon mal in Nordkorea?

Robert Jianli Chen: Ja, ich war schon mehrmals dort. Ich komme aus China. Das ist auch der Grund, wieso ich diese Reisen anbiete. China und Nordkorea sind Nachbarländer, es gibt also politische und geographische Beziehungen. Mein Schwiegervater und viele meiner Verwandten haben in den 50er Jahren im Koreakrieg den Sozialismus verteidigt.

Was für Reisen bieten Sie an?

Wir bieten nicht nur abenteuerliche Reisen an, sondern in erster Linie sogenannte Studien- und Bildungsreisen. Besucher können sich im Rahmen der Möglichkeiten mit dem Land beschäftigen. Darüber hinaus organisieren wir vor allem Reisen an den Feiertagen Nordkoreas, wie dem Ersten Mai oder dem Nationalen Tag der Befreiung Koreas. Außerdem konnten Reisende in diesem Jahr an einem Marathon teilnehmen und den 70. Gründungstag der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea (DVRK) vor Ort erleben. Dadurch wollen wir den kulturellen Austausch fördern.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Reisen nach Nordkorea anzubieten?

Wir sind ein Reiseveranstalter für China und das schon seit über 15 Jahren. Natürlich haben wir inzwischen unsere Zielgebiete um die Nachbarländer von China erweitert und darunter fällt auch Nordkorea. Seit 13 Jahren bieten wir Kunden an, in Gruppen und auch privat dahin zu reisen.

Viele Menschen haben aufgrund der politischen Umstände Angst, nach Nordkorea zu reisen. Wie ist die Reaktion Ihrer Kunden?

Es ist erstaunlich, wie hoch die Zufriedenheit von Nordkorea-Besuchern ist, auch im Vergleich zu Besuchern von China beispielsweise. Die Leute, die dahin wollen, sind vorbereitet und beschäftigen sich zuerst mit dem Land. Wenn den Reisenden etwas nicht passt, haben sie auch Verständnis.

Wer nach Nordkorea reist, gibt auch dort Geld aus und unterstützt damit ein diktatorisches Regime, das Staatsfeinde ins Arbeitslager steckt oder öffentlich hinrichten lässt. Warum ist eine Reise für Sie trotzdem ok?

Touristische Leistungen müssen bezahlt werden. So viel ich weiß, stimmt die Aussage, dass Touristen mit einer Reise direkt das Militär finanzieren, nicht. In Nordkorea gibt es verschiedene Wirtschaftskreisläufe. Die Einnahmen aus dem Tourismus fließen in die Planwirtschaft. Ausgabe für Militär und Nuklearwaffen haben einen eigenständigen Wirtschaftskreislauf.

Bieten Sie vor der Reise Interessenten an, sich mit dem Land zu beschäftigen?

Ja. Wir bieten telefonische Beratung an und es finden Reisemessen statt, bei denen es auch viele Infostände gibt. Für unsere Sondergruppen, die regelmäßig reisen, gibt es Veranstaltungen sowie Sitzungen im Voraus. Zum Beispiel haben wir eine Gruppe, die jetzt zum fünften Mal reist und es gab vor jeder Reise eine Info-Veranstaltung.

Gab es auch schlechte Erfahrungen von Reisenden?

Ganz selten. Es gab jedoch Fälle, bei dem sich Besucher beschwert haben, dass man beispielsweise nicht alleine unterwegs sein oder dass man das Militär nicht fotografieren durfte. Das Verhalten vor Ort ist auch vom Reiseleiter abhängig. Schlechte Reiseberichte hatten wir auch, diese sind wiederum nützlich.

Nordkorea: Der Geschäftsführer Robert Jianli Chen ist in China geboren. Foto: Shahrzad Rahbari
Der Geschäftsführer Robert Jianli Chen ist in China geboren. Foto: Shahrzad Rahbari

Gibt es weitere Besonderheiten, die man vor Ort beachten muss?

