Zwischen Schachbrettern, im Boxring, auf zerbombten Straßen – in ganz unterschiedlicher Kulisse zeigen 144 Filme die Lebensrealität von Menschen auf der ganzen Welt. Auf diese Beiträge ist die Redaktion beim Filmfest Hamburg besonders gespannt.

„Das Wunder von Marseille“

Lissy: Die Heimat und Familie zurücklassen und von vorne anfangen müssen – für mich ist das unvorstellbar. Für den achtjährigen Protagonisten aus Bangladesch ist das schlimme Realität. Fahim Mohammad flieht im Film „Das Wunder von Marseille“ mit seinem Vater nach Frankreich. In Paris sind sie jedoch nicht in Sicherheit: Hier droht die Ausweisung.

Zerstreuung in der bedrohlichen Situation findet der Junge im hiesigen Schachclub. Fahims Talent ist die letzte Hoffnung, in der neuen Heimat bleiben zu dürfen. Gemeinsam mit Trainer Sylvain bereitet er sich auf die französische Schachmeisterschaft vor.

Sehr gespannt bin ich auf Gérard Depardieu, der als schroffer Schachtrainer in Originalsprache von der Leinwand brüllt und sich dann doch für Fahim einsetzt. Da bleibt bei mir wahrscheinlich kein Auge trocken. Die Taschentücher sind eingepackt.

„Homs und ich“

Max: Wenn aus der Angst zu sterben, eine Angst zu leben wird – so beschreibt Sulaiman Tadmory das Gefühl während des syrischen Bürgerkriegs.

Der Regisseur ist 23 Jahre alt, als Assads Armee die Altstadt von Homs umstellt. So alt bin ich gerade auch. Während meine Probleme sich um geschwundenes Datenvolumen drehen, ist er zwei Jahre lang im Kriegsgebiet eingeschlossen.

Von diesen Erfahrungen handelt sein Dokumentarfilm „Homs und ich“. Er zeigt Bilder, wie sie die Tagesschau fast täglich liefert. Fernab meiner eigenen Realität. Aufnahmen von zertrümmerten Häusern, Rauchschwaden und Schutt. Von Kindern, die darin spielen. Im Hintergrund fallen dumpf die Bomben.

Ausgestattet mit einer einfachen Spiegelreflexkamera zeigt Tadmory der Welt, was in Syrien passiert. Die Bilder sind verwackelt, nicht immer sauber. Gerade dieses Ungefilterte ist für mich spannend an Tadmorys Film.

„Woran denkst du, mein Lieber?“, fragt er einen Mann, der in Richtung Himmel schaut. „An Schwalben“, sagt der. Gefangen in der Enge von Homs. Und mir drosselt jemand das Internet.

„Gipsy Queen“

Lisa: Immer tough sein, kämpfen und seinen Platz im Leben finden. Im Sozialdrama „Gipsy Queen“ kämpft sich eine junge Frau, gespielt von Alina Serban, im wahrsten Sinne durch das Leben.

Ali arbeitet als Putzkraft in der Hamburger Kultkneipe Ritze, nachdem sie aus ihrem Heimatdorf in Rumänien verstoßen wurde. Als der Chef des Etablissements, gespielt von Tobias Moretti, auf sie aufmerksam wird, bereitet er ihr den Weg in den Boxring. Die Kneipe gibt es wirklich in Hamburg und tatsächlich wird dort auch noch heute im Keller geboxt.

Schon im Trailer wird deutlich, wie die Hauptdarstellerin für ein besseres Leben kämpft. Ich möchte mehr über diese junge Frau erfahren. Sie steht am Rande der Gesellschaft, aber im Mittelpunkt des Films. Im wahren Leben wäre ich einem Charakter wie ihr vielleicht niemals begegnet.

„Bewegungen eines nahen Bergs“

Dustin: Er ist ein Bindeglied zwischen den Verwertungsketten der ersten und dritten Welt: Der Nigerianer Cliff zerlegt in seiner Werkstatt in der österreichischen Alpenprovinz  Gebrauchtwagen und verkauft Einzelteile in sein Heimatland.

