Seit Corona gilt: Abstand halten. Für gewöhnlich sind die Filmproduktionen der Hamburger Dokumentarfilmer*innen von Close Distance Productions aber ganz nah dran an Spitzensportler*innen. Wie die Firma mit der Krise umgeht.

In ihren Filmproduktionen begleiten sie Athleten bei Triathlons, bei der Atlantiküberquerung oder zu Olympia. Zuletzt sammelten die Filmschaffenden der Hamburger Firma Close Distance Productions mit einer Streaming-Aktion des Dokumentarfilms „Vierzehneinhalb Kollisionen“ Spenden für Hamburger Kinos. Ganz nach der Devise: Hamburger Filmemacher*innen unterstützen Hamburger Kinos. Die Streaming-Aktion läuft noch.

Die Doku, deren Kinopremiere wegen Corona vorerst abgesagt werden musste, zeigt drei Rollstuhlbasketballer, die sich zurück ins Leben kämpfen. Die Protagonisten sind Mitglieder der BG Baskets Hamburg. Gedreht wurde in Bergedorf und Wilhelmsburg.

Paul Burba, Redaktionsleiter von Close Distance Productions, erzählt im Interview mit FINK.HAMBURG, wie sich die Pandemie auf Filmproduktionen auswirkt, welche Chancen in der Krise liegen und ob „Vierzehneinhalb Kollisionen“ doch noch in die Kinos kommt.

FINK.HAMBURG: Was bedeutet die Corona-Krise für Filmproduktionen?

Paul Burba spricht mit FINK.Hamburg über Filmproduktionen zu Corona-Zeiten.
Paul Burba, Redaktionsleiter von Close Distance Productions. Foto: Close Distance Productions

Burba: In einem Satz zusammengefasst: Unsere Existenzgrundlage wurde uns entzogen, Dreharbeiten sind nicht möglich. Wir als Dokumentarfilmer*innen sind natürlich anders betroffen als Spielfilm- oder Serienproduktionen. Wir haben keine Drehs mit hunderten Kompars*innen geplant. Unsere Crews sind in der Regel selten größer als Dreierteams, da wir unauffällig im Hintergrund drehen wollen, um das Geschehen zu dokumentieren, ohne es zu beeinflussen. Aber richtig planen lässt sich momentan nicht. Für ein Projekt begleiten wir die besten deutschen Ruderer auf dem Weg zu den Olympischen Spielen nach Tokio. Da die Maßnahmen langsam gelockert wurden, konnten wir erste kleine Drehs realisieren. Dennoch steht auch für uns die eigene Gesundheit und die der Athlet*innen an oberster Stelle und wir können und wollen kein Risiko eingehen.

FINK.HAMBURG: Wie hat sich euer Arbeitsalltag verändert?

Burba: Wir sind schon seit Anfang März im Homeoffice und haben gemerkt, dass die räumliche Veränderung ganz neue Chancen für unsere Arbeit bietet: Wir sind konzentrierter, arbeiten effektiver und haben mehr Freiraum in der Tagesgestaltung. Mir fehlt der tägliche 90-minütige Arbeitsweg, ehrlich gesagt, nicht. Das Zwischenmenschliche und Soziale fangen wir durch gemeinsame Mittagessen via Videocall auf. Aber was die Produktion betrifft, gibt es eben keine Planungssicherheit. Bei Dokumentarfilmen müssen wir zwar immer auf die aktuellen Ereignisse im Leben unserer Protagonist*innen eingehen und reagieren. Dennoch haben die Held*innen in unseren Sportdokumentationen immer ein konkretes Ziel vor Augen, wie etwa die Olympischen Spiele. Wenn ein so großer Termin um ein Jahr verschoben wird, dann hat das direkte Auswirkungen auf unsere Filmproduktionen, denn die Finanzierung ist immer auf einen bestimmten Zeitraum festgelegt. Unsere für Juni geplante Premiere des Films „Wellenbrecherinnen“ über vier Hamburger Atlantikruderinnen mussten wir ebenfalls nach hinten verschieben.

FINK.HAMBURG: Mit dem Dokumentarfilm „Vierzehneinhalb Kollisionen“ seid ihr erstmals in Eigenregie auf Online-Streaming umgestiegen. Liegt die Zukunft der Filmbranche im Streaming?

