„Cash & Carry“ ist der 16. Fall der Hamburger ZDF-Kult-Krimireihe „Nachtschicht“ von Lars Becker. Ein spannender Spielfilm, der auf humorvolle Weise ernste Themen wie Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt behandelt. 

Was ist Racial Profiling und ist das überhaupt erlaubt?
Das Bundespolizeigesetz besagt, dass Beamte Menschen befragen dürfen, wenn „Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass die Person sachdienliche Angaben für die Erfüllung einer bestimmten bundespolizeilichen Aufgabe machen kann“. In der Vergangenheit reichten verschiedene Institutionen, darunter sogar die Vereinten Nationen und das Deutsche Institut für Menschenrechte, Beschwerde gegen das Bundespolizeigesetz ein. Das Gesetz sei darauf angelegt, dass Bundespolizisten anhand von Pauschalverdächtigungen selektive und damit rassistische Personenkontrollen vornehmen.

Nachts in Barmbek-Nord: Ein schwarzer Mann steigt in einen BMW. „Guck dir den Typen an. Parkt auf dem Bürgersteig und kann sich den Wagen legal überhaupt nicht leisten“, sagt Streifenpolizist Harry Tönnies (Benno Fürmann). Seine Kollegin Milla (Friederieke Becht) kritisiert, das sei Racial Profiling. „Das ist kein Racial Profiling, solange es überproportional viele Straftäter mit Migrationshintergrund gibt. Wenn die Mehrheit einer Minderheit kriminell ist, dann kommst du mit ‚politisch korrekt‘ nicht weiter“, widerspricht Harry. Dann fordert er den Mann auf, aus dem Auto zu steigen.

Der Schwarze ist Elias Zekaries (Tedros Teclebrhan), ein Nachtschicht-Polizeikollege der Streifenpolizisten. Gemeinsam mit dem Kriminalbeamten Erich Bo Erichsen (Armin Rohde) war er gerade dabei, einen Mann wegen Geldraubes festzunehmen. Doch während Erichsen sich wegen der Festnahme seines Kollegen echauffiert, entkommt der Ganove.

Tedros Teclebrhan, als Teddy bekannt, Rolle ist schauspielerisch keine Herausforderung – wenige Sätze, wenige Emotionen. Aber mit seiner Stimme, seinem trockenen Humor und dem etwas Polizei-untypischen Slang bildet er einen herrlichen Kontrast zum alten Nachtschicht-Hasen Armin Rohde.

Nächste Szene: Der Ganove flüchtet zu einem befreundeten Kongolesen in Steilshoop. Sie hecken sofort den nächsten Plan aus, reißen in der Großen Bergstraße in Altona mithilfe eines Gabelstaplers einen Geldautomaten aus der Wand und flüchten mitsamt 150.000 Euro Beute. Die beiden Streifenpolizisten Harry und Milla werden Zeugen ihrer Straftat und halten die Diebe auf. Harry fordert die Gangster auf, sich zu ergeben. Er wird erschossen. Die Polizeijagd beginnt.

Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung

„Nachtschicht – Cash & Carry“ schafft es auf humorvolle Weise ein Problem zu behandeln, mit dem die ganze Welt zu kämpfen hat: Rassismus. Alleine in Deutschland zählte 2018 das Bundesinnenministerium 7.701 rassistische Straftaten. Das waren rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotz des lockeren Tons macht der Krimi deutlich, wie ernst Rassismus genommen werden sollte. „Es gibt systematische Ausweiskontrollen bei arabischen und schwarzen Personen. Nimm das mal ernst, Erich“, sagt Elias zu seinem Kollegen.

In „Cash & Carry“ kommt es auf dem Präsidium auch zu Reibereien unter den Beamt*innen. „Wenn du dazugehören willst, dann musst du bei den Kanacken mal Kante zeigen“, sagt Polizist Roland (Maximilian Brückner) zu Elias, als der eine Zeugenbefragung machen will.

Lisa Brenner (Barbara Auer) und Erich Bo Erichsen (Armin Rohde) unterhalten sich auf dem Krankenhausflur. Foto: Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH
Lisa Brenner (Barbara Auer) und Erich Bo Erichsen (Armin Rohde) unterhalten sich auf dem Krankenhausflur. Foto: Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH

Währenddessen macht Milla ihrem Unmut ihren Vorgesetzten gegenüber Luft. Sie fühlt sich als Frau falsch behandelt: „Auf der Straße haben Türken und Araber sowieso ein Problem damit, dass ich Polizistin bin. Die fühlen sich in ihrer Ehre gekränkt, weil ich eine Frau bin!“ Der Zuschauer allerdings fragt sich: Wenn man selbst diskriminiert wird, sollte man dann mit einer rassistischen Aussage wie dieser zurückschlagen?

Eine besonders lustige Szene im „Nachtschicht“-Krimi: Ein Zeuge für den Diebstahl in Altona ist ein Busfahrer. Er erkannte den kongolesische Straftäter aus Steilshoop. „Naja, ich bin Nigerianer, er Kongolese… das geht vielleicht noch“, antwortet der Busfahrer als Erichsen mit sarkastischem Unterton nachhakt, ob man sich dann überhaupt untereinander anzeigen könne.

Kein moralischer Zeigefinger

Auf der Jagd nach dem Mörder ihres Kollegen verprügeln Polizeibeamte einen der mutmaßlichen Straftäter, damit er gesteht. Allen voran übernimmt Polizist Roland (Maximilian Brückner) die Rolle des Arschlochs. „Arschloch“ und „Scheiß“ sind übrigens die wohl meistbenutzten Worte im ganzen Film. Zurück auf dem Polizeipräsidium behauptet Roland er habe eine routinemäßige Personenkontrolle durchgeführt. „Den Tatverdächtigen gestellt und dann das Übliche: erst Beamtenbeleidigung und dann Widerstand gegen die Staatsgewalt. Polizeigewalt ist Notwehr!“

Dem ist aber nicht so – zumindest nicht grundsätzlich. Zwar ist umstritten, inwiefern sich Polizist*innen auf das Notwehrrecht berufen können, wenn er selbst angegriffen wird. Allerdings sind allgemeine Rechtfertigungsgründe des Strafrechts für Notwehr nicht auf Beamt*innen anwendbar. Außerdem erfordert jeder hoheitliche Eingriff der Polizei einer gesetzlichen Ermächtigung. Einen Menschen zu verprügeln, damit er sagt, was man hören will, gehört da wohl nicht dazu.

„Nachtschicht – Cash & Carry“ ist ein weiterer gelungener „Nachtschicht“-Krimi von Lars Becker. Rassismus, Diskriminierung und Polizeigewalt sind Themen, die in der heutigen Gesellschaft so präsent sind wie noch nie. Eine Studie der Universität Bochum ermittelte 12.000 Verdachtsfälle illegaler Polizeigewalt pro Jahr. Becker hat es mit seinem Film geschafft, die Probleme darzustellen und zum Nachdenken anzuregen, ohne moralisch dezidiert einzuordnen, welche Aussagen richtig oder falsch sind. Das muss der Zuschauer schon selbst erkennen.

Ein Ausstrahlungsdatum für den ZDF-Film ist noch nicht bekannt. 

Titelfoto: Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH/Filmfest Hamburg

Das war das Filmfest Hamburg 2019. Hier gibt’s den Überblick.

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