Seitdem das Coronavirus in China ausgebrochen ist, erleben viele Menschen asiatischer Herkunft Ausgrenzung bis hin zu Rassismus in Deutschland. FINK.HAMBURG-Autorin Kim Ly hat selbst erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Menschen wegrücken.

„Hatschi!“ Meine Hand schnellt hoch, doch es ist zu spät: Der verhängnisvolle Nieser stiehlt sich mit nur einem Wimpernschlag in die Bahn. Meine Sitznachbarn werden augenblicklich still, versteinerte Gesichter und eisige Blicke mustern mich. Eine alte Dame hievt sich aus dem Sitz. Als die Seniorin fluchend das Weite sucht, sickert die Erkenntnis in mein Bewusstsein: Die Leute haben Angst. Vor mir.

Viele Vietdeutsche in meinem Umfeld haben in den vergangenen Wochen ähnliche Erfahrungen gemacht. Etwa ein vietnamesischer Postbote, dessen Kund*innen sich weigerten, die Pakete anzunehmen, oder ein Münchner, der im Wartezimmer seines Hausarztes feindselige Blicke erntete und darüber eine Insta-Story verfasste.

Seitdem das Coronavirus ausgebrochen ist, stehen Menschen mit asiatischen Wurzeln im Westen unter dem Generalverdacht, infiziert zu sein. Wer asiatisch aussieht, wird als Chines*in und damit als potenzieller Überträger eingestuft. Diese Pauschalisierung ist gefährlich, bedient sie rassistische Ressentiments.

In Frankreich, wo die ersten europäischen Fälle des Coronavirus gemeldet wurden, veröffentlichte die nordfranzösische Zeitung „Courrier Picard“ im Januar die Schlagzeile „Alerte Jaune“ („Gelber Alarm“). Darunter zu sehen: das Foto einer chinesischen Frau, die eine Mundschutzmaske trägt. Mittlerweile hat die Zeitung sich dafür entschuldigt.

Feindbild: Der böse Chinese

Der Alarm, den „Courrier Picard“ ausgerufen hat, ist nicht nur zutiefst rassistisch. Er verzerrt die Sachlage und schürt Panik. Die WHO warnte jüngst vor einer „Infodemie“, also der Verbreitung von Falschmeldungen und Irreführungen zum Coronavirus im Netz. Zahlreiche Gerüchte verbreiten sich seit Beginn des Ausbruchs zur Herkunft des Virus, zu Übertragungswegen und zur Gefährlichkeit.

In Australien sorgte kürzlich eine gefälschte Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums für Aufsehen. In dem Dokument warnte das Ministerium angeblich davor, sich in Vororten aufzuhalten, in denen viele chinesische Menschen lebten. Die Falschwarnung wurde von dem australischen Politiker Duncan Pegg als „racist, fake media release“ verurteilt.

Gehör finden die Gerüchte trotzdem. Sie laben sich an der globalen Hysterie – und werden munter auf sozialen Medien geteilt. Die algorithmische Filterstruktur auf den Plattformen führt zwangsläufig zu Echokammern; diese spielen den Produzent*innen falscher Meldungen in die Hand.

Doch nicht nur das Netz, auch die Printmedien schüren unterschwellig Vorurteile. So titelte der „Spiegel“ kürzlich: „Corona-Virus: Made in China“. Problematische Titel wie diese kokettieren mit dem Feindbild des „bösen Chinesen“, der europäische Märkte zerstören will – und zur Not auch ein Coronavirus erschafft.

Hartnäckige Vorurteile

Fest steht bislang: Unter dem Coronavirus leiden momentan in erster Linie Chinesinnen und Chinesen. Hierzulande ist die Gefahr einer Ansteckung laut Robert Koch-Institut zurzeit gering. Wer sich außerhalb von China angesteckt hat, war entweder selbst zuvor in dem Land oder hatte direkten Kontakt zur Erkrankten aus China. Chines*innen oder Menschen mit asiatischen Wurzeln hierzulande generell anzufeinden oder auszugrenzen, ist wenig hilfreich.

Dabei hat Sinophobie, also die Angst vor den Menschen in China, im Westen durchaus Tradition: Hartnäckig halten sich stereotype Vorurteile, dass Menschen im Osten schmutzig seien, merkwürdige Krankheiten und Nahrungsmittel anschleppen würden.

