Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien: Ein Verbrechen oder Teil der Fankultur? Diese Debatte läuft seit über einem Jahrzehnt. Nun hat ein Däne „kalte Pyrotechnik“ entwickelt, der HSV könnte zum Vorreiter werden. Kann das klappen? Ein Kommentar.

Pyrotechnik ist wie Kiffen. Es brennt, qualmt, ist verboten und kann für berauschende Stimmung sorgen. „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ heißt es aus den Fanblöcken deutscher Stadien. Klingt wie „Legalize it“. Können Vereine und Verbände womöglich von der Drogenpolitik lernen?

Juristisch ist das Abbrennen von Pyrotechnik nur eine Ordnungswidrigkeit. Dennoch lässt der mediale Ton anderes vermuten: „Pyro-Skandal“, „Krawall-Fans“, „Irrsinn“, „vermummte Hooligans“, „Pyro-Eklat“, so wurden die jüngsten Pyro-Vorfälle in der 1. und 2. Bundesliga kommentiert.

300.000 Euro Strafe für den HSV

Mit der im Dezember 2010 gegründeten Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“, versuchten aktive Fanszenen der deutschen Vereine, Pyro im Stadion zu legalisieren. 2011 erklärte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit einem Verbot die Diskussion für beendet. Daraufhin beschlossen auch die meisten Fanszenen, Aufklärungsarbeit und Kompromisse nicht weiter zu verfolgen. Doch dann ging es erst richtig los.

St.-Pauli-Spieler vor der brennenden Kurve. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Fans zünden im Wochentakt Fackeln, das DFB-Sportgericht verhängt Geldstrafen gegen die Vereine. Und keinem ist damit geholfen. Brennen die eigenen Fans eine Pyrofackel ab,  muss ein Verein der 1. Liga laut Strafenkatalog des DFB mittlerweile 1000 Euro zahlen. Wird Pyrotechnik auf den Rasen geworfen, zahlt der Verein 3000 Euro an den DFB.

Das Abbrennen von Bengalos ist mittlerweile zum Widerstandssymbol im Kampf gegen Regularien der Deutschen Fußball Liga (DFL) und des DFB geworden. Allein der Hamburger SV musste deshalb in der vergangenen Saison knapp 300.000 Euro Strafe zahlen. Immerhin in diesem Punkt führt der Verein mal eine Tabelle an.

Kalte Pyrotechnik bei Bröndby IF

2018 entwickelte der Däne Tommy Cordsen sogenannte „kalte Pyro“. Dabei übertrug er die chemischen Prozesse hinter Traumsternen auf Pyrofackeln. Traumsterne sind kleine Kerzen, etwa auf Geburtstagstorten, die langsam herunterbrennen. Statt Magnesium beinhalten sie niedrig dosierte Nitrozellulose, die deutlich weniger heiß wird.

Cordsen entwickelte die Technologie im Auftrag des schwedischen Erstligisten Brøndby IF. Anfang Dezember dann die Feuerprobe: Im heimischen Brøndby Stadion veranstalteten die Fans eine Choreo mit kalter Pyrotechnik. Also: Problem gelöst?

So leicht ist es leider nicht. Die Fackeln sind zwar deutlich weniger heiß als gewöhnliche Pyrotechnik. Kalt heißt in diesem Fall allerdings zwischen 300 und 500 Grad. Herkömmliche Pyrotechnik wird bis zu 2000 Grad heiß.

Will der HSV kalte Pyrotechnik?

Auch deutsche Vereine gaben dem neuen Produkt auf dem Markt eine Chance. Die Bremer Feuerwehr hatte die Technik im vergangenen Sommer auf Bitten des SV Werder Bremen getestet. „Auch die kalte Pyrotechnik führt zu raschen Entzündungen von Kleidung und Haaren“, lautete das Resümee. Sie sei keine ungefährliche Alternative und daher auch nicht zulässig in deutschen Fußballstadien.

