Wenn Roberto Passarotto nicht gerade im Miniatur Wunderland arbeitet, trifft man ihn am Elbufer. Dort hat er einen alten Wohnwagen umgebaut – in Eigenregie mit Minibudget und vielen Ideen. Wir haben den Tüftler besucht.

Ein Campingplatz an der Elbe südöstlich von Hamburg: Am Deich stehen Wohnwagen und Wohnmobile, vor malerischer Kulisse mit Blick auf den Jachthafen. Einer sticht aus der Reihe weißer Klötze heraus: Rennwagen-Lackierung, verchromte Radkappen – Roberto Passarottos Wohnwagen ist alles andere, als ein gewöhnliches Gefährt.

Vom 70er-Jahre-Charme, der den „Tabbert Baronesse“ einst umgab, ist nichts mehr übrig. Passarotto hat die Holzvertäfelung entfernt und den Camper zum Tiny House umgebaut: Küche, Dusche, WC, TV, ein Bett und eine Couch es fehlt an nichts. Es ist hell, modern, gemütlich und auf eine charmante Art individuell.

Bootsanleger an der Stoven Elbe
Robertos „Monaco“. Foto: Jannik Golek

Passarotto lehnt sich auf seiner Couch zurück und wirft einen Blick aus dem Fenster. „Du schaust auf den Jachthafen und fühlst dich wie in Monaco“, sagt der 34-Jährige. Er ist ein entspannter Typ. Richtig locker lief es für ihn aber nicht immer.

„Ich hatte keine einfache Schulzeit, weil ich eher der Querdenker war. Ich habe lieber aus dem Fenster geschaut als an die Tafel“, erzählt er. Später arbeitete er in der Tischlerei seines Stiefvaters. Bei sengender Hitze im Dachstuhl rumzukrabbeln, um Dämmwolle zu verlegen, war aber nicht nach seinem Geschmack.

Werkbank in der Bankfiliale

Also machte er sich mit einer Kreativwerkstatt selbständig, um Möbel und Dekoration zu bauen. Das Haus war mal eine Bankfiliale, die Werkbank fand im alten Tresorraum Platz. „Ich hatte nicht viel Geld, deshalb habe ich viele Materialien, wie alte Paletten, recycelt“, so Passarotto. Bilder seiner Arbeiten postete er auf Instagram. Ein Techno-Kollektiv wurde auf ihn aufmerksam und er baute Deko und Sitzecken für ihre Raves.

Die handwerkliche Begabung hat er von seinem italienischen Vater. Er habe schon an Ferraris und Lamborghinis geschraubt. Manchmal kommt Robertos italienisches Temperament durch. Er gestikuliert dann wild und zeichnet Baupläne in die Luft.

Kurs auf Hamburg

Seine Traumwerkstatt liegt jedoch in der Speicherstadt. Das Miniatur Wunderland, die größte Modelleisenbahnanlage der Welt, suchte per Ausschreibung einen „Kreatroniker“. Die Anforderung: Berge versetzen können. Daraufhin drehte er mit Freunden ein Bewerbungsvideo und wurde eingeladen. Am Ende der Castingwoche hatte er den Job.

Von seinem Arbeitsplatz war er von Anfang an begeistert: „Egal was du brauchst, das haben die da.“ Immer wenn er über das Bauen, Basteln und Tüfteln spricht, lächelt er.

„Ich habe mal in einer WG gewohnt. Das ist damit geendet, dass wir uns verprügelt haben.“

Mit dem neuen Job kam die Frage: Wo soll ich wohnen? Der Lärm der Großstadt ist nichts für ihn. Auch mit Wohngemeinschaften konnte sich Roberto noch nie so richtig anfreunden: „Ich habe vor zehn Jahren mal in einer WG gewohnt. Das ist damit geendet, dass wir uns verprügelt haben.“

Auch die hohen Mietpreise in Hamburg brachten ihn dazu, nach einer Alternative zu suchen. „In Hamburg zahlst du 500 bis 600 Euro für ein WG-Zimmer. Dann steht da ein popeliges Bett und ein Schreibtisch in der Ecke. Und du darfst dir noch alles teilen.“

Er recherchierte nach Stellplätzen für Wohnwagen. Peter-Lustig-Fan ist er schon seit früher Kindheit. Er fand einen Campingplatz am Elbufer. Als er seiner Mutter von seinen Plänen erzählt, hält sich ihre Begeisterung in Grenzen. „Daraufhin hat sie mir weitere WG-Angebote geschickt“, erzählt Passarotto und lacht.

Ein Haus auf Rädern

Den Wohnwagen fand Passarotto auf Ebay Kleinanzeigen. „Eine alte Mühle, Baujahr 1972. Ein einfacher Camper“, sagt er. Dann startete das Umstyling.

