Eine außergewöhnliche Fußballsaison endet: Die letzten neun Spiele fanden als Geisterspiele statt, ohne Fans im Stadion. Was macht das mit den Menschen, die regelmäßig ihrem Lieblingsclub von der Tribüne aus zujubeln? FINK.HAMBURG hat sich im HSV-Umfeld umgehört.

„Für viele unserer Mitglieder waren die Wochenenden nicht so viel wert, sie leben für den Fußball“, sagt Thomas Kerstner, Pressechef vom größten Fanclub des Hamburger Sport-Vereins namens Hermann’s treue Riege. Die letzten neun der 34 Spiele waren sogenannte Geisterspiele, bei denen durch die Corona-Pandemie keine Fans ins Stadion durften. Der Ausschluss der Fans war eine zentrale Bedingung im Hygiene-Konzept der Deutschen Fußball-Liga (DFL), damit die Fußballsaison nach der Corona-Pause zu Ende gespielt werden konnte.

Ohne das Gemeinschaftserlebnis keine Stimmung

Der Restart, also der Wiederbeginn nach der Corona-Pause, war deshalb vor allem für die Fans, die regelmäßig ins Stadion gehen, eine Umstellung. Hermann’s treue Riege, benannt nach HSV-Kultmasseur Hermann Rieger, ist einer von über 1100 HSV-Fanclubs – und mit über 1000 Mitgliedern der Größte.

Viele Mitglieder sind Dauerkartenbesitzer*innen und reisen dem Verein zu sämtlichen Auswärtsspielen hinterher. Zusammen die Spielern auf dem Rasen anfeuern, mitfiebern, feiern: Das macht das Gemeinschaftserlebnis aus, dass die Anhänger rund um die HSV-Spiele am meisten schätzen – und das während der Geisterspiele fehlte.

Für Kerstner war es dennoch die richtige Entscheidung: „Insgesamt fand ich das okay, damit ein Schlussstrich hinter der Saison gezogen werden kann.“ Auch wenn die Geisterspiele für ihn ungewohnt waren: „Die Stimmung kam natürlich überhaupt nicht auf dem Sofa an. Es gab ja auch einfach keine Stimmung im Stadion.“

Auch die Nordkurve bleibt leer. Foto: Maja Andresen
Auch die Nordtribüne bleibt leer. Foto: Maja Andresen

Wer sind Ultras?
Ultras werden häufig auch als aktive Fanszene bezeichnet. In den Stadien sind sie für die Stimmung und Fangesänge verantwortlichen, entwerfen Choreographien vor Spielbeginn oder machen durch kritische Banner auf Missstände aufmerksam. Ultras engagieren sich häufig sozial, so auch die Hamburger Ultraszene: Sie starteten Spendenaktionen und riefen zur Blutspende und vorbildlichem Verhalten während der Corona-Pandemie auf. FINK.HAMBURG hat versucht, Mitglieder der HSV-Ultraszene zu kontaktieren, ein Gespräch kam aber nicht zustande. Nicht unüblich, die Ultras äußern sich sehr selten Medien gegenüber.

Fans kritisieren Geisterspiele

Aber nicht alle Fans hatten Verständnis für den Restart: „Mit der Entscheidung für Geisterspiele hat sich die DFL und das gesamte System Profifußball endgültig zu dem bekannt, was vielen Fans seit Jahren bewusst ist: Aus den Übertragungsrechten in der ganzen Welt generiertes Geld ist wichtiger als Fans im Stadion“, so positioniert sich die Hamburger Ultra-Gruppierung Castaways auf dem Blog der Nordtribüne im Mai 2020 zu den Geisterspielen. Mit der Meinung sind sie nicht alleine, die ganze aktive Fanszene in Deutschland sprach sich bereits vor dem Restart gegen die Geisterspiele aus. 

„Wir sind jedoch der festen Überzeugung, dass der Reiz und auch der Erfolg des Fußballs nicht nur aus dem Spiel selbst, sondern vor allem auch aus dem sozialen Miteinander rund um die Spiele erwachsen sind. Fußball ohne Fans ist nichts“, heißt es in dem Blog-Artikel weiter. 

Geisterspiele – und jetzt?Die Politik hat grünes Licht gegeben und damit stehen uns genau wie vielen anderen…

Gepostet von Möwenschiss am Donnerstag, 7. Mai 2020

Auch in den Fan-Kneipen herrscht Frust

Allgemeine Frustration macht sich auch in den Fan-Kneipen bemerkbar. Ina* arbeitet als Tresenkraft in einer HSV-Kneipe. „Unsere Fans und Gäste sind schon viel verhaltener. Die Stimmung ist nicht wie in normalen Zeiten – das kann aber auch an den schlechten HSV-Auftritten liegen“, erzählt sie von ihrem Arbeitsalltag und ergänzt: „Ich schaue die Spiele immer bei uns in der Bar, deshalb hat sich für mich nicht viel geändert. Wir haben natürlich viel weniger Publikum und Umsatz im Laden.“

Allgemein findet Ina, dass die DFL richtig handelte: „Es ist natürlich eine komische Atmosphäre, wenn das in den Fernsehübertragungen wie auf einem Dorffußballplatz ist. Ich finde es wichtig, dass Sport wieder stattfindet, das gehört zum täglichen Leben und damit meine ich nicht nur Fußball.“

