Formeln lernen oder im Krankenhaus helfen? Als Notfallsanitäter und Medizinstudent erkennt Timo Rusack die Gefahr von SARS-CoV-2 früh. Die Pandemie könnte ihn von seinem Schreibtisch befreien. Er ist hin- und hergerissen.

„Ich gebe heute keinem die Hand“, sagt Timo mit fester Stimme. Es ist dieser eintönige, mechanische Klang, den sie annimmt, wenn ihm etwas sehr ernst ist. Fast väterlich klingt er dann. Ich rolle mit den Augen und gebe ihm zu verstehen, dass ich nicht gerade begeistert bin. Schließlich will ich nicht als „Die mit dem Hypochonder-Freund“ in Erinnerung bleiben. Drei Runden Rage-Cage später greift Timo nicht mehr ganz so oft nach dem Desinfektionsmittel. Bei Trinkspielen mit halbherzig abgewaschenen Biergläsern sind die Hände auch das geringere Problem. Das war Ende Februar, drei Wochen vor dem Lockdown. Meine Abschiedsparty und der Abschied von Partys.

„Dieses Virus macht mir Sorgen“, sagt Timo, als die Tagesschau noch über andere Themen berichtet. Die Gefahren von Epidemien und Pandemien kennt er von seiner Ausbildung beim Rettungsdienst. Er weiß, wie er die Zahlen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Robert Koch-Institut (RKI) interpretieren muss. Während sich das Virus gerade erst in Europa verbreitet, versinkt Timo schon in Medienberichten und Statistiken. Als Szenen aus Italien über sein Display flimmern, zieht er die Augenbrauen zusammen und formt seine Lippen zu einem geraden Strich. Es fühlt sich an wie die Ruhe vor dem Sturm. In Italien wütet er bereits.

Sieben Jahre warten — für das Medizinstudium

Bei einem nächtlichen Spaziergang, um so wenig Menschen wie möglich zu begegnen, erklärt mir Timo wie sich Viren im Körper vermehren: irgendwas von Proteinkapseln, Rezeptoren, Wirtszellen. Er liebt es, medizinische Vorgänge zu erklären und mit Fachbegriffen um sich zu werfen. Er lächelt, während er die Worte ein bisschen zu deutlich ausspricht. Sein Stolz, das Ganze verstanden zu haben, schwingt in jedem Buchstaben mit.

Sieben Jahre hat Timo darauf gewartet, sein Medizinstudium zu beginnen. Aber mit einem Abiturschnitt von 1,9 kann das dauern. Zum Rettungsdienst wollte er eigentlich nur für ein Freies Soziales Jahr. Dann verbrachte er dort seine gesamte Wartezeit – sang nachts um halb drei auf dem Weg ins Krankenhaus mit einer demenzkranken Patientin lautstark ihr Lieblingslied „Is This the Way to Amarillo“, versorgte Motorradfahrer, die eine enge Kurve unterschätzten oder suchte gestürzte Wanderer im Wald. Seine Berufserfahrung brachte ihn keine Sekunde schneller in den Hörsaal. Allein sein Durchhaltevermögen führte ihn im September 2019 an seine Wunschuniversität nach Lübeck. Timo hatte nie einen Plan B. Seit er 14 Jahre alt ist, will er Arzt werden: Anästhesist.

Trotzdem. Das hatte er sich anders vorgestellt. Er wusste, dass ein Medizinstudium schwer ist. Aber er dachte, es würde ihm leichter fallen. „Vielleicht ist es zu spät. Vielleicht hab ich mit 25 einfach nicht mehr genug Power.“ Seiner Euphorie über die Lehrinhalte folgt oft die Frustration über den Berg an Formeln, Molekülen und Schaubildern, die er sich einprägen muss. Egal, wie lange er am Schreibtisch sitzt. Egal, wie viele Seiten er schreibt und liest. Am Ende des Tages ist er meistens unzufrieden mit sich. „Es ist einfach zu viel. Ich bin ein miserabler Medizinstudent.“ Doch dann kommt die Pandemie und mit jedem weiteren Corona-Fall kommen solche Sätze seltener über Timos Lippen.

Geschichten einer Krise

FINK.HAMBURG hat 24 Menschen gefragt, wie sich ihr Leben durch die Corona-Krise verändert hat. Geführt haben wir die Gespräche via Skype, Zoom, im engsten Bekanntenkreis, denn wir mussten Abstand halten. Herausgekommen sind dennoch Nahaufnahmen von Hebammen, Lehrkräften, Krankenpfleger*innen, Studierenden. Sie zeigen, wie herausfordernd das Virus für den beruflichen und privaten Alltag ist und wie Neuanfänge gelingen.

