Ein goldener Hundenapf, Gebissschienen oder der letzte Monatslohn in bar: Am Hamburger Flughafen wird vieles vergessen. FINK.HAMBURG hat sich im Fundbüro des Flughafens umgesehen.

Der hellbraune Plüschbär mit goldenen Knöpfen und einem schwarzen Gürtel wartet schon etwas länger. Er trägt einen roten Hut, am linken Ohr baumelt noch das Etikett mit der Aufschrift „Limited Christmas Edition“. Freddy saß an Heiligabend allerdings nicht unter dem Weihnachtsbaum. Er wartet im Fundbüro des Hamburger Flughafens zusammen mit anderen Plüschtieren darauf, dass er abgeholt wird.

Und er ist nicht der Einzige. Im fensterlosen Raum des Fundbüros riecht es nach PVC. Die Stille wird durch das dumpfe Sirren des Kühlschranks am Ende des Raumes durchbrochen. Metallregale reichen bis zur Decke. Papierschilder und Aufkleber geben Hinweise auf die Inhalte der einzelnen Boxen und Wannen in den Regalen: „Schals Februar Teil 1″ steht darauf. Oder „Dokumente März“. Oder „Kopfbedeckungen April“.

Im Fundbüro des Hamburg Welcome Centers am Hamburger Flughafen wird jeder gefundene Gegenstand angenommen und verwahrt. Das Computersystem des Fundbüros registrierte im vergangenen Jahr rund 8000 Fundstücke. Computer oder Handys werden täglich abgeholt. Schmuck, Kleidung oder Kuscheltiere bleiben länger liegen.

Vom Weihnachtsgeschenk auf die Wartebank

Teddybär Freddy wartet auf seinen Besitzer. Foto: Lissy Reichenbach

Helmut Meierdierks ist seit über zehn Jahren Leiter des Fundbüros. Und er hat schon einiges gesehen. Im Raum des Fundbüros lagern gepackte Koffer und gefüllte Taschen sowie Schränke mit Elektronik neben echten Kuriositäten: ein vergoldeter Hundenapf, Gebissschienen und eine Patronenhülse, die 2015 gefunden wurde. Ein kleines Loch am Patronenhals lässt vermuten, dass sie als Kettenanhänger getragen wurde. Unleserliche Zeichen und Figuren sind in das Obermaterial eingraviert. „Manchmal ist es auch ein bisschen gruselig“, sagt Meierdierks. „Die Patrone wollte nicht einmal das Militärische Museum in Dresden haben.“

Um die einzelnen Kisten besser durchsehen zu können, stapelt Meierdierks Gegenstände auf dem hüfthohen weißen Kühlschrank. Einige gefundene Medikamente wie Insulin müssen kühl gelagert werden. In einem Regal findet Meierdierks eine Papiertüte mit mehreren Urnenkatalogen. „Wir kennen Urnen ja meist nur in runden Formen, aber offenbar gibt es die auch in viereckig oder sogar zum bemalen“, sagt er und blättert die Kataloge durch.

Über eine gefundene Ukulele hat sich der Leiter des Fundbüros sehr gefreut: „Ich kann sie zwar nicht spielen, aber ich übe das einfach in den Pausen, bis sie jemand abholt.“ Meierdierks plant, irgendwann eine Vitrine mit den ganz verrückten Sachen aufzustellen.

Urnenkatalog im Fundbüro
In einem Katalog werden verschiedene Modelle von Urnen präsentiert. Auch er wurde am Flughafen vergessen.  Foto: Lissy Reichenbach

Denn im Fundbüro des Flughafens landen nicht nur Ukulelen oder Urnen-Kataloge. Ein Ehepaar ließ vor drei Jahren seine 3000 Dollar Taschengeld für einen Shopping-Trip in New York an der Sicherheitskontrolle liegen. Ein anderer Fluggast verlor vor zwei Jahren seine gesamten Ersparnisse. Die gesparten Gehälter des philippinischen Seemanns blieben am Flughafen zurück, während er über die Weihnachtstage zu seiner Familie in die Heimat flog. Über die Redereien konnte der Kontakt zum Eigentümer hergestellt und das Geld zurückgegeben werden. „Da waren wir nach wochenlanger Suche sehr erleichtert“, sagt Meierdierks.

Kontrolle und Klo: Wo viel vergessen wird

Viele Gegenstände bleiben an der Sicherheitskontrolle zurück. Reisende fliegen wegen der zusätzlichen Kofferkosten oft nur noch mit Handgepäck. Durch Online-Check-In und Handytickets müssen Fluggäste nicht mehr am Schalter warten und kommen erst kurz vor dem Abflug am Flughafen an.

An den Sicherheitskontrollen sind dann viele sehr hektisch, sagt der Leiter des Fundbüros. „Vor einem liegen ganz viele Plastikwannen. Dann piepst es irgendwo oder das geplante Gate ist nun doch weiter weg. Es ist schwer, da den Überblick zu behalten. Da bleiben einfach viele Dinge zurück.“ Auch auf den sanitären Anlagen ist das der Fall. Oft liegen Schmuck oder Medikamente neben den Waschbecken.

Meierdierks freut sich, wenn verlorene Gegenstände zurück zu ihren Eigentümer*innen gelangen. Foto: Lissy Reichenbach

Versteigern statt verstauben lassen

Sechs Monate müssen die Fundstücke aufbewahrt werden. Was bis dahin nicht abgeholt ist, wird gespendet oder versteigert. Plüschtiere und Kleidung werden zuvor gereinigt. Abnehmer sind unter anderem die Hamburger Seemannsmission „Duckalben„, verschiedene Hospize oder die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Eppendorf. Der Erlös fließt in verschiedene gemeinnützige Initiativen und Vereine in Hamburg.

Ab und zu bedanken sich Fluggäste auch im Nachhinein. „Das ist zwar schön, aber dafür machen wir es nicht“, sagt Meierdierks. Ziel sei es, die Besitzer*innen ausfindig zu machen und ihnen ihre Sachen zurückgeben. „Da macht die Arbeit mit den Fundsachen Spaß.“

Gerne erinnert sich der Leiter des Fundbüros an eine Familie, die einen fünfstündigen Flug auf die Kanarischen Inseln ohne das geliebte Kuscheltier ihrer Tochter antrat. Das verlorene Lieblingsstück saß während des gesamten Urlaubs bei Meierdierks im Regal. Nach der Rückkehr sei das Wiedersehen umso schöner gewesen. „Wie herrlich das Kind sein Kuscheltier in den Arm genommen hat da war ganz viel Freude in den Augen.“

Für Freddy hingegen endet ein weiterer Tag, ohne dass sein Besitzer ihn abgeholt hat.

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Lissy Reichenbach, Jahrgang 1994, hat vier Vornamen. Lissy ist keiner davon. Die Hamburgerin legt sich nicht gerne fest: Sie zog von Hamburg nach Bayern, wechselte von Wirtschaft zur Kommunikationswissenschaft und redet mal über Schrotträder, mal über moderne Malerei. Im Zweitfach studierte sie Kunstgeschichte und lernte beim deutschen Cocktailmeister den perfekten Whiskey Sour zu mixen. Bei Scholz & Friends in Berlin arbeitete sie unter anderem für Amnesty International, Mercedes und Vodafone. Für Montblanc organisierte sie Messen für die neuen Kollektionen in ihrer Heimatstadt Hamburg. Am Wochenende steht sie im Schanzenviertel am Kickertisch oder klappert mit ihrem Rad die Flohmärkte ab, immer auf der Suche nach seltenen Bildern oder neuem Lesestoff. Kürzel: lr

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