Burba: Unser Ziel als Filmemacher*innen sollte auch in Zukunft die große Leinwand im Kino bleiben. Das Kulturgut, die Begegnungsstätte und der Raum Kino liegen uns sehr am  Herzen. Wir sind aber auch darauf spezialisiert, jedes Projekt für Web, TV und Kino gleichzeitig auszurollen. Das heißt, wir produzieren schon während der Dreharbeiten eine Webserie, arbeiten mit TV-Sendern zusammen, sichern uns Sendeplätze und erzählen am Ende eine große Geschichte im Kino. Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht weiter auf Streaming setzen. Online können Dokumentarfilme, die es im Kino häufig nicht leicht haben, ihre Nische finden. Plattformen wie Netflix, Amazon und Co. sind ja mittlerweile nicht nur Streaming-Anbieter, sondern finanzieren auch ihre eigenen Produktionen. Das ist natürlich eine riesige Chance. Für die Auswertung kleinerer Produktionen wird das Online-Streaming nicht mehr wegzudenken sein und es bietet eine tolle Ergänzung zum Kino.

FINK.HAMBURG: Konnte die Filmbranche durch die Corona-Krise dazulernen?

Burba: Wir versuchen, die Auswirkungen der Corona-Krise auch positiv zu sehen. Die Filmbranche wird gezwungen, kreative Lösungen anzubieten, anstatt die ständig alten Auswertungswege zu gehen. Fynn Kliemann (Unternehmer und Musiker, Anm. der Red.), nicht der klassische Filmschaffende, hat es mit seiner Doku über den Schaffungsprozess seines Albums vorgemacht. Die Macher der „Känguru-Chroniken“ haben ebenfalls schnell reagiert. Herausforderungen sind immer auch eine Chance für gute Veränderungen. In puncto Digitalisierung des Arbeitsplatzes, also bei Dingen wie Homeoffice oder  Videokonferenzen, ist die Krise eher eine Beschleuniger.

FINK.HAMBURG: Da Kinobesuche in eingeschränkter Form jetzt wieder möglich sind: Kommt „Vierzehneinhalb Kollisionen“ doch noch auf die große Leinwand?

Burba: Wir haben mit „Vierzehneinhalb Kollisionen“ schon lange ein etwas anderes Konzept verfolgt. Wir haben einen Kinofilm mit und über Rollstuhlfahrer gemacht. In einen normalen Kinosaal dürfen in der Regel etwa drei bis vier Rollstuhlfahrer*innen einen Film verfolgen. Das hat mit den Brandschutzauflagen und natürlich auch der Wirtschaftlichkeit zu tun. Wir wollten aber den Film nicht veröffentlichen, ohne gewährleisten zu können, dass die Vorstellungen inklusiv für jede*n zugänglich sind. Deswegen haben wir in Eigenregie bereits ein paar barrierearme Screenings getestet, an denen immer mehr als 100 Rollstuhlfahrer*innen und Fußgänger*innen teilnehmen konnten. Einige Fußgänger*innen haben dann auch im Rollstuhl mal Popcorn geholt. So wird das Gesehene auf der Leinwand nochmal ganz anders transportiert. Ein echter Perspektivenwechsel eben. Also ja, wir würden mit „Vierzehneinhalb Kollisionen“ gerne noch einmal die Kinos erobern. Aber vielleicht die Autokinos oder Turnhallen mit Leinwänden. Was den inklusiven und barrierefreien Zugang angeht, ist das Online-Streaming aber natürlich kaum zu übertreffen.

FINK.HAMBURG: Wieviel habt ihr mit eurer Spendenaktion denn schon  eingenommen?

Burba: Die genaue Zahl möchten wir noch nicht verraten. Schließlich läuft die Aktion auch noch den kompletten Juni. Was wir verraten können: Wir sind super stolz darauf, während der herausfordernden Phase etwas Gutes tun zu können und gleichzeitig unsere Projekte voranzutreiben. Solche Herausforderungen lassen sich nur mit einem starken Team stemmen.

Hamburger Doku im Online-Stream
Ihr könnt den Dokumentarfilm „Vierzehneinhalb Kollisionen“ bis Ende Juni online streamen. Mit dem Ticketkauf unterstützt ihr Hamburger Programmkinos: Pro Ticket wird ein Euro an sie gespendet.

 
 
 

Titelbild: Unsplash 

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Bei einem Dreh schlug Profi-Boxer Axel Schulz die geballte Faust in ihre Kameralinse – während Sarah Seitz sie auf der Schulter trug. Trotzdem blieb sie der Medienbranche treu. In der Nähe von Winnenden in Baden-Württemberg wurde sie 1994 geboren, in Furtwangen im Schwarzwald studierte sie Online-Medien und arbeitete unter anderem für das Mitarbeiterfernsehen von Porsche in Stuttgart. 2018 zog Sarah nach Hamburg. Erste Großstadterfahrungen machte sie bei Spaziergängen mit Hund Siva im Park: „Hey“ flüstern nur Dealer, gegrüßt wird mit „Moin“. Sarah liebt Spinning zu Clubbeats und schlürft gerne Moscow Mule im Landgang auf St. Pauli. Auf die Entschuldigung von Axel Schulz wartet sie bis heute vergeblich. Kürzel: sas