Als erstes Bundesland ermöglichte Hamburg ab dem 06. Mai 1999 gleichgeschlechtlichen Paaren das Ja-Wort. Diese sogenannte Hamburger Ehe war symbolisch, aber der erste Schritt zur bundesweiten Ehe für alle.

Herbert Schöberl kann sich noch gut an den Moment erinnern, in dem er seinem Mann das Ja-Wort gab. “Ich weiß noch, dass ich dachte: Krieg jetzt bloß keine feuchten Augen. Das hat nicht ganz geklappt”, sagt der Hamburger Schauspieler und lacht. Am 10. Juli 2017 ging das Paar eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein – nur wenige Tage nachdem die Bundesregierung die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet hatte.

“Wir haben überlegt, ob wir es verschieben, aber wir hatten schon alles organisiert”, erklärt Schöberl. Neben vielen Vorteilen, die schon die Verpartnerung mitbrachte, war dem 57-Jährigen ein offizieller Stempel wichtig. Im kommenden Herbst möchten er und sein Mann ihre Partnerschaft nun noch in eine Ehe umwandeln. Wenn es jetzt diese Möglichkeit für Homosexuelle gibt, sollte sie auch genutzt werden, findet Herbert Schöberl.

Auf dem Weg zur Liberalisierung der sogenannten “Ehe für alle” hat Hamburg eine wichtige Rolle gespielt: Am 8. April 1999 beschloss der damalige rot-grüne Senat gegen den Widerstand der CDU-Fraktion das Gesetz über die Eintragung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Dieses ermöglichte homosexuellen Paaren, sich in einem der Hamburger Standesämter in feierlichem Rahmen in ein Partnerschaftsbuch einzutragen. Die gleichen Rechte oder Pflichten wie bei einer Ehe ergaben sich daraus nicht, die Eintragung war eher symbolisch. Allerdings konnten die eingetragenen Partner etwa im Falle eines Unfalls als nächster Verwandter im Krankenhaus Auskunft bekommen.

Die ersten Hamburger Ehen wurden am 6. Mai 1999 geschlossen

Die ersten sieben Hamburger Ehen – wie die Eintragung genannt wurde – wurden am 6. Mai 1999 im Eimsbütteler Standesamt geschlossen. Das Ja-Wort nahm den drei lesbischen und vier schwulen Paaren Rolf Paschen ab. Der damalige Leiter des auch für Promi-Hochzeiten bekannten Standesamtes hatte als Vorsitzender des Hamburgischen Landesverbandes der Standesbeamten maßgeblich an dem Gesetz mitgewirkt.

Illustration von Standesbeamten an einerm Schreibtisch
Rolf Paschen, 1999 Leiter des Eimsbütteler Standesamtes, vollzog die ersten sieben Hamburger Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. Illustration: Benjamin Eckert

“Ich bekam im Herbst 1998 einen Anruf aus der Leitstelle für Gleichberechtigung und man fragte mich, ob ich mir so etwas vorstellen kann”, erinnert sich der 81-Jährige heute. Durch seine Frau, die damals in der Leitstelle Aids tätig war, war er bereits für das Thema sensibilisiert worden. “Ich bin ja noch mit dem Paragrafen 175 großgeworden. Aber ich habe durch sie angefangen, darüber nachzudenken, ob das alles so richtig ist”, sagt Paschen.

Die Initiative für das Hamburger Gesetz sei allerdings aus der Politik gekommen, betont der Pensionär. So waren etwa die offen homosexuellen Abgeordneten in der Hamburgischen Bürgerschaft Farid Müller (GAL) und Lutz Kretschmann (SPD) Wegbereiter für die bundesweite Novelle.

Etliche Treffen hat es gegeben, bei denen die Inhalte des Gesetzes und die Art der Umsetzung Thema gewesen sind, berichtet Rolf Paschen. Nach wenigen Monaten wurde die Hamburger Ehe Realität – trotz kritischer Stimmen vonseiten einiger Standesbeamten. “Es gab Kollegen, die danach aus dem Verband ausgetreten sind oder sich sogar haben versetzen lassen”, erzählt der 81-Jährige. Er habe damals viel Gegenwind bekommen, der ihn aber nicht abhielt. “Ich habe immer gesagt, bei den normalen Ehen fragen wir ja auch nicht nach dem Sexualverhalten. Das geht ja auch niemanden etwas an.”

