Mit elf Jahren fing Disarstar an zu rappen. Heute ist der Hamburger 26 und bringt im März sein viertes Album heraus. In seinen Texten geht es um die Gesellschaft, Verletzbarkeit und Sinnsuche. FINK.HAMBURG hat mit dem Musiker über Sexismus, Pubertät und Politik gesprochen.

Wer sich die deutschen Rapcharts derzeit anschaut, stößt auf Songs mit sexistischen, homophoben und prolligen Texten: Rapper wie Apache 207, Capital Bra oder Bonez MC erzählen von Frauen, die kochen und putzen sollen, von Männern, die Schwuchteln sind und von Platinfelgen, die geiler sind, als alles, was bis dato war.

Und dann gibt es da Disarstar, der nicht über Messerstechereien und Koks rappt. In seinen Texten geht es um Verletzbarkeit, Gefühlschaos und Sinnsuche. Wie passt dieser Mann in dieses Business?

Der Rapper Disarstar ist als Gerrit Falius in Hamburg aufgewachsen. Er hat früh die Schule abgebrochen und sich viele Jahre orientierungslos in der Welt bewegt, wie er sagt. Heute lebt er auf St. Pauli, ist bei Warner Music unter Vertrag und bringt im März sein viertes Album heraus.

Deine Texte handeln von Verletzbarkeit, Depressionen und Identitätsfindung. In „Wie es geht“ etwa kritisierst du die Homophobie in der Gesellschaft. Muss man als Rapper heute nicht prollige, sexistische und schwulenfeindliche Texte schreiben, um Erfolg zu haben?

Disarstar: Ich glaube, ich habe ein anderes Verständnis von Rapmusik als viele andere Musiker. Ich verstehe mich viel mehr als Künstler. Zum Beispiel finde ich die Musik von Apache 207 cool, respektiere sein Verständnis von Kunst, aber seine Texte sind immer von Sexismus geprägt. Das ist aus idealistischen Gründen ein Problem für mich. Rap ist fast ein neues Genre geworden heute, das sich für mich nicht anbietet.

Disarstar sitzt an einem Tisch, redet und hat vor sich ein Wasser stehen. Foto: Dustin Balsing
Disarstar über seine Jugend, seinen Aufstieg und Probleme, die er in unserer Gesellschaft sieht. Foto: Dustin Balsing

„Ich hab‘ mich selber verloren und ich suche nach mir und ich finde mich in jeder dieser Narben der Stadt […] Ich will in zehn Jahren sagen können ‚Ich hab‘ es geschafft'“.  Die Line ist aus deinem Song „Tanz mit dem Teufel“ von 2011, damals warst du 17. Glaubst du, heute mit 26, du hast es geschafft?

Disarstar: Ich glaube, dass ich damals eine ganz andere Realität hatte. Das war in einem Pubertätsprozess, alles sehr dramatisch und destruktiv. Ich hatte damals einfach nicht so eine gute Zukunftsprognose und mir ging es nicht gut. Das ist heute anders. So gesehen, habe ich es heute auf jeden Fall geschafft.

Disarstar heißt mit bürgerlichem Namen Gerrit Falius, ist 26 Jahre alt und in Hamburg geboren und aufgewachsen. Seine ersten Rapversuche hatte er mit elf Jahren. Seit 2017 steht er bei Warner Music Germany unter Vertrag.

Wie sah deine Jugend denn aus?

Disarstar: Verrückt. Ich habe ab 14 Jahren derbe viel gesoffen. Jedes Wochenende ausnahmslos mindestens zweimal betrunken. Diese Zeit war durch eine krasse Orientierungslosigkeit geprägt. Ich glaube aber auch, dass sich das in meiner damaligen Lebenssituation schlimmer angefühlt hat, als für die meisten anderen. Die Suche nach Identität ist ja klassisch pubertär. Bei dem einen ist es dramatisch, beim anderen passiert das von alleine.

