Weil ein Haus mit Garten in Hamburg zu teuer war, suchten Tuula und Jesko nach Alternativen. Die Lösung: Ein Schrebergarten. Seit vergangenem Jahr besitzen die beiden nun eine Laube am Wilhelmsburger Inselpark für sich und ihre Pflanzen.

Beide kommen aus Hamburg und wohnen nur acht Minuten von ihrem Schrebergarten entfernt. Das ist auch gut so: Wenn es draußen heiß ist, müssen Tuula und Jesko täglich ihre Pflanzen gießen. Für Jesko ist das der schönste Feierabend – schnell noch mal in den Garten fahren und nach Blumen und Gemüse schauen. Oder auf der selbstgebauten Holzterrasse sitzen und ein Glas Wein trinken.

„Seitdem wir unseren Garten haben, stecken wir da alle Energie rein, die wir haben. Freunde werden hierher eingeladen. Wir verbringen fast nur noch Zeit hier – und niemand hat was dagegen“, erzählt Tuula. Sie und ihr Mann Jesko sind beide 29 Jahre alt und pachten seit vergangenem Sommer 300 Quadratmeter: Sie haben einen Schrebergarten am Wilhelmsburger Inselpark ergattert. Die Wartelisten für einen Garten sind lang – auch auf ebay-Kleinanzeigen sind Interessierte bereit bis zu 10.000 Euro bei der Übernahme zu zahlen.

Tuula gieß die Beete im Schrebergarten
Wenn möglich, gießen Tuula und Jesko ihre Beete mit Regenwasser. Foto: Jonathan Schanz

Holzterrasse, Hochbeete und Gewächshaus – alles selbstgebaut

Tuula und Jesko haben seit vergangenem Sommer viel geschafft. „Wir sind jetzt exakt zehn Monate hier und der Garten sieht nicht mehr aus wie vorher“, erzählt Jesko. „Unser Haus sieht jetzt aus wie ein typisch schwedisches Holzhaus, wie man es im Småland findet. Und der Garten sieht aus, als wäre er wild gewachsen“, sagt Tuula stolz.

Das Holzhaus hat eine neue Farbe bekommen, den Innenraum hat Tuula eingerichtet. Die beiden haben die Arbeit aufgeteilt: Jesko ist für draußen zuständig, Tuula kümmert sich um die Innenraumgestaltung und die Finanzen.

Selbstgebaute Holzterasse im Schrebergarten
Wo zuvor ein großes Loch im Garten war, haben Tuula und Jesko eine Holzterrasse gebaut. Foto: Marie Filine Abel
Innenraum der Gartenlaube
Tuulas Aufgabenbereich: Die meisten Möbel hat sie von ebay-Kleinanzeigen. Foto: Marie Filine Abel

Für die Holzterrasse haben Tuula und Jesko sich Hilfe geholt, sonst bauen sie alles alleine: Gewächshäuser, Hochbeete fürs Gemüse und Terrassenbeete aus Waschbetonsteinen. Das Paar hat sich einen Baustrahler mit Akkubeleuchtung gekauft, welcher knapp sechs Stunden am Stück leuchtet. „Wenn ich irgendwann zu müde geworden bin“, so Tuula, „dann bin ich schlafen gegangen. Und Jesko hat bei Baustrahllicht die Beete weitergebaut.“

Selbstgebaute Hochbeete und Gewächshaus
Gewächshaus und Hochbeete – alles selbstgebaut. Foto: Jonathan Schanz

Verantwortung und Gartenarbeit im Schrebergarten

Laut Jesko bedeutet der Schrebergarten vor allem Freizeit. „Aber natürlich ist das auch mit Arbeit verbunden und manchmal ist es sehr anstrengend.“ Wenn er aber erst einmal im Garten steht, hat er große Lust anzupacken: „Ich habe scheinbar einen grünen Daumen“, so Jesko. Im Garten versucht er alles angstfrei anzugehen, ab und zu liest er mal was nach. „Man muss nichts können, aber man muss schon wollen.“

Bevor man einen Schrebergarten mietet, sollte man genau überlegen, ob man genug Zeit hat, sich um ihn zu kümmern, rät Tuula: „Passt das überhaupt in mein Leben? Habe ich da Bock drauf? Wir sind ins kalte Wasser gesprungen und für uns hat es richtig doll gepasst.“

Tuula vergleicht einen Kleingarten mit einem Haustier: Als Besitzer*in hat man auf einmal viel Verantwortung. Das findet auch Jesko: Pflanzen sind Lebewesen, die er nicht einfach vertrocknen lassen würde. Was für die Zwei gar nicht geht: „Gemüse anbauen, Energie und Ressourcen reinstecken, damit das dann verrottet – weil man nicht genug gemacht hat.“

Jesko erntet Rüben
Jesko erntet die selbst angebauten Rettiche. Foto: Jonathan Schanz