Dem HSV fehlten die Fans

Auch Cornelius Göbel verfolgte die Heimspiele des Hamburger SV ganz anders als vor der Corona-Zeit. Als Fanbeauftragter des HSV kümmert er sich sonst während der Spiele im Volksparkstadion um das Wohl der heimischen und gegnerischen Fans – bei den Corona-Spielen saß er zu Hause auf dem Sofa: „In der Corona-Zeit ist es noch deutlicher geworden, wie wichtig die Fans für den Fußball sind.“

Cornelius Göbel ist Fanbeauftragter beim HSV. Foto: Maja Andresen
Cornelius Göbel ist Fanbeauftragter beim HSV. Foto: Maja Andresen

Die Reaktionen der Anhänger*innen auf die Geisterspiele nahm Göbel unterschiedlich war: „Da gibt es zum einen die aktive Anhängerschaft, besser bekannt als die Ultras, die dem Phänomen Geisterspiele grundsätzlich sehr kritisch gegenüberstehen. Es gibt aber einen mindestens genauso großen Teil an Anhängern, die Geisterspiele akzeptieren. Es gibt ein großes Lager an Fans, die gerne Fußball schauen, das zeigen auch die TV-Einschaltquoten der vergangenen Woche.“

Aus Vereinssicht mussten die Spiele ausgetragen werden. „Das bringen die wirtschaftlichen Zwänge mit sich“, so Göbel. „Wir sind die Thematik aber auch ganz demütig angegangen und haben den Ultras permanent die Botschaft gesendet, dass sie uns fehlen. Denn das Spiel mit Zuschauern ist viel emotionaler, viel dynamischer“.

In der Kommunikation mit den Fans in Corona-Zeiten sieht sich Göbel, der seit 2014 beim HSV ist, und sein Team als Vorreiter: „Wir haben alle Fanclubs direkt angerufen. Das war für uns neu, vor Corona ist die Anhängerschaft grundsätzlich auf uns zugegangen mit Anliegen, Wünschen und Impulsen. Das hat sich jetzt total gedreht.“ Das bestätigt auch der Fanclub Hermann’s treue Riege, die direkt vom HSV kontaktiert wurden.

Die HSV-Ultras bewerten in ihrem Blog-Eintrag die Kommunikation mit dem Verein ebenfalls als positiv: „Ferner begrüßen wir, dass sich unser Verein zur Fankultur bekennt und in verschiedenen Gesprächen zugesichert hat, auf sämtliche Simulation von Fankultur zu verzichten.“

HSV-Fan: Durch Geisterspiele zurück zur Normalität

Nele ist schon seit sie denken kann HSV-Fan. Sie hat eine Dauerkarte für die Heimspiele im Volksparkstadion und fährt regelmäßig zu den Auswärtsspielen. Lange hat sie mit sich gerungen, wie sie zur Fortsetzung der Liga steht. „Letztendlich bin ich zum Entschluss gekommen, dass es eigentlich besser ist, als gar kein Fußball. Es muss ja irgendwie auch wieder Normalität einkehren. Deshalb finde ich es schon schön, dass man dann wenigstens vorm Fernseher mitfiebern konnte.“

„Die Geisterspiele sind für mich überhaupt nicht vergleichbar mit Fans und Stimmung im Stadion. Aber trotzdem ist es Fußball.“

Sie kann die vom HSV offen gelegten wirtschaftlichen Gründe verstehen: „Ich wünsche mir, dass es wieder so wird wie vorher, dass ich normal ins Stadion gehen kann. Der HSV ist ja finanziell schon länger nicht so gut aufgestellt, mit weiteren Verlusten könnte man mit anderen Vereinen weniger mithalten.“

Die Fanränge bleiben seit März leer. Foto: Maja Andresen
Die Fanränge bleiben seit März leer. Foto: Maja Andresen

Die Saison in der 2. Fußball-Bundesliga ist für den Hamburger SV beendet. Fans und Verein hoffen, dass bald wieder vor vollen Rängen gespielt wird. Die Geisterspiele waren im Volksparkstadion für alle unbefriedigend. Die DFL plant aktuell den Start der Saison 2020/2021. Für den HSV könnte es bereits am 28. August weitergehen, ob mit oder ohne Fans kann bisher noch niemand sagen.

*Name geändert

Titelbild: Maja Andresen

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Patrick Nägele, 1995 geboren, turnte, bevor er laufen konnte – seine sehr sportlichen Eltern nahmen ihn schon als Baby mit in die Halle. Die erste ernsthafte Verletzung zog er sich jedoch erst viel später zu, als Student beim Action-Verstecken in Norwegen: Er stolperte über das Bein eines Mitspielers und riss sich das Kreuzband. Zum Glück konnte er sein Studium der Sportpublizistik in Tübingen trotzdem fortsetzen. Für die Sportschau interviewte er später unter anderem die Ausnahmeturnerin Simone Biles. In seine Heimat, eine Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, würde er für die Maultaschen seines Opas jederzeit zurückkehren. Kürzel: pan