Die Dokumentation von Regisseur Sebastian Brameshuber kommt ohne Musik aus und beeindruckt mit intensiven Bildern. Einsam, zwischen Fahrzeugen und Hilfsgeräten, wirkt Cliff in seiner großen Werkshalle völlig isoliert von der Umwelt.

Nur eine Schnellstraße trennt die Wälder der steirischen Alpen von der alten Industriehalle, in der ausrangierte Karosserien, Autoreifen und Motoren liegen. Der Metall- und Motorenlärm kracht auf die Klänge der umliegenden Natur.

Ich will sehen, wie weit der Film hinter die Fassade des Charakters blickt. Cliff scheint ein Protagonist zu sein, der trotz seiner unsicheren Situation eine enorme Souveränität ausstrahlt und zwischen zwei Welten vermittelt, um zu überleben.

„Ask Dr. Ruth“

Carlotta: Richtig guter Sex!

Jetzt, wo ich eure Aufmerksamkeit habe: Lasst uns über Sex-Therapie sprechen. Beziehungsweise über die Dame, die das Sprechen über Sex in den USA revolutioniert hat.

Die Dokumentation über das Leben von Dr. Ruth Westheimer verspricht viel: Eine quirlige, 1,40 Meter große Frau mit ovaler Brille und lockiger Föhnfrisur gibt im amerikanischen Talk-TV Orgasmustipps und spricht über Sex von Paaren ab 50. Das tut sie noch heute, mit 91 Jahren.

„She has a deep german accent and she talks about sex“, heißt es im Trailer. Dr. Ruth war in  über 450 Radio- und TV-Sendungen zu hören und zu sehen. Im Amerika der 80er wird sie angehimmelt, selbst wenn sie den Fokus auf Geschlechtskrankheiten und Homosexualität legt.

In der Dokumentation geht es auch um ihr Leben vor dieser Zeit: Ruth Karola Westheimer flüchtete 1938 als zehnjähriges jüdisches Weisenmädchen aus Hessen in die Schweiz und emigrierte mit 28 für ein Masterstudium an der Columbia University in die USA.

Die Doku „Ask Dr. Ruth“ zeigt ihre komplexe Lebensgeschichte, die man nicht erahnt, wenn man in ihr verschmitztes Gesicht blickt. Ich freue mich auf eine geballte Ladung Female Power, Dirty Talk und reflektierte Ehrlichkeit.

