Am Straßenrand kreischen Babies, Neugeborene verwesen in Mülltüten. Der Dokumentarfilm „One Child Nation“ zeigt die grausamen Auswüchse der chinesischen Ein-Kind-Politik. Im Interview spricht Regisseurin Jialing Zhang über das Trauma einer ganzen Generation.

35 Jahre lang durften Frauen in China nicht mehr als ein Kind auf die Welt bringen. Wer sich dieser Regel widersetzte oder schlichtweg Zwillinge gebar, musste mit Sanktionen, Geldbußen und Ächtung rechnen. Angezweifelt habe sie die Ein-Kind-Politik früher nicht, sagt Jialing Zhang, Regisseurin des Dokumentarfilms „One Child Nation“. „Die chinesische Regierung hatte mit ihrer Propaganda unsere Köpfe im Griff.“

Für ihren Film sprachen die Regisseurinnen Jialing Zhang und Nanfu Wang mit Opfern und Täter*innen der Ein-Kind-Politik. Sie interviewten Adoptivfamilien, Menschenhändler und ehemalige Offiziere, die im Auftrag der Regierung schwangere Frauen verfolgten. Der Film wurde im Rahmen des Hamburger Filmfests 2019 ausgestrahlt. Bei der Premiere auf dem Sundance Film Festival 2019 gewann „One Child Nation“ den U.S. Grand-Jury-Preis.

Haben Sie als gebürtige Chinesin die Ein-Kind-Politik jemals infrage gestellt?

Zhang: Eigentlich nicht. Nanfu Wang und ich sind beide in China zur Schule gegangen und hatten viele Klassenkamerad*innen, die Einzelkinder waren. Die Ein-Kind-Politik war unsere Realität, in den Schulbüchern wurde sie wie ein Naturgesetz behandelt. Es war kein Thema, zu dem wir uns eine eigene Meinung bilden sollten. So sind wir aufgewachsen: Im Glauben, dass die Ein-Kind-Politik sich nie ändern wird. Erst als Nanfu selbst Mutter wurde, begann sie, die Maßnahmen zu hinterfragen. Sie konnte sich ihr Leben ohne ihren Bruder nicht vorstellen.

In den Schulbüchern wurde die Ein-Kind-Politik wie ein Naturgesetz behandelt

Wie kommt es, dass Nanfu Wang und Sie Geschwister haben?

Zhang: In vielen ländlichen Regionen Chinas gab es Ausnahmeregelungen. Meine Eltern durften mehrere Kinder haben, mussten jedoch Strafgeld zahlen. Ich erinnere mich daran, wie sich meine Tanten mit ihren zweiten Kindern versteckt haben. Die Generation meiner Eltern spricht aber nicht über solche Erfahrungen.

War es traumatisierend, so aufzuwachsen?

Zhang: Das war es. Nanfu erzählte mir, dass sie in ihrer Kindheit Babyschreie aus dem Nachbarhaus gehört hat. Die Nacht darauf war alles still. Wenn ein verlassenes Baby irgendwo an der Straße entdeckt wurde, rätselten alle, aus welcher Familie das Kind kommen und wem es ähneln könnte. Es herrschte eine Art Taubheit. Die Leute waren, nicht wie erwartet, traurig oder emotional, weil Tragödien wie diese so häufig vorkam. Sie hatten sich daran gewöhnt.

Diese Normalität war für mich sehr befremdlich. Irgendwann verstand ich, dass die Propaganda dafür sorgte, dass die Menschen die Regeln nicht mehr infrage stellten. Sogar die Eltern, die ihre eigenen Kinder verließen, dachten, dass die Ein-Kind-Politik gut für sie sei. Frauen, die sich darüber hinwegsetzten, bedrohte man. Die Gesellschaft grenzte die betroffenen Familien aus. Unter diesen Umständen mussten die Menschen ihre Entscheidungen treffen. Nachdem Nanfu und ich mehr darüber erfuhren, verurteilte ich sie nicht mehr.

Für „One Child Nation“ haben Sie mit den Opfern der Ein-Kind-Politik gesprochen, aber auch mit den Personen, die die Maßnahmen umgesetzt haben. War es schwierig, sie zum Reden zu bringen?

