Peter Lindbergh hat die Ära der Supermodels in den 90er Jahren geprägt und die Modefotografie revolutioniert. Das MKG zeigt eine umfangreiche Ausstellung, die der Fotograf vor seinem Tod selbst kuratierte.

„Frauen müssen befreit werden von der Idee, dass sie immer jung bleiben müssen“, sagte Peter Lindbergh letztes Jahr in einem Gespräch im Podcast „Vogue-Stories“. Es war das letzte Interview, das der Fotograf gab, bevor er am 3. September 2019 im Alter von 74 Jahren überraschend verstarb. Die These über die Befreiung der Frau von Jungendkomplexen und den Zwängen künstlicher Schönheit war ein zentraler Bestandteil von Lindberghs gesamter fotografischer Karriere. Besonders deutlich wird das in der von dem Pionier der Modefotografie selbst kuratierten Ausstellung „Untold Stories“, die ab dem 20. Juni im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen ist.

Unerzählte Geschichten

Unmittelbar vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die umfangreiche Werkschau fertig, an der er zwei Jahre intensiv gearbeitet hatte. „Untold Stories“ ist aus diesem Grund nicht nur ein Einblick in eine einzigartige Bildsprache, sondern auch das Vermächtnis eines der einflussreichsten Modefotografen unserer Zeit.

Im Juni 2019 sagte Lindbergh in einem Interview für den Ausstellungskatalog: „Als ich meine Fotos das erste Mal an der Wand im Ausstellungsmodell gesehen habe, habe ich mich erschreckt, aber auch positiv. Es war überwältigend, auf diese Art vor Augen geführt zu bekommen, wer ich bin.“ Der Begriff Identität hat das Lebenswerk des in Duisburg aufgewachsenen Fotografen stark geprägt.

"Peter Lindbergh: Untold Stories" eröffnet am 20. Juni im Museum für Kunst und Gewerbe. Foto: Henning Rogge
„Peter Lindbergh: Untold Stories“ eröffnet am 20. Juni im Museum für Kunst und Gewerbe. Foto: Henning Rogge

Eine neue Ära

Für Peter Lindbergh stand der Mensch mit seiner ungefilterten Persönlichkeit und Schönheit im Fokus. Mit diesem humanistischen Ansatz prägte er die Modefotografie der 90er Jahre maßgeblich. Der Fotograf brach mit althergebrachten Idealen. In dieser Zeit waren stark geschminkte Modelle in künstlichem Licht der Standard auf den Covern sämtlicher Modezeitschriften.

Nachdem er bereits seit den 1970ern für und mit großen Namen und Magazinen der Branche arbeitete, erlangte Lindbergh 1988 internationale Aufmerksamkeit: Mit einem schwarz-weiß Foto in der amerikanischen Vogue, auf dem Newcomer-Models in weißen Herrenhemden am Strand abgelichtet wurden – natürlich, intim und authentisch. Was zuerst auf Ablehnung stieß, sollte der Anfang eines Umbruchs werden. Noch im gleichen Jahr fotografierte er das Cover der ersten Vogue-Ausgabe von Anna Wintour.

Stefan Rappo (*1971), Porträt Peter Lindbergh, © Stefan Rappo
Der Modefotograf Peter Lindbergh © Stefan Rappo

Das Phänomen der Supermodels in den 90er Jahren begann schließlich mit Peter Lindbergh: Im Januar 1990 zierte sein unvergessliches Foto von Christy Turlington, Tatjana Patitz, Naomi Campbell, Cindy Crawford und Linda Evangelista das Cover der britischen Vogue. Kaum ein anderer konnte Modelle, so ausdrucksstark und ehrlich ablichten wie Lindbergh. Er führte ein neues Konzept der Modefotografie ein, bei dem die Kleidung zweitrangig war. Stattdessen spielten Authentizität, Nahbarkeit und Intimität eine wegweisende Rolle – bis heute.

Hommage in Schwarz-Weiß

Die insgesamt 140 Arbeiten, die aktuell im Rahmen von „Peter Lindbergh: Untold Stories“ im MKG ausgestellt werden, entstanden zwischen den 1980er Jahren und der Gegenwart. Der markante, analog wirkende Schwarz-Weiß-Look seiner Bilder zieht sich dabei durch den Großteil seines gesamten Werks. „Schwarz-Weiß ist in meinen Augen oft authentischer als Farbe. Gerade Porträts wirken stärker durch die Reduktion“, erklärte Lindbergh in einem Spiegel-Interview mit Felix Krämer.

Neben einer großen Zahl bisher unveröffentlichter Werke werden auch berühmte Fotografien gezeigt, die bereits in Zeitschriften wie Vogue, Harper’s Bazaar, Interview, Rolling Stone, W Magazine oder dem Wall Street Journal veröffentlicht wurden. „Durch die Ausstellung ergab sich die Möglichkeit, ausführlicher über meine Fotos in einem anderen als dem Modekontext nachzudenken. Ziel der Präsentation ist es, die Fotos zu öffnen für andere Lesarten und Perspektiven“, betonte Lindbergh im Gespräch für das Buch zur Ausstellung. „Allerdings geht es mir nicht darum zu sagen, dass meine Bilder keine Modefotografie seien, denn das wäre auch falsch. Ich bestehe auf der Definition ‚Modefotografie‘, weil für mich dieser Begriff nicht bedeutet, dass man Mode abbilden muss – die Fotografie ist viel größer als die Mode selbst, sie ist Bestandteil der Gegenwartskultur.“


Die Ausstellung „Peter Lindbergh: Untold: Stories“ im Museum für Kunst und Gewerbe eröffnet am 20. Juni 2020 und läuft bis 1. November 2020. 

Titelbild: Peter Lindbergh (1944–2019), Uma Thurman, New York, 2016, © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

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Victoria Szabó, Jahrgang 1996, trägt gerne schwarz. Diese schlichte Eleganz entspricht ihrem Gefühl für Ästhetik und die spielt für sie als visueller Mensch eine große Rolle. Ihre Bachelorarbeit in Publizistik und Kommunikationswissenschaften schrieb sie über die Wirkung von Produktdesign auf Konsumierende. Ihre Leidenschaft für das Schöne lebte die gebürtige Österreicherin als Redakteurin für die Kulturzeitschrift „The Gap“ aus. Dort schrieb sie über Galerieeröffnungen und Fotografieausstellungen. Dass Kultur auch viel mit Nachhaltigkeit zu tun haben kann, entdeckte sie bei ihrer Arbeit für das Magazin „Biorama“, für das sie etwa einen Festivalguide über nachhaltige Festivals zusammenstellte, Tipps für Bio-Glitzer inklusive. Ein Praktikum bei den Wiener Linien führte sie weg vom Journalismus und hin zur PR. Sie plante den Instagram-Feed des städtischen Verkehrsbetriebs und betreute den Unternehmens-Blog mit. Ihr Vorhaben für den Neuanfang in Hamburg: Das Leben auf die Wiener Art genießen, flanieren und Spritzer trinken. Alsterwasser ist auch okay. Kürzel: vis