Fotos gibt es von dem denkwürdigen Tag nicht

Obwohl für den Standesbeamten Trauungen Alltag waren, sei er dann am 6. Mai nervös gewesen, gibt Rolf Paschen zu. „Das war ja auch für mich etwas völlig Neues.“ Auch beim bis dahin fest vorgeschriebenen Ablauf einer Trauung musste er umdenken: Bisher wurde immer zuerst der Mann nach dem Ja-Wort gefragt. Das habe er dann etwa mit einer Frage, wer zuerst antworten wolle, gelöst, erzählt der 81-Jährige.

Ansonsten liefen die Eintragungen wie eine normale Eheschließung ab, inklusive Urkunde für die Paare. Nur Fotos gibt es von dem denkwürdigen Tag nicht. Darauf hätten sich alle Beteiligten vorab geeinigt, so Paschen. Besonders beeindruckten ihn damals die Großeltern der Paare. „Die haben sich danach bei mir bedankt. Das war auch für mich sehr emotional.“


Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung, Deutscher Bundestag

Für den Historiker Gottfried Lorenz ist die Hamburger Ehe die erste Stufe auf dem Weg zur rechtlichen Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Der 79-Jährige forscht seit Jahren zur Schwulengeschichte in Hamburg, ist selbst homosexuell. Noch in den 70er-Jahren wären viele in der Community gegen eine Nachahmung der Ehe gewesen, sagt er. Ende der 90er-Jahre war die Situation dann eine andere. “Da war die Zeit reif”, so Lorenz. Die Hansestadt sei zudem nicht nur bei der Hamburger Ehe Vorreiter gewesen: In den 50er- bis 70er-Jahren habe es hier sehr viele Schwulen- und Lesbenbars gegeben. Zudem seien fast alle Zeitschriften für Homosexuelle in Hamburg produziert worden.

Ehe für alle: Gut fürs homosexuelle Selbstbewusstsein

So verwundert es nicht, dass Hamburg nach Berlin im Jahr 2011 eine Bundesratsinitiative zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare startete. Es dauerte allerdings weitere sechs Jahre bis die Ehe für alle tatsächlich kam. „Für das schwule Selbstbewusstsein war diese Gleichsetzung aber gut“, sagt Gottfried Lorenz. Auch Herbert Schöberl findet die Ehe für alle wichtig: „Vorher hat man sich schon als Mensch zweiter Klasse gefühlt.“

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Sandra Jütte, Jahrgang 1985, hat schon beim Imperium gearbeitet. Aber keine Sorge: In diesem Fall ist das eine Schauspielagentur in Berlin. Für ihr Studium der Wirtschaftskommunikation zog sie von Niedersachsen in die Bundeshauptstadt, bevor sie für ein Reisemagazin die Straßen Kapstadts erkundete. Dem Lokaljournalismus blieb sie während ihres Volontariats bei der "Märkischen Oderzeitung" in Brandenburg treu. Die Themen waren dort sogar spannender: Sandra schrieb unter anderem über einen entführten Dackel, den Sexshop im 5000-Seelen-Dorf und dreifachen Mord. In ihrer Zukunft sieht sie sich im Online- oder Fernsehjournalismus, denn sie will mehr als nur Print. Schokolade zum Beispiel. Kürzel: sju

3 KOMMENTARE

  1. Es ist unglaublich wie in diesem Artikel Lesben aus der Geschichte rausgeschrieben werden! Kein einziger Name einer Lesbe wird genannt, das ist unglaublich und unter jedem Niveau!

    • Liebe Frau Monica Tschanz,
      wir hatten eines der lesbischen Paare von damals angefragt, haben aber leider keine Antwort erhalten. Das fanden wir auch unglücklich, wollten aber trotzdem nicht auf den Artikel verzichten. Tatsächlich ist uns im Nachhinein aufgefallen, dass die letzte Zwischenüberschrift einseitig ist. Diese haben wir nachträglich geändert. Vielen Dank für den Hinweis und die konstruktive Kritik. Vielleicht finden Sie folgendes FINK-Interview mit einer russischen LGBT-Aktivistin interessant: https://fink.hamburg/2018/01/lgbt-in-russland-liebe-hat-ihre-grenzen/
      Die FINK-Redaktion

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