Zhang: In China spricht man nicht über die Vergangenheit, man will sie vergessen. Die Generation meiner Eltern und Großeltern hat die Kulturrevolution und zahlreiche Hungerperioden miterlebt. Es ist hart, darauf zurückzuschauen. Die Zukunft ist immer besser. Entsprechend war es schwierig, die Menschen davon zu überzeugen, sich zu öffnen.

bis zu 60.000 abtreibungen und sterilisierungen

In ihrem Heimatdorf sprach Nanfu beispielsweise mit der Geburtshelferin Huaru Yuan. Der Staat hatte Yuan als Familienplanungsbeamtin eingesetzt. Sie führte in ihrer Amtszeit 50.000 bis 60.000 Sterilisierungen und Abtreibungen durch. Einige der Babies waren bereits lebensfähig, als sie abgetrieben wurden. Die Frau wurde von Schuldgefühlen verfolgt.

Heute arbeitet Yuan als Spezialistin für Unfruchtbarkeit und hilft Paaren dabei, Eltern zu werden. Sie war sehr dankbar, als sie mit Nanfu über ihre Gefühle sprechen konnte.

Die Geschichte von Yuan hat Sie besonders beschäftigt. Warum?

Zhang: Ich konnte nicht verstehen, wie Yuan jahrelang mit ihrer Tätigkeit leben konnte. Sie hätte jeden Tag damit aufhören können, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen. Trotzdem glaubte sie daran, dass ihre Treue der kommunistischen Partei galt und sie zu den Abtreibungen verpflichtet war. Sie zog ihr Amt bis zum letzten Tag durch. Es hat sehr lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen wurde.

Ähnlich berührt hat mich das Schicksal der Zwillinge, die nach ihrer Geburt getrennt wurden. Die eine Tochter wuchs bei ihrer Familie in den Bergen auf, die andere Tochter wurde adoptiert und lebt in den USA. Lange wussten sie nichts voneinander.

Sie sind mit derselben Propaganda wie Yuan aufgewachsen. Wie haben Sie sich aus der Doktrin rausgewunden?

Zhang: Ich bin ein von Natur aus neugieriger Mensch. Dass ich Fragen zur Ein-Kind-Politik stellte und diese unbeantwortet blieben, hat mich dazu motiviert, weiter nachzubohren. Und dass wir alle so wenig über die gravierenden Folgen und dem Leid der Menschen wussten, hat mich geschockt.

Es gab so gesehen keinen konkreten Moment, der meine Augen geöffnet hätte. Ich habe mich auf meine Intuition verlassen und irgendwann gemerkt, dass die Tragweite der Ein-Kind-Politik nicht mehr zu rechtfertigen ist. Das chinesische Regime hat Familien auseinandergerissen, Kinder ermordet und Generationen nachhaltig traumatisiert. Es ergibt für mich keinen Sinn, dass uns Menschenrechte, mit denen wir geboren werden, durch politische Systeme aberkannt werden.

Wie ist Ihre Familie damit umgegangen, dass Sie an einem regimekritischen Film gearbeitet haben?

Zhang: Für „One Child Nation“ habe ich darauf verzichtet, meine eigene Familie zu befragen. Solche Gespräche öffnen Wunden. Nanfu brauchte viel Mut, um ihre Familie zu interviewen. Ich konnte diesen Mut bis heute nicht aufbringen. In chinesischen Familien spricht man nicht über Politik. Die meisten Eltern bevorzugen es, wenn sich ihre Kinder aus politischen Angelegenheiten und Menschenrechtsaktivitäten heraushalten.

Man ist ein schlechter Mensch, weil man über menschenrechte spricht

Hinzu kommt die Tatsache, dass der Begriff der Menschenrechte in chinesischen Medien negativ verwendet wird. Ein Großteil der Bevölkerung assoziiert ihn mit Ärger, Unruhestiftern und mangelndem Nationalstolz. Der chinesischen Regierung ist es gelungen, Patriotismus mit der bedingungslosen Liebe zur Partei gleichzustellen. Als Bürger*in ist das sehr verwirrend. Plötzlich ist man ein schlechter Mensch, weil man über Menschenrechte spricht.

