Vor 86 Jahren brannten in ganz Deutschland Bücher. In Hamburg gab es fünf Bücherverbrennungen, aber nur an zwei dieser Orte wird darauf hingewiesen. Engagierte Bürger*innen kämpfen für das Überleben der Erinnerungskultur – auch mit digitalen Mitteln.

Als sich Esther Bejarano langsam von ihrem Stuhl erhebt, verstummen sogar die Jüngsten im Publikum. Sie spricht langsam und ruhig, trotzdem dringen ihre Worte bis zur hintersten Reihe durch: „Leider müssen wir wieder und wieder an die Verbrechen der Nazis erinnern, weil vor allem nach der Bücherverbrennung dann auch Menschen verbrannt, erschlagen, erschossen und durch furchtbare harte Zwangsarbeit umgebracht wurden.“

Die 94-Jährige hat die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück überlebt und fügt hinzu: „Ich weiß, wovon ich rede.“ Bejarano spricht auf der Marathonlesung am Mahnmal zur Erinnerungen an die frühen Taten der Nationalsozialisten. Die öffentliche Lesung findet seit 19 Jahren am Kaiser-Friedrich-Ufer statt.

Esther Bejarano steht auf der Marathonlesung auf der Bühne und hält eine Rede.
Esther Bejarano. Foto: Max Schulte

Es ist der Ort, an dem am 15. Mai 1933 in Hamburg zum ersten Mal Bücher brannten, angezündet durch die Nationalsozialisten. Der Arbeitskreis „Bücherverbrennung – nie wieder!“ ruft jedes Jahr dazu auf, aus den verbrannten Büchern sowie aus Texten von damals verbotenen Autor*innen vorzutragen.

Fünf Verbrennungen in Hamburg

In Hamburg gibt es nachweislich fünf Orte, an denen es 1933 Bücherverbrennungen durch Nationalsozialisten, Studentenorganisationen und Burschenschaften gab. Neben der ersten Verbrennung am Kaiser-Friedrich-Ufer loderten in der Methfesselstraße und Ifflandstraße die Flammen auf. Zudem brannten im selben Jahr in Lohbrügge und Bergedorf verbotene Schriften.

Nur an zwei Stellen gibt es Hinweise

Mit den insgesamt fünf Stellen ist Hamburg die Stadt in Deutschland mit den meisten Tatorten. Jedoch weisen im Stadtbild lediglich das Mahnmal in Eimsbüttel und eine Erinnerungsplakette am Sportplatz in Bergedorf auf diese Verbrechen hin. An den anderen drei Plätzen existieren keine Hinweise. Nicht neben den zwei Strandkörben, die auf dem Else-Rauch-Platz in der Methfesselstraße stehen. Nicht in der Ifflandstraße auf dem Gelände der Alsterdorfer Schwimmhalle. Nicht in Lohbrügge zwischen den Dünen.

Der Kampf gegen das Vergessen ist digital

„Sobald wir anfangen zu vergessen, was damals im Nationalsozialismus passiert ist, geben wir dem Ganzen eine Chance, dass es wieder passiert“, sagt Jan Schenck. Der gebürtige Hamburger ist Fotograf und Initiator der Plattform „Verbrannte Orte“. Der Onlineatlas verzeichnet über 100 Einträge von Bücherverbrennungen in Deutschland, viele davon sind mit aktuellen Fotos der Stellen und historischen Hintergründen dokumentiert. Das erinnert an die Stolpersteine als Erinnerung an NS-Verbrechen, von denen alleine 5.600 in Hamburg verlegt sind. Diese sind jedoch im Stadtbild durchaus präsent, im Gegensatz zu den Orten der Bücherverbrennung.

Das Projekt startete 2013, als Schenck den Entschluss fasste, es gebe zu selten ein sichtbares Erinnern an den Orten des Geschehens. Der Atlas holt die Erinnerung der einzelnen Plätze zumindest in die digitale Welt. Vor allem dort, wo nichts auf die Taten hinweist.

Letztendlich sei es von zentraler Bedeutung, in ganz unterschiedlichen Formen an die Verbrechen zu erinnern, sagt Schenck. Für ihn habe der reale Besuch einer KZ-Gedenkstätte immer noch eine ganz andere Intensität als die digitale Erinnerungskultur an den Orten aus dem Atlas. „Deswegen fände ich aber auch Gedenktafeln an diesen Orten so wichtig.“

Die Zeitzeugin muss weiter

Am Tag der Marathonlesung wird gemeinsam gegen das Vergessen angelesen. Vor der Bühne haben sich hauptsächlich Schüler*innen aus den umliegenden Schulen versammelt. Diejenigen von ihnen, die lesen werden, laufen nervös umher, üben ein letztes Mal die Texte von Kästner, Brecht und Kaléko. Die Bücherverbrennungen seien schon früh im Unterricht verankert, so ein Lehrer.

Esther Bejarano erklärt nach ihrer Rede die Lesung für eröffnet und verlässt die Bühne. Ein nächster Termin wartet. Die Zeitzeugin muss weiter. „Irgendwann werden wir nicht mehr direkt die Leute fragen können, die das erlebt haben. Damit geht ein entscheidendes Maß an Schrecken verloren“, meint Jan Schenck.

Direkt neben dem Mahnmal befindet sich ein Spielplatz. Die Kinder, die dort während der Veranstaltung spielen, werden wohl erst in ein paar Jahren verstehen, was auf dem roten Stein neben dem Klettergerüst steht.

Ein Spielplatz vor dem Mahnmal am Kaiser-Friedrich-Ufer.
Spielplatz am Mahnmal. Foto: Max Schulte