Ich finde aber, deine Texte sind heute nicht minder dramatisch: Du kritisierst die Gesellschaft, die Politik und den Kapitalismus, suchst deinen Platz in dieser Welt und bist dahingehend sehr autobiografisch. Wie viel Mut gebraucht es, um sich so verletzbar zu machen?

Disarstar: Ich habe mich mit einem ehrlichen öffentlichen Umgang mit mir selbst immer stärker und selbstbewusster gefühlt. Damals waren das Depressionen, schon Richtung Psychose. Heute ist meine Emotionalität mehr in einem normalen Spektrum, nicht mehr so dramatisch.

Also bist das immer du, Gerrit, wenn du als Disarstar auftrittst oder ist das eine Kunstfigur?

Disarstar: Teils, teils. Gerrit kann viel mehr sagen, machen und sein, als Disarstar das jemals könnte. Disarstar hat ein Profil und es gibt Leute, die Erwartungen an diese Identität haben. Da sind natürlich viele Aspekte von meiner Persönlichkeit drin, aber es bleibt ein Künstlername. Und der ist immer zensiert.

Ich habe nicht mehr das Gefühl, irgendeinen Auftrag zu haben.

Das siehst du anders als viele andere Künstler*innen, die sich in ihrer Künstlerrolle freier fühlen als in ihrem bürgerlichen Leben. Siehst du in Disarstar einen Auftrag, den du erfüllen musst? 

Disarstar: Ich habe damals Songs wie „Tanz mit dem Teufel“ gemacht. Dann haben Leute Erwartungen auf mich projiziert. Die habe ich angenommen und hatte das Gefühl einen Auftrag zu haben. Mittlerweile habe ich mich davon befreit und nicht mehr das Gefühl, irgendeinen Auftrag zu haben.

„Was aus sich und somit das beste aus dieser Welt machen.“ Versuchst du mit Textzeilen wie dieser, Leuten einen Halt zu geben, die durch ähnliche Zeiten gegangen sind?

Disarstar: Nicht primär. Ich bin jetzt immer in Kreuzberg zum Mukke machen, weil meine Produzenten da sitzen. Da hänge ich dann zwei Wochen rum und wir machen uns eine gute Zeit. Und machen halt Kunst. Da sitze ich nicht und versuche eine Wissenschaft draus zu machen. Bestimmt erkennen sich einige Leute in meinen Songs wieder, aber wenn nicht, ist auch egal.

Was brauchst du, um Musik machen zu können?

Disarstar: Ich kann in Hamburg keine Musik mehr machen. Das fängt schon damit an, wenn ich weiß, dass ich abends noch Wäsche machen oder Geschirr spülen muss. Ich muss raus aus diesem Alltagsscheiß. Ich brauche Anormalität, um kreativ zu sein.

Also musst du auf lange Sicht raus aus Hamburg?

Disarstar: Ich habe tausend Ideen. Im Dezember habe ich mein Abi am Abendgymnasium nachgeholt. Vielleicht gehe ich an die Schauspielschule, vielleicht nach Wien, mal sehen.

Heißt, du wirst der nächste Studentenrapper à la Prinz Pi.

Disarstar: Um Gottes Willen. Dafür bin ich dann doch zu sehr vom Ghetto sozialisiert. Dafür war meine Jugend zu loco.

Aber politisch bist du auf jeden Fall. Du hast einen Diss-Track gegen AfD-Politikerin Alice Weidel gemacht, im Musikvideo zu „Robocop“ posierst du vor der Antifa. Daher wirst du auch in der linksradikalen Szene gefeiert. War das so geplant?

Disarstar: Linksradikale Szenen sind auch ein Teil von mir. Heute nicht mehr so sehr wie früher, trotzdem finde ich es gut, auch aus diesen Teilen gefeiert zu werden. Aber auch das ist kein Korsett, wonach ich mich richte. Ich mache keinen Rap für diese Leute.

Viele deiner Fans feiern dich, gerade weil du lange underground warst und ein Stück weit noch bist. Du nennst dich selbst einen Antikapitalisten. Wie passt das dazu, einen Major Deal bei Warner Music zu haben?

