Zu Hamburgs beliebtesten Tourismusattraktionen gehören die Musicals. Corona hat den Spielbetrieb zum Erliegen gebracht. Maricel gehört zum Ensemble von „Pretty Woman“ – was macht sie jetzt? Eine ganze Menge.

Seit dem letzten Jahr wohnt Maricel in Hamburg, wo sie abends als Kit de Luca im Musical „Pretty Woman“ auf der Bühne steht. Tanzen, Singen und Schauspielen in acht Shows, sechs Tage die Woche – vor Covid-19 ihr Arbeitsalltag. 2 ½ Stunden dauert eine Show. Samstags und sonntags wird doppelt gespielt, dienstags ist dafür spielfrei. Als Musicaldarstellerin ist Maricel ein kleines Rädchen im Showapparat der niederländischen Stage Entertainment.

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Musical-Gigant ausgebremst

Zehn Theater führt das Unternehmen in Deutschland im ständigen Betrieb. Zu den bekanntesten Musicals gehören: „Der König der Löwen“, „Tanz der Vampire“ und „Mamma Mia!“. Bei 300 Millionen Euro lag der Umsatz in der Spielzeit 2017/2018. Hamburg ist dabei mit vier aktiven Stage-Theatern deutscher Hauptstandort und wird darum oft auch der „Deutsche Broadway“ genannt. Besonders für den Tourismus der Stadt ist das eine lukrative Einnahmequelle. Von knapp zwei Millionen Zuschauern kamen in der Spielzeit 2018/19 achtzig Prozent von außerhalb. Doch seit Mitte März steht dieser Apparat nun still. Alle Theaterhäuser sind geschlossen. Im September soll der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Gekaufte Tickets werden umgebucht, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Neben den finanziellen Einnahmen geht Hamburg vor allem eins verloren: Ein Stück Kunst.

Vorhang gefallen

Maricel ist in ihre Heimat zurückgefahren. Darum treffen wir uns virtuell per Skype. Die Blondine sitzt entspannt im Korbsessel, im Hintergrund große Fenster, durch die helles Licht einfällt, auf ihrem Kopf eine graue Kappe. Im Laufe unseres Gesprächs wird sie immer wieder betonen wie schlimm, aber auch wichtig das Kontaktverbot und die Quarantäne seien: „Der Virus bewegt sich nicht. Wir bewegen den Virus.“

Die offizielle Schließung der Theater brachte für Maricel ein kleines Gefühlchaos: „Ich hatte zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite war man unglaublich traurig, dass die Show nicht mehr stattfindet. Man hat das Publikum vor den Kopf gestoßen und sieht seine Kollegen nicht mehr. Auf der anderen Seite war man erleichtert, weil man wusste, man ist nicht gezwungen unter Umständen weiterzuspielen, die so unschön sind.“

Leben in der Theaterpause

In Maricels Erzählungen wird deutlich, dass sie an ihrer Arbeit mehr die künstlerische als die sportliche Herausforderung liebt. „Wenn man Künstler ist, trägt man sein Herz durch gewisse Materialien an ein Publikum. Wie das Publikum dabei aussieht, ist zweitrangig, so doof das klingt. Die Liebe, die in einem ist, erreicht den Menschen und ich glaube, dass es dabei egal ist, wie man das umsetzt.“

Durch die Corona-Pause ist der Künstlerin vor allem bewusst geworden, dass sie ein „kleiner Workaholic“ ist. Sie arbeitet ständig an mehreren Projekten gleichzeitig. Malen, singen, komponieren: Maricel legt sich nicht gern fest. Als Kind schrieb sie erste Songs. Nun textet sie für eine junge Zielgruppe. Ihr erstes Kindermusical „Der kleine Zahlenteufel“ komponierte und inszenierte sie selbst. Dabei hat sie eine ganz bestimmte Vorstellung vom ‚Kunst machen‘ und beschreibt es ähnlich einem Kochrezept: „Man wirft Zutaten in einen Topf, auf Leinwände oder auf die Bühne, solange bis etwas Gutes dabei rauskommt.“

Kunst in Zeiten der Corona-Krise

Von ihren Projekten erzählt Maricel voller Begeisterung: Sie setzt sich im Stuhl auf, hält mit der einen Hand ihr Handy fest und gestikuliert ausdrucksstark mit der anderen. Ihre blauen Augen werden ganz groß. Man glaubt ihr sofort, dass Langeweile ein Fremdwort für sie ist: „Ich könnte all das, was mich interessiert, gar nicht schaffen in diesem Leben.“

Darum hat sich ihr Alltag seit der letzten Vorstellung auch nicht sehr verändert. Gerade arbeitet sie an einem Musikvideo zu ihrem Song „Stärker“. Das Lied beschreibt, wie man immer wieder neue Kraft aus schweren Situationen im Leben schöpfen kann. Auf Instagram hat Maricel ihre Follower dazu aufgerufen Fotos und Videos zu posten, um damit das Video zu füllen. Den Download-Erlös von „Stärker“ will Maricel an die Nimmerland Theaterproduktion spenden und damit Kindertheaterstücke unterstützen.

Die Pandemie bedeutet für viele im Theater auch finanzielle Probleme. Im Übrigen gehöre ein Auf und Ab für Künstler zum Leben dazu. „Ich glaube aber, dass Kultur eine tragende Rolle für unsere menschliche Psyche hat. Unsere Gesellschaft ist nur dann leistungsfähig, wenn sie in der Lage ist Kunst leben und miterleben zu dürfen.“ Für die Zeit nach der Quarantäne hofft Maricel, dass die Menschen feststellen, was ihnen gefehlt hat: Kunst und Kultur leben und erleben zu können. Denn das ist keine Selbstverständlichkeit.

Titelbild: Tina Mareike Söchtig

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Es gibt keine Zeile im Film „My Fair Lady“, die Aniko Schusterius, Jahrgang 1996, nicht fehlerfrei mitsprechen kann. Trotz dieses Talents, zehn Jahren Gesangsunterricht und ihres großen Interesses für Musicals hat sich die Berlinerin letztlich gegen eine Bühnen-Karriere entschieden. Nach dem Abitur arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin in verschiedenen Kindertheatern. Dort musste sie unter anderem lernen, dass Luftballons auf einem Straßenfest eine hochkomplexe bürokratische Hürde darstellen können. Während ihres Bachelors in Theaterwissenschaften und Niederlandistik lebte sie ein halbes Jahr in Groningen. Dort fühlte sie sich wegen des entspannten Lifestyles wohl, und auch, weil sie mit ihren 1,82 Meter das erste Mal nicht auffiel. Für die „Berliner Zeitung“ veröffentlichte sie erste Kolumnen. Auch mit Radio kennt sie sich aus: An der „Frankfurter Hörfunkschule“ lernte sie texten und einsprechen. Vor dem Start an der HAW sammelte Aniko noch mehr Medien-Erfahrung durch Praktika bei „Radioeins“ und beim Fernsehkanal der „Welt“ in Berlin. Dort lauerte sie auch schon mal frühmorgens vor einem Hotel, um Gesundheitsminister Jens Spahn einen O-Ton zu entlocken. Kürzel: ans

1 KOMMENTAR

  1. When the Covid lockdown is finally over, I’m sure that musical loving theatre goers will be back. Chin up Maricel, there’s a light at th e end of the tunnel.
    Hamburg may be k own as the German Broadway but there is some way to go before it can compete with London.

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