Schrebergartenregeln und Vorschriften

Den Gartenverein Wilhelmsburg von 1918 e.V. gibt es schon über 100 Jahre. Wie das Elbe Wochenblatt berichtet, gründete damals eine Gruppe von zehn Lokführern die Schrebergartenkolonie im Süden der Elbinsel. Mittlerweile gibt es insgesamt 127 Parzellen auf dem Gelände. Die Idee damals: Selber Gemüse anbauen und ein Dach über dem Kopf – gute Mittel gegen Armut und Lebensmittelknappheit nach dem Ersten Weltkrieg. Bei der Flutkatastrophe 1962 wurden die Anlagen des Gartenvereins zerstört – einige Bewohner*innen haben ihr Leben in dieser Nacht verloren. Laut Tuula und Jesko wurden anschließend  neue Hütten gebaut – ganz untypisch zum Beispiel sind die entstandenen Steinhäuser. Intern werden diese liebevoll als Elbvororte bezeichnet, die Holzlauben gehören zu Billstedt.

Der Garten von Tuula und Jesko gehört zum Gartenverein Wilhelmsburg von 1918 e.V. Als Mitglieder des Vereins fallen auch zusätzliche Vereinsarbeiten an. „Du musst dazu beitragen, dass hier alles läuft. Du kannst nicht einfach nur alle zwei Wochen kommen, um einmal zu grillen. Es wird schon gewünscht, dass du dich auch regelmäßig in deinem Garten aufhältst“, erklärt Tuula.

Es gibt eine Art Bibel für Kleingärtner*innen: „Ich nenne es jetzt einfach mal das Grundgesetz des Kleingartenwesens. Da steht drin, was man alles machen muss und was man auf keinen Fall machen darf.“

Beispielsweise sei fließendes Wasser in den Hütten tabu, es gebe feste Ruhezeiten und Bäume dürfen eine bestimmte Höhe nicht überschreiten. Dann wäre da noch die sogenannte Drittel-Regelung, nach der man ein Drittel Blumen- oder Zierbeete und ein Drittel Gemüse- und Nutzbeete anlegen müsse. Für das letzte Drittel brauche es eine freie Rasenfläche. Das wird übrigens auch regelmäßig kontrolliert. „Durch Corona hatten wir noch keine Begehung“, erzählen Tuula und Jesko. Wenn irgendwas verkehrt ist, müsse man halt zurückbauen.

Vielleicht wirken Schrebergärten genau wegen dieser Regeln und Vorschriften so spießig. „Es kommt aber auch ganz auf den Verein an, in dem du deinen Garten hast. Vieles ist auch Auslegungssache des jeweiligen Vorstands“, erklären Tuula und Jesko. „Für mich ist es so: Jeder hat hier seine 300 Quadratmeter und es gibt ein paar Regeln und untereinander verhält man sich so, wie jeder das auch in einer Gemeinschaft so gewohnt ist. Ansonsten kannst du machen, was du willst. Alle sind freundlich, alle helfen sich gegenseitig“, so Jesko.

Die Leute seien für ihre Gärten hier. Das verbinde. Das Paar habe etwa von einem Nachbar mehrere Kubikmeter Erde geschenkt bekommen. Einfach so. Ansonsten gilt ein Kasten Bier in ihrer Schrebergartenkolonie als begehrtes Tauschmittel.

„Sobald ich hier durchs Gartentor komme, ist Corona unwichtig“

Gemüse ernten, Pflanzen gießen und Unkraut jäten – Tuula und Jesko finden immer wieder kleine Baustellen. Ohne ihren Kleingarten hätte Tuula die Corona-Zeit nicht so fröhlich und ausgeglichen überstanden. Als selbstständige Fotografin sind ihr mit Beginn der Pandemie alle Jobs abgesagt worden. „Ich hatte für Wochen nichts zu tun. Hier kann ich mich stundenlang verlieren: Eine Wand streichen, Rasen mähen oder eine Hecke beschneiden – ich habe dadurch teilweise vergessen, dass Corona existiert.“

Tuula beschriftet Schilder für das Beet
Tuula beschriftet Schilder für das Hochbeet. Foto: Jonathan Schanz

Großes Glück für recht kleines Geld

Einen Schrebergarten zu pachten, ist günstiger als man denkt. Tuula und Jesko zahlen pro Quadratmeter nur rund 26 Cent. Der Quadratmeterpreis ist in ganz Deutschland gleich. Die Beiden zahlen etwa 300 Euro im Jahr. Darin enthalten sind eine Diebstahlversicherung, Einbruchsversicherung und Feuerschutzversicherung. Außerdem sind Strom und Wasser in der Hütte auch schon mit drin, gegebenenfalls wird die Höhe noch an den Verbrauch angepasst. In dieser Summe ist übrigens auch noch der Vereinsmitgliedsbeitrag enthalten.