Disarstar: Du musst dir anschauen was für Systeme die Menschheit bisher durchlaufen hat. Ich übe Kritik, weil der Kapitalismus extrem viele Schwächen hat. Früher gab es den Feudalismus, irgendwann mal die Sklaverei. Das ist alles nicht gut und auch der Kapitalismus ist nicht das Ende der Geschichte. Es ist nicht das geilste Wirtschaftssystem, aber ich kann das sagen, ohne davon frei zu sein, Geld verdienen zu müssen, um meine Miete zu zahlen und mein Leben zu gestalten.

Wie sehen deine Fans das?

Disarstar: Ich habe kein Bock mir Gedanken zu machen, was Leute von mir halten. Ich liebe die Leute dafür, dass sie mich lieben, das ist ein tolles Gefühl, aber das heißt nicht, dass die entscheiden, was ich mache.

Disarstar und FINK-Redakteur Max Nölke unterhalten sich am Tisch. Foto: Dustin Balsing
„Ich hab kein Bock mir Gedanken zu machen, was Leute von mir halten“, sagt Disarstar. Foto: Dustin Balsing

Du hast mal gesagt „Deine ganze Generation steckt in einer Depression“. Siehst du das nach wie vor so?

Disarstar: Unsere Gesellschaft ist auf so vielen Ebenen in einem Transformationsprozess. Unsere Eltern haben nach der Schule eine Ausbildung gemacht oder studiert, dann gearbeitet und dann ist man gefälligst erst mit 55 depressiv geworden und hat ein Alkoholproblem entwickelt. Heute herrscht eine generelle Orientierungslosigkeit, finde ich. Wie viele wissen in unserem Alter nicht, was sie wollen oder machen irgendetwas, worauf sie gar keinen Bock haben. Ich merke das krass in meinem Umfeld.

Wie kommt man denn deiner Meinung nach aus dieser Spirale der Identitätssuche und Orientierungslosigkeit heraus?

Disarstar: Es geht viel um Träume und Visionen. Nicht mal, ob die wahr werden. Es geht darum, etwas vorzuhaben, worauf man sich freut. Das ist eine Essenz, die ich aus meinem bisherigen Leben gezogen habe.

Das klingt hoffnungsvoll. Was macht dir Mut?

Disarstar: Das finde ich schwierig. Wenn ich mir Hans-Georg Maaßen (ehemaliger Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Anm. d. Redaktion) angucke, der bei Markus Lanz sitzt und sagt, es sind die Leute aus der Mitte der Gesellschaft, die losziehen und Asylbewerberheime anstecken, ist das sehr entmutigend. Aber es geht irgendwie immer weiter und die Dinge entwickeln sich. Dieser dialektische Prozess macht mir Hoffnung.

Früher hat dir Rap Hoffnung gegeben und dir einen Ausweg gezeigt. Welcher Rapper hat dich damals geprägt?

Disarstar: Wenn ich einen nennen müsste: Bushido. Sein Album „Von der Skyline zum Bordstein“ fand ich 2006 mit 13 Jahren so geil. Damals hatten wir MP3-Player und es gab einen in deinem Bekanntenkreis, der das Internet verstanden hat. Der hat die Dinger aus dem Netz gerippt. Es haben nur 20 Songs drauf gepasst und die hast du dann drei Monate lang von morgens bis abends gehört. Nach ein paar Monaten gab es dann erst wieder neues Zeug.

Und prägt dich Bushido heute immer noch?

Disarstar: Natürlich finde ich den politisch gesehen super scheiße. Seine Inhalte und was er verkörpert, finde ich nicht gut. Das fliegt ihm momentan aber auch alles um die Ohren. Trotzdem kann ich den Impact nicht wegdiskutieren, den er früher auf mich hatte.

Disarstars Album „Klassenkampf und Kitsch“ kommt am 6. März heraus. Die Tour beginnt am 13. März. In Hamburg tritt Disarstar am 30. Mai in der Großen Freiheit auf.