Ich empfehle, dass man sich im Vorhinein mit dem Reiseziel beschäftigt, damit es keine Überraschungen gibt. In den allgemeinen Medien wird hauptsächlich negativ über Nordkorea berichtet. Deshalb bieten wir Menschen Reisen nach Nordkorea an, um sich ein eigenes Bild zu machen. Wir bauen die Brücke zu Nordkorea.

Haben Sie selbst schon mal schlechte Erfahrungen in Nordkorea gemacht?

Für mich war es unpassend als ich gesehen habe, wie die Reiseleiter Trinkgeld verlangten und darauf warteten, dass man sie extra bezahlt. Ich habe das oft kritisiert und gesagt, dass es nicht zur Gastfreundlichkeit des Landes passt.

Kann man in Nordkorea problemlos mit den öffentlichen Verkehrsmitteln reisen?

Man darf nicht alleine auf die Straße gehen, aber in Gruppen stellt es keine Probleme dar. Das Land ist nicht sehr groß. Es ist einfach, mit dem Bus oder dem PKW umherzureisen. Wenn man alleine nach Nordkorea einreist, wird einem ein Reiseleiter und ein Busfahrer zugeteilt.

Gibt es auf der Straße Probleme als Tourist?

Als Tourist spürt man nicht viel von den Kontrollen im Land. Man gibt den Pass bei der Einreise ab und kann mit einem Passierschein durch die Provinzen fahren. Bei der Ausreise bekommt man den Pass wieder zurück.

Wie ist generell die Lage des Tourismus in Nordkorea?

Nordkorea ist kein Reiseland für Massentourismus. Es liegt auch an der Flugverbindung, den fehlenden Direktflügen und den hohen Kosten. Das Reiseland ist auch relativ unbekannt, weil viele Leute nicht wissen, dass man dahin reisen darf.

Ist das nicht auch eine Art von Katastrophentourismus?

Mit dem Begriff kann ich wenig anfangen. Nordkorea ist das am wenigsten zugängliche Land der Welt. Wir verstehen uns daher als Brückenbauer, denn wir verfügen über langjährige Erfahrung, Kompetenzen und Verbindungen in dem nicht einfachen Reisesektor rund um Nordkorea und China. Wir beobachten ständig die politische Lage in Nordkorea und die Sicherheit der Kunden hat bei einer solchen nicht-alltäglich Reise selbstverständlich oberste Priorität.

Welche Personen dürfen nicht einreisen?

Südkoreaner dürfen nicht einreisen. Außerdem gibt es für einige Berufsgruppen ein Einreiseverbot. So dürfen zum Beispiel Journalisten nur mit einer Sondergenehmigung und strengeren Kontrollen einreisen.

Wie ist die Lage in Nordkorea für Studierende?

Es gibt viele Studierende dort. In unseren Reisen besuchen wir auch Universitäten. Hier hat man die Möglichkeit, sich mit den Studierenden auszutauschen.

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Shahrzad Rahbari, Jahrgang 1994, vermisst seit ihrem ersten Tag in Hamburg Spätzle. Sie hat Dolmetschen und Übersetzen in Germersheim studiert, in der Nähe von Karlsruhe. Shahrzad spricht sechs Sprachen fließend – neben Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch auch Arabisch und Farsi. Für eine Reportage reiste sie durch das Heimatland ihrer Eltern, den historischen Iran, und porträtierte Einwohner und Orte. Ihre Begeisterung für das Schreiben entdeckte Shahrzad in ihrer Zeit bei dem HipHop-Magazin Rapspot, für das sie Album-Rezensionen schrieb und Rapper wie Talib Kweli und Tua interviewte. Auch in ihrer Freizeit hört sie am liebsten Rap. Ihr Traum: mit Kendrick Lamar die Straßen von Compton, einem Vorort von L.A., unsicher zu machen. Kürzel: sha

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