Zu Beginn wird es einmal teuer, denn als neue*r Pächter*in muss ein einmaliger Abschlag an die Vorpächter*innen gezahlt werden. Dafür ausgebildete Spezialist*innen berechnen dann den Wert des Gartens. Dabei werden jeder Baum und jede Pflanze mit eingerechnet. Die Beträge variieren von Garten zu Garten: Alles was draufsteht, wird in die Gartenschätzung mit einbezogen. Die Vorpächter*innen können sich dann noch wünschen, dass auch Möbel oder Gartenwerkzeug übernommen werden. Tuula und Jesko zum Beispiel mussten einen Abschlag von 2.000 Euro bezahlen.

Der Schrebergarten ist auch ein Ruheort

Das Paar bereut seine Entscheidung absolut nicht. „Persönlich kann ich das nur jedem empfehlen!“, schwärmt Tuula. Ihr Schrebergarten ist nicht nur während Corona ein viel genutzter Zufluchtsort. Die beiden grillen und kochen hier, laden Freund*innen und Familie ein. Sie entspannen und freuen sich, wenn Vögel vorbeifliegen und die Bäume rauschen. Neben der ganzen Arbeit gibt es eben auch ganz viel Ruhe – und das in einer Großstadt.

Ab und zu übernachten Tuula und Jesko auch in ihrer Laube – und das ist auch erlaubt. Das variiert von Verein zu Verein. Übernachten dürfen sie, dort wohnen nicht. Ob sie dieses Jahr noch in den Urlaub fahren, wissen sie nicht – natürlich auch wegen Corona. Für Jesko ist der Schrebergarten eh der perfekte Ferienort: „Für mich ist es Folter, zwei Stunden am Strand zu liegen und nichts zu machen. Hier werde ich auch braun und kann irgendwas machen.“ Die Beiden möchten in Zukunft die Sommermonate hier verbringen und die kalten Monate nutzen, um wegzufahren.

Tuula bereitet das Abendessen vor
Tuula bereitet das Abendessen vor. Foto: Marie Filine Abel
Klein aber fein: Die Küche im Schrebergarten
Klein aber fein: Die Küche im Schrebergarten. Foto: Marie Filine Abel
Grillen im Schrebergarten
Im Sommer soll es zum Grillen eigenes Gemüse geben. Foto: Marie Filine Abel

Du möchtest einen Schrebergarten? Auf der Website der Gartenfreunde gibt es eine Liste mit freien Schrebergärten. Da kannst Du dich direkt bewerben und auf die Warteliste schreiben lassen. Tuula und Jesko raten Dir, mit dem Fahrrad mal durch die verschiedenen Schrebergartenkolonien zu fahren und mit den Pächter*innen vor Ort zu quatschen. So bekommst Du ein gutes Gefühl dafür, ob du Dich dort wohlfühlst. Deine Nachbar*innen werden für lange Zeit in unmittelbarer Nähe sein – da ist es wichtig, dass Du dich gut mit Ihnen verstehst.

Titelbild: Jonathan Schanz

Vorheriger ArtikelAb ins Grüne: Wildkräuter bestimmen und Insektenhotels bauen
Nächster ArtikelHamburg: Nur wenige Menschen immun gegen Corona-Virus
Marie Filine Abel, geboren 1992 in Hamburg, diskutiert leidenschaftlich gern: Mit einem Verschwörungstheoretiker im Flugzeug über Aliens, mit Margarete Stokowski via Instagram über die feministischen Implikationen jungfräulicher Cocktails, oder beim Kartenspiel am Küchentisch. Zwischen den Zeilen zu lesen hat sie während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg gelernt. Sie hospitierte am Hamburger Schauspielhaus in der Regie und interviewte für das Stadtmagazin „Szene Hamburg“ Künstler, Krippensammler und Klimaaktivisten. Da war klar: Marie will als Journalistin Anderen Raum für ihre Geschichten geben. Eine sein, die den Mund aufmacht und auf Missstände hinweist - ganz so, wie sie es in ihrer Kindheit aus Musikkassetten von Hannes Wader oder Fredrik Vahle gelernt hat. Kürzel: mfa
Jonathan Schanz, Jahrgang 1993, macht fast alles mit dem Fahrrad – er transportiert sogar Kleiderschrankteile und fährt in den Urlaub bis nach Madrid. Generell hinterlässt der gebürtige Darmstädter im Alltag einen kleinen ökologischen Fußabdruck, da war das Studium der Umweltwissenschaften in Lüneburg nur die logische Konsequenz. Auch sonst liebt er es, seine Umwelt zu erkunden – ob beim Bouldern oder mit einer seiner fünf Analogkameras. Beruflich spielt die Kamera ebenfalls für Jonathan eine wichtige Rolle: Für den NDR und das junge Onlineformat Funk hat er Videobeiträge darüber produziert, wie man safen Sex hat und wie ungesund es ist, Shisha zu rauchen. Im Newsroom ist er als Ordnungsfreak bekannt, sein aufgeräumter Desktop ist der beste Beweis. Kürzel: jos

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here