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Simon Schröder, Jahrgang 1992, fehlt als Schönwetter-Surfer nur eines an seiner geliebten Heimatstadt: Dauersonne. Deshalb entflieht er jeden Sommer Hamburgs Schmuddelwetter und arbeitet als Wellenreitlehrer an der französischen Atlantikküste. Sein Studium der Kulturwissenschaften in Lüneburg war ihm zu theoretisch. Praktische Arbeit fand er nach seinem Abschluss bei den Online-Magazinen "Zeitjung" und "Bento". Mit seinem Gespür für Menschen interviewte er Pornoproduzenten, Freier und Lehrer. Wenn er es an seinem Schreibtisch nicht mehr aushielt, kochte er im Nil und Salt & Silver. Für seine zwei Mitbewohner macht er noch heute seine raffinierte Bolognese. Geheimzutat: Schokolade. Das würde er aber nie jemandem verraten. Kürzel: sis
Harald Schmidt hat 1995 gesagt, dass Kinder nur noch Max, Paul oder Leonard heißen. „Namen wie blank geputzte Holztische“. Zu diesem Zeitpunkt war Max Paul Leonard Nölke seit zwei Monaten auf der Welt. Der Dortmunder Knirps teilt mit seinen Namensvettern Hobbys wie Fußball, Musik hören und Freunde treffen. Soweit, so blank geputzt. Markanter ist Max‘ Schreibe. Der herbe Ruhrpott-Schlag gepaart mit seinem Feingefühl brachten ihn in die Redaktionen der Dortmunder “Ruhr Nachrichten” und der Berliner “taz”. In Marburg hat er Sprache und Kommunikation studiert, kann auf Italienisch einen Ramazzotti bestellen und auf Niederländisch eine Frikandel Speciaal. Am liebsten sind ihm aber die Kohlrouladen von Mama. Irgendwann will er mal mit Olli Schulz ein Fischbrötchen verspeisen. Der ist sowieso lustiger als Harald Schmidt. Kürzel: max
Die Lieblingsfarbe von Carlotta Schaffner, Jahrgang 1995, ist marineblau – klar für eine echte Hamburgerin. Ihre Urgroßmutter führte ein Hutgeschäft auf der Mönckebergstraße, die Großeltern machten daraus später ein Modekaufhaus. Das Modejournalismus-Studium in Hamburg war für Carlotta die logische Konsequenz. Für die Fashionlabels Edited, Aeyde und Be Edgy Berlin war sie unter anderem für kurze Zeit Chefredakteurin, Head of PR oder die Praktikantin. Dabei kam sie auch mal mit Andreas Bourani ins Gespräch, es ging um Neurowissenschaften. Von Berlin ging es nach Lissabon: Dort lernte Carlotta zwar kein Portugiesisch, dafür aber fließend HTML, CSS und Javascript. Das Pastel de Nata tauschte sie für den Master wieder gegen Franzbrötchen – den Hamburger S(ch)nack mag sie immer noch am liebsten. Kürzel: cas
Luise Reichenbach, Jahrgang 1994, hat vier Vornamen, nutzt aber keinen davon. Die Hamburgerin legt sich nicht gerne fest: Sie zog von Hamburg nach Bayern, wechselte von Wirtschaft zur Kommunikationswissenschaft und redet mal über Schrotträder, mal über moderne Malerei. Im Zweitfach studierte Lissy Kunstgeschichte und lernte beim deutschen Cocktailmeister den perfekten Whiskey Sour zu mixen. Bei Scholz & Friends in Berlin arbeitete sie unter anderem für Amnesty International, Mercedes und Vodafone. Für Montblanc organisierte sie Messen für die neuen Kollektionen in ihrer Heimatstadt Hamburg. Am Wochenende steht sie im Schanzenviertel am Kickertisch oder klappert mit ihrem Rad die Flohmärkte ab, immer auf der Suche nach seltenen Bildern oder neuem Lesestoff. Kürzel: lr
Lisa Sophie Kropp, Jahrgang 1994, braucht zum Feierabend kein Bier, sondern ein Stück Käse. Für ihren Bachelor in Inklusiver Pädagogik pendelte sie drei Jahre lang von Hamburg nach Bremen und kann seitdem in jeder Bahn schlafen. Nach dem Studium lernte sie in Australien Wein herzustellen, schlürfte Pho in Vietnam und ergriff auch in Thailand Pad Thai für gutes Essen. Zurück in Hamburg stieg sie konsequenterweise als freie Mitarbeiterin des Magazins „Food and Travel“ ins Berufsleben ein. Für das „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie über die besten Grillplätze und das Kulturprogramm Harburgs. Neben den Deichtorhallen und dem Deutschen Schauspielhaus findet man Lisa häufig im Abaton. Sie liebt deutsche Filme – aber nicht Matthias Schweighöfer. Der ist ihr zu cheesy. Kürzel: lis
Dustin Balsing, geboren 1993, verwandelte als Kapitän seiner Tennismannschaft gleich zweimal den alles entscheidenden Matchball zum Aufstieg. Auch sonst ist er sportbegeistert. Neben Tennis und Basketball gilt seine größte Leidenschaft dem Fußball. Für sein Studium der Publizistik ging er als Numerus-Clausus-Flüchtling von Würzburg nach Wien. Dort schrieb der gebürtige Kölner und Hertha-Fan Beiträge und Moderationstexte für einen Nachrichtensender und arbeitete über ein Jahr als Online-Redakteur beim Sportportal “Laola1”. Wien ist für ihn wie ein riesiges Museum, nicht nur die Stadt, sondern auch der Dialekt machen ihm Spaß. Kölsch, Schwäbisch, Sächsisch, Berliner Schnauze: Dustin spricht zwar nicht jede Sprache, aber dafür so gut wie jeden Dialekt. Bald schnackt er auch wie ein Hamburger Jung. Kürzel: dub

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