Als die Infektionen steigen, ist Timo hin- und her gerissen. „Ich werde gerade als Notfallsanitäter gebraucht. Aber ich will meinem Studium gerecht werden.“ Er entschließt sich, einen Corona-Aushilfsvertrag im Lübecker Uniklinikum zu unterschreiben — für den Notfall. Wenn der Sturm tobt, will er helfen. Die darauffolgenden Tage sind von einem Gefühl des Ausharrens geprägt. Wann würde sich das Krankenhaus bei ihm melden? Wann kippt die Lage?

Lernen trotz Pandemie: Klausuren statt Krankenhaus

Timo verbringt den Lockdown mit Biologie, Physik, Chemie, Anatomie und dem wachsenden Stress angesichts des näher rückenden Semesters. Vor den leeren Augenhöhlen und dem zwangsläufigen Grinsen des menschlichen Schädels auf seinem Schreibtisch und mit beruhigenden Beats auf den Ohren entziffert er Mikroskop-Bilder von Körperzellen.

Das Krankenhaus hat sich noch nicht bei ihm gemeldet. Seine Freunde werden schon eingearbeitet. Er schreibt sicherheitshalber eine Mail, nicht dass sie ihn vergessen haben. „Ist ein gutes Zeichen, wenn sie mich nicht brauchen“, sagt er und versucht seine Enttäuschung zu verbergen. Immerhin habe er jetzt Zeit, sich intensiv mit der Gewebelehre auseinanderzusetzen. Das Studium ist das, was er immer wollte. Aber die Patienten fehlen ihm.

„Ich bin produktiver geworden“, sagt Timo in der vierten Woche des Lockdowns. Das zeigen auch die vielen lateinischen Begriffe, die sich heimlich in seinen Alltag schleichen und nach Zaubersprüchen von Harry Potter klingen. Die Atmosphäre einer hektischen Intensivstation bleibt aus. Stattdessen läuft entspannter HipHop. Nur das grelle Licht über seinem Schreibtisch erinnert an ein Krankenhaus.

Dann kommen die ersten Lockerungen. Und die Zaubersprüche konkurrieren wieder mit der Verzweiflung: die alltägliche Gegenspielerin seines Enthusiasmus. An einem Tag schwärmt er von der Wangenmuskulatur, die das zerkaute Essen zurück in den Mund schiebt. Dann weiß er wieder nicht, wie er das Semester überstehen soll. Am folgenden Tag freut er sich wie ein kleiner Junge über seinen neuen Chemiebaukasten. Und am nächsten Morgen braucht er zwanzig Minuten länger im Bad, um seine Demotivation abzuwaschen.

Die Sorgen über ein Kippen der Lage sind stärker als Timos Selbstzweifel im Studium. Für kurze Zeit vergisst er den Berg vor ihm und macht sich einfach auf den Weg: von seinem Enthusiasmus angetrieben und ohne Zweifel, die sich ihm so oft entgegenstellen. Bis ihm klar ist, dass die Lage nicht kippen wird. Vorerst.

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Mit Barockfrisur und prunkvollem Reifrock: So konnte man Caterina Klaeden, Jahrgang 1995, in der Innenstadt von Passau bewundern. Neben ihrem Medien- und Kommunikations-Studium zeigte sie dort bei mittelalterlichen Schauspielführungen zum Beispiel das Pesthaus oder den Pranger. Beim Yoga kann sie den Kopfstand, am Handstand arbeitet sie noch. Gebürtig kommt Caterina aus dem Harz, dort entdeckte sie ihre Liebe zum Journalismus. Bei der „Goslarschen Zeitung“ leitete sie das Ressort „Junge Szene“. Für die Miniserie „Harz Attack“ berichtete sie unter anderem über ein Survival Camp. Dabei machte sie Feuer mit Feuersteinen, lernte Kräuterkunde und war mit Schlittenhunden unterwegs. Als kleines Kind wollte sie Delfin-Dompteurin werden. Heute bringt sie in ihrem Podcast „Late Night Hate mit Caty“ Leute zum Lachen und greift darin all das auf, was in ihrem verrückten Leben passiert oder sie ärgert, etwa das unterirdische W-Lan an der Uni Passau. Kürzel: cat