Der Test zeigt aber, dass sich mittlerweile nicht mehr jede Führungsetage deutscher Vereine den farbenfrohen Fackeln verschließt. Der ein oder andere beweist sogar eine ungeahnte Weitsicht: „Wenn man sich eingesteht, dass Pyro ein Teil der Fankultur ist, und das haben wir, dann muss man zumindest über alternative Lösungen nachdenken“, sagte Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des HSV, dem „Hamburger Abendblatt“ im Februar.

Kontrolliert den Block in blau legen? Foto: Andreas Gora/dpa

Weit gekommen ist der Verein seither aber auch nicht. Aus einem Bericht der „Welt“ ging hervor, der Hamburger SV plane, die kalte Pyrotechnik in der kommenden Rückrunde im Volksparkstadion zu testen. Man wolle die Fackeln kontrolliert abbrennen. Weder der HSV noch die Stadt konnten das allerdings bestätigen.

Dennoch: Die Idee ist richtig. Solange Vereine ihren Fans in Sachen Pyrotechnik nicht entgegenkommen, wird sich nichts ändern. Kriminalisiert man das Abbrennen von Pyro-Fackeln, bleibt der Reiz des Verbotenen. Als sagtest du einem rebellierenden Halbstarken, auf Klassenfahrt werde kein Alkohol getrunken. Oder einem Kind, es solle keine Schimpfwörter benutzen.

„Die einfache Sanktionierung von Pyro-Vergehen hat bislang zu keinem besseren Umgang mit der Thematik geführt – ganz im Gegenteil“, so Bernd Hoffmann.

Kein Verbrechen

Kalte Pyrotechnik ist ein ernst zu nehmender Kompromiss. Komplett ungefährlich ist sie natürlich nicht. Auf der anderen Seite ist aber auch herkömmliches Pyro nicht so gefährlich, wie oft behauptet wird.

1212 Personen verletzten sich laut der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in der Saison 2017/18 in deutschen Stadien, bei 53 davon war Pyrotechnik die Ursache. Zum Vergleich: 141 Verletzungen gingen auf polizeiliche Reizstoffe wie Pfefferspray zurück.

Natürlich ist jeder verletzte Mensch einer zu viel. Zumal die Zahlen in der vergangen Saison anstiegen: So war bei 1127 Verletzten die Ursache 141-mal Pyrotechnik, 183-mal Reizstoffe der Polizei.

Pyro wird allerdings erst so richtig gefährlich, wenn Fans die Fackeln versteckt im Blickschutz des engen Fanblocks zünden. Zwischen Fahnen, Bannern und Menschen. Wenn sie mit einer „Wir machen, was wir wollen“-Haltung vorgehen. Erst so entsteht ein Zusammenhang zwischen Pyrotechnik und Gewaltbereitschaft.

Es müssen also Kompromisse her. Über Sicherheitsbereiche auf der Tribüne wurde diskutiert: Es sollen abgesperrte Bereiche entstehen, wo Pyro kontrolliert abgebrannt werden kann. „Dort könnten Sandeimer stehen, die Rauchentwicklung wäre für die Umstehenden ungefährlich und es gäbe einen angemessenen Abstand zu den Umstehenden“, sagte Jannis Busse bereits 2011 im Gespräch mit „11Freunde“. Er ist Sprecher der Initiative „Pyrotechnik legalisieren“. Doch auch diesen Vorschlag verfolgt die DFL mittlerweile nicht mehr.

Gelebte Realität

Pyrotechnik ist Teil der Fankultur und Zeichen für all jene, die sich mit Haut und Haaren ihren Farben verschrieben haben, und das wird auch so bleiben. Genauso werden in den Parks dieses Landes weiterhin die Joints herumgegeben. Beim Cannabis aber passt sich die Regulierung nach und nach der gelebten Realität an.

Es wäre schön, wenn das beim Thema Pyrotechnik auch gelänge.

Titelfoto: Christian Charisius/dpa