Die Wurzeln dieser Stereotype reichen Jahrhunderte zurück. Bereits in der Kolonialzeit wurden Asiat*innen als unzivilisiert und rückständig porträtiert. Das Bild der hart arbeitenden, aber ziellosen Völker, die von einer Kolonialisierung angeblich profitieren, diente vor allem dazu, die Hegemonie weißer Kolonialherren zu festigen.

Auch in Deutschland hatten es asiatische Minderheiten lange schwer. Als die ersten Vietnames*innen in den 70er-Jahren in die DDR migrierten, grenzte der Staat sie systematisch aus. „Die Situation für Gastarbeitende in der DDR war menschenunwürdig“, sagt Jörg Engelbert, Professor für Vietnamistik an der Uni Hamburg. „Es war unerwünscht, dass vietnamesische Menschen zu Deutschen Beziehungen pflegten. Schwangere Frauen haben abgetrieben, um nicht gekündigt zu werden.“

Knapp 59.000 Vietnames*innen waren bis 1989 zu Niedriglöhnen angestellt. Nach der Wende, sagt Engelbert, hielten sie als Sündenböcke für den Industriezerfall her. „Viele Deutsche fürchteten damals um ihre Sozialgelder, die Stimmung in der Gesellschaft war schlecht.“ Die aufkeimende Ausländerfeindlichkeit, auch gegen andere Arbeitsmigrant*innen,   gipfelte schließlich in Gewalttaten, wie dem rechtsextremen Anschlag 1992 in Rostock-Lichtenhagen.

Widerstand in sozialen Netzwerken: #ichbinkeinvirus

Die Corona-Epidemie verdeutlicht: Es sind alte Ängste, die den Rassismus gegen Asiat*innen nähren. In einer Zeit geprägt von Globalisierung und Handelskrieg, in denen China als neue Weltmacht die alte Hegemonie erschüttert, zeigt sich im Alltag wieder Sinophobie. Das Coronavirus wird schlimmstenfalls zur Ausrede, um rassistische Situationen zu dulden.

Doch auf sozialen Plattformen regt sich jüngst der Widerstand. In Frankreich formte die asiatische Community mit dem Hashtag #jenesuispasunvirus („ich bin kein Virus“) eine Gegenbewegung. „Die Gesundheitskrise des Coronavirus hat rassistische Parolen in den Medien und den sozialen Netzwerken hervorgerufen“, schreibt die anonyme Französin, die den Hashtag gestartet hat. Ein junger Mann twittert mit Foto: „Ich bin Chinese, aber ich bin kein Virus. Ich weiß, dass die ganze Welt Angst vor dem Virus hat, aber keine Vorurteile bitte.“

Auch in Deutschland sprechen sich asiatisch stämmige Menschen mit dem Hashtag #ichbinkeinvirus gegen Diskriminierung aus. Sie richten sich gegen einen Rassismus, der nicht gestern erst vom Himmel gefallen ist. Das Coronavirus enthüllt Ressentiments, die eigentlich überwunden schienen – aber offenbar tief verankert sind.

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Es gibt kein Gericht, das Kim Ly Lam, Jahrgang 1996, nicht mag – sogar Raupen hat sie schon einmal probiert. Besonders begeistert ist sie von der internationalen Küche, denn diese ist so bunt und vielfältig wie ihre Interessen: Hip-Hop, Film, Politik und Reisen zählen etwa dazu. In Südafrika arbeitete sie in einer NGO und betreute die Kinder traumatisierter Frauen aus den Townships. Mit diesen Erfahrungen im Gepäck zog sie für ihren Bachelor in Digital Media nach Hamburg. Dort startete sie als freie Autorin für das “Hamburger Abendblatt”, “ze.tt” sowie die “Berliner Gazette” und schrieb über Big Data, Hamburger Lokalpolitik und auch sensible Themen wie sexuellen Missbrauch. Dem Essen blieb sie auch beruflich treu: In der Versuchsküche von Gruner + Jahr verkostete sie täglich bis zu zwölf Gerichte – und kochte sogar für Tim Mälzer. Kürzel: kil