Im Innenraum setzt sich das Design der Außenlackierung fort – alles im Gulf-Porsche-Design. Sogar die selbst genähten Gardinen leuchten im markanten Orange des alten Rennwagens aus den 70er-Jahren. Während des Umbaus hat Passarotto schon im Wohnwagen gewohnt: „Ich bin vom Sofa aufgestanden, habe weitergebaut und mich abends wieder hingelegt.“

Der Wohnwagen hat sogar eine Unterbodenbeleuchtung, die sich per App über das Handy steuern lässt. Als nächstes möchte Passarotto ein elektrisches Panorama-Dachfenster einbauen und eine Modelleisenbahn quer durch seine Bleibe fahren lassen. In dem Wohnwagen verbringt er seine Zeit unter der Woche. An Wochenenden fährt er in seine Heimatstadt Bückeburg in Niedersachsen.

Was braucht es zum Glücklichsein?

Minimalismus und Nachhaltigkeit liegen gerade voll im Trend. Und Roberto Passarotto? Für ihn sind diese Ansätze schon lange Lebensmotto. „Ich versuche immer aus den günstigsten Mitteln das Beste rauszuholen“, erklärt er. Das Geländer an seiner Eingangstür hat er aus Ästen aus dem Wald gebaut. Andere Bauteile versucht er zu recyceln: „Manche Sachen begleiten mich mein Leben lang. Die baue ich irgendwo aus und in neue Sachen wieder ein.“

Du kannst für eine Küche 15.000 Euro ausgeben, aber wie viel Platz brauchst du effektiv zum Kochen?

Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Wo hört Sinnhaftigkeit auf, wo fängt Überfluss an? Solche Fragen stellt sich der Camper am Elbufer. „Du kannst für eine Küche 15.000 Euro ausgeben, aber wie viel Platz brauchst du effektiv?“, sagt er und deutet auf seinen kleinen, aber funktionalen Kochbereich. Sogar einen Backofen hat er im Wohnwagen.

„Alter, leb‘ doch erstmal“

Für seinen Camper hat er inklusive Umbau etwa 3.000 Euro bezahlt. „Ich wette die Leute mit 100.000 Euro teuren Wohnmobilen haben es nicht so bequem wie ich.“ Hätte er mehr Geld zur Verfügung gehabt, würde sein Anhänger jetzt fliegen und schwimmen können, so der Tüftler.

Roberto Passarotto fährt sich durch den Bart und lächelt, Szene in seinem Wohnwagen
Auf Robertos Mund zeichnet sich ein Lächeln ab, sobald er über neue kreative Ideen spricht. Foto: Jannik Golek

Passarotto findet, junge Menschen machen sich selbst zu viel Druck: „Viele Leute jammern mit Anfang 20 rum, sie hätten dieses und jenes nicht. Alter, leb‘ doch erstmal.“ Er hätte die Tischlerei seines Stiefvater übernehmen können, entschied sich aber dagegen. Der habe immer sehr gestresst gewirkt.

Wohnwagen auf dem Ponton

In seinem Heim an der Elbe ist er glücklich. In die Hamburger Innenstadt würde er nur unter einer Bedingung ziehen: „Wenn ich mit dem Wohnwagen direkt in der Speicherstadt stehen könnte. Am besten auf einem Schwimmponton. Das wäre der Hammer.“

Klingt schwierig – einem alten Camper aus den 70ern zu einem vollwertigen Zuhause zu machen, aber auch. Um es mit Robertos Worten zu sagen: „Die Welt steht einem offen und man kann lassen und tun, was man will.“

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Jannik Golek, geboren 1994 in Altona, backt Pizza, die sogar Otto Waalkes schmeckt. Der Hamburger mit kroatischen Wurzeln ist nachtaktiv und morgens passiv, was er durch mindestens fünf Becher Kaffee ausgleicht. Überschüssige Energie baute er bei waghalsigen Bungeesprüngen im australischen Regenwald ab. In Hamburg nutzt er sie für Headbanging im Proberaum seiner Metalcore-Band “Call me home”. Nach dem Studium des Bibliotheks- und Informationsmanagements ist er als Frontend-Entwickler in einer Musikagentur tätig. Für diese hat er eine Website für die DJ-Szene umgesetzt und sich um deren Usability gekümmert. In der KFZ-Werkstatt seines Vaters schraubte er schon als Jugendlicher, seitdem ist er fasziniert von allem, was Motoren und Räder besitzt. Wenn sich das Hamburger Schietwetter erbarmt, ist er auf einem seiner beiden Motorräder unterwegs. Kürzel: jag

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