Ich habe für „One Child Nation“ viel Kritik bekommen, auch von meinen engen Freund*innen. Das hat mich sehr traurig gemacht. Aber für solche Filme bekommt man wenig Anerkennung. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder ein gutes Leben führen, das sich außerhalb der Politik abspielt. Am besten mit Ehemann. Meine Eltern sind da keine Ausnahme.

Gab es während der Dreharbeiten Probleme mit der chinesischen Regierung?

Zhang: Nanfu und ich haben beide das Glück, dass wir in den Vereinigten Staaten leben und an der New York University studiert haben. Im Vergleich zu anderen chinesischen Filmschaffenden müssen wir uns nicht vor Zensur fürchten. In China waren wir sehr vorsichtig: Nanfu hat in keinen Hotels selbst eingecheckt und keine Zugtickets gekauft. Sie hat über Bekannte eine lokale SIM-Karte organisiert und es gemieden, ihre Dokumente rauszugeben. Für das Schneiden und Editieren ging es immer zurück in die USA. Dort konnte die chinesische Regierung nicht eingreifen.

Diese Freiheit ist nicht selbstverständlich. In China gibt es kaum Wege, um die allgegenwärtige Zensur zu umgehen. Underground Filmfestivals werden aufgelöst, digitale Plattformen überwacht. Es ist unmöglich, „One Child Nation“ in China zu streamen. Für Filmemacher wird es dort immer härter.

Es ist unmöglich, „One Child Nation“ in China zu streamen

Seit 2016 gilt in China die Zwei-Kind-Politik. Geht es den Menschen dadurch besser?

Zhang: Nanfu und ich wurden häufig gefragt, warum wir einen Film über eine Politik machen, die schon längst beendet ist. Aber für uns hat sich nichts geändert. Die Propaganda wiederholt sich. Es gibt Veranstaltungen und Shows, die die Zwei-Kind-Politik wie die Ein-Kind-Politik feiern, und die Regierung schreibt den Bürger*innen weiterhin ihr Denken vor.

In einigen Teilen des Landes ermutigt die Regierung die Bevölkerung sogar, mehr Kinder zu bekommen. Das sind in der Regel Orte, in denen die Industrie Arbeitskräfte benötigt. Das Regime benutzt die Bevölkerung also immer noch als Instrument für die Agenda. Es propagiert mehr Babies, um die Wirtschaft zu stärken. Die Mentalität dahinter ist dieselbe.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Zhang: Solange das Propagandasystem in China fortbesteht und das Leid der Leute weg geschwiegen wird, kann es keine wirkliche Veränderung geben. Die Probleme der Ein-Kind-Politik sind immer noch präsent: In den USA realisieren Adoptiveltern erst jetzt, dass ihre adoptierten Kinder den leiblichen Eltern möglicherweise entrissen wurden.

Viele Adoptionsagenturen gaben bei der Vermittlung chinesischer Adoptivkinder an, dass die Waisenhäusern die Kinder an der Türschwelle gefunden hätten. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass es sich auch um Kinder handel, die wegen der Ein-Kind-Politik konfisziert wurden. Bei den Vermittlungsverfahren flossen Gelder, von denen auch der chinesische Staat profitierte.

Zum Glück gibt es mittlerweile Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, chinesische Familien wieder zusammenzuführen. Die betroffenen Kinder entwickeln aber häufig Identitätsstörungen und benötigen eine therapeutische Behandlung. Die Ein-Kind-Politik hat Wunden aufgerissen und die derzeitige Politik macht es nicht besser. Am Heilprozess müssen wir uns alle beteiligen.

„One Child Nation“ wurde im Rahmen des Filmfest Hamburg 2019 ausgestrahlt. Der Film war bereits in der Arte Mediathek verfügbar, weitere Ausstrahlungen sind geplant.

Hier geht’s zur Filmkritik zu „One Child Nation“

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Titelfoto: Lennart Deuß

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