Knapp 250 Meter vom Rollfeld des Hamburger Flughafens entfernt versammeln sich täglich Menschen auf der Terrasse des Coffee To Fly, um startende und landende Flugzeuge zu fotografieren. Ein Nachmittag unter Planespottern.

Noch sechs Minuten bis zur nächsten Maschine. Chris Knoll nimmt einen Schluck von seinem Americano ohne Milch und Zucker und zieht seine Jacke an. Er wirft einen letzten Blick auf die Radar-App und den zerknickten Flugplanausdruck. Die Kamera schaukelt vor seiner Brust, als er aufsteht. Noch drei Minuten. Die Kamera ist längst perfekt eingestellt. Er hat einige Probeaufnahmen geschossen. Er drückt auf den Knopf, der die Tür des Cafés öffnet und tritt hinaus in den Wind, der über das Rollfeld fegt. Der Bleistift wird noch fotografiert, dann reicht es für heute.

„Der Bleistift ist lang und dünn, hat eine kleine Spannweite und wirkt durch die hohen Beine sehr elegant“, sagt Chris Knoll. Er spricht von der Boeing 757. Knoll ist Ende Zwanzig und Planespotter. Er fotografiert in seiner Freizeit Flugzeuge. Der Bleistift ist ein beliebtes Motiv in der Szene. Zwei Mal täglich rollt sie über die Start- und Landebahn des Hamburger Flughafens. Hier starteten und landeten laut Jahresbericht 156.574 Flugzeuge im vergangenem Jahr. Fast immer klickte dabei ein Auslöser am Rande des Rollfeldes.

Durch den Zaun fotografieren

Rund um den Hamburger Flughafen gibt es einen Trampelpfad, der direkt am Begrenzungszaun entlangführt. Man kann das gesamte Rollfeld umgehen und Flugzeuge aus unterschiedlichen Perspektiven ablichten. „Der Zaun ist weniger das Problem, da kann man einfach durch die einzelnen Maschen fotografieren“, so Knoll. Problematisch seien eher die hohen Lärmschutzwände.

Treffpunkt für viele Planespotter: Die Terrasse des Coffee to Fly. Foto: Luise Reichenbach

Viele Planespotter fotografieren daher von der Bundesstraße 433 aus. Am Rande eines Wohngebietes liegt das Café Coffee To Fly. Die Terrasse bietet freie Sicht auf die Flugbahn 15/33. Die Flugzeuge starten und landen knapp 250 Meter von dem Café entfernt.

Bei Regen und Wind flüchten die Planespotter zwischen den Aufnahmen ins Warme. Wenn die Sonne scheint und die Luft klar ist, sollte man laut Knoll seine Fotoposition nicht mehr verlassen: Es sei sehr unwahrscheinlich, immer wieder den gleich guten Winkel zu erwischen. Knolls längste Fotosession dauerte zehn Stunden.

Planespotting ist auch Entspannung

Oft haben Planespotter selbst Bezüge zur Luftfahrtbranche: Sie sind Ingenieure, ehemalige Airline-Mitarbeiter oder Schüler, die Piloten werden möchten. Andere sind Hobbyfotografen und schlicht von der aufwendigen Technik der Flugzeuge fasziniert. Viele sagen, dass sie beim Planespotting ausspannen können.

Der Hamburger Flughafen unterstützt dieses Interesse. „Die Planespotter sind willkommen und zeigen, dass bei vielen Menschen ein Interesse am Flugbetrieb, Flugzeugtypen und dem Flughafen Hamburg besteht“, sagt Herbert Schaffner, der an mehreren technischen Projekten des Hamburger Flughafens beteiligt war.

Für einen sicheren Flugbetrieb sei es dabei wichtig, dass sich alle an die Sicherheitsregeln halten und es nicht zu Störungen im Flugbetrieb komme. Probleme oder Komplikationen habe es aber bisher nicht gegeben.

Probeaufnahmen Planespotting
Die Kameraeinstellungen werden zuvor bei Probeaufnahmen getestet. Foto: Chris Knoll

Qualmende Reifen, leuchtende Farben

„Die Landung ist für mich spannender als der Start“, sagt Knoll. Der erste Bodenkontakt, die qualmenden Reifen: Man könne genau sehen, wie die Technik arbeitet. Während Knoll versucht, möglichst viele verschiedene Flugzeugmodelle von seiner Liste zu streichen, sucht der 18-jährige Max Wenzel nach besonders schönen Motiven. „Es gefällt mir, wenn im Bild die kräftigen Farben der Bäume im Hintergrund und die Lackierung der Flugzeuge herausstechen“, sagt er. Dafür sei gutes Licht am wichtigsten. „Mit der Sonne aus dem richtigen Winkel kommen die Farben schön raus.“

Tracker-Apps und Facebook-Gruppen

Mithilfe von Flugplänen, Radar und Tracker-Apps prüfen Planespotter aktuelle Zeit- und Flugpläne. Auf Plattformen wie flightradar24.com finden sie Informationen zu Flugnummern, Modellen oder Routen. Viele teilen ihre Aufnahmen bei Instagram. In Foren, bei Facebook und über WhatsApp geben sich Planespotter gegenseitig Tipps zum Fotografieren oder teilen Informationen zu Airlines und ihren Flugzeugen.

Trotzdem gibt es immer wieder Überraschungen. Auch, weil täglich Flüge gestrichen und umgeleitet werden. Oder ihnen werden andere Landebahnen zugewiesen. Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass Planespotter Flugzeuge verpassen. „Planespotter ärgern sich gerne“, sagt Wenzel. Meist wenn sie sich auf einen Flieger gefreut haben, dieser dann aber auf einer anderen Bahn startet oder landet.“

Der Tresen vibriert und die Gläser klirren

Die Bilder professionell zu vermarkten, steht bei Planespottern nicht im Vordergrund. Wenzel kenne niemanden, der damit Geld verdient. Es gebe auch keine Konkurrenzgedanken. Das beobachtet auch Lukas Benner, der im Coffee To Fly arbeitet und den Planespottern hauptsächlich schwarzen Kaffee über den Tresen reicht. „Es ist sehr bodenständig. Man haut‘ sich auf die Schulter oder neckt sich freundschaftlich, wenn man einen Flieger fotografiert hat, bei dem der Andere zu langsam war.“

Vor dem Tresen stehen Hocker, von denen sich langsam die Bezüge lösen. Es duftet nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Das Kreischen des Milchschäumers wechselt sich mit dem dumpfen Dröhnen der Flugzeuge ab. Wenn eine besonders große Maschine durchstartet, ist die Vibration auf dem Tresen spürbar und die Weingläser klirren im Schrank.

Ist der Flieger am Himmel verschwunden, macht sich auf der Terrasse idyllische Stille und Fernweh breit. „Am liebsten fotografiere ich Flugzeuge mit Bergen im Hintergrund“, sagt Wenzel. Am kommenden Samstag fliegt er zum ersten Mal nach Innsbruck. Vielleicht bekommt er die Möglichkeit eine Boeing 777 zu fotografieren. Oder eine Boeing 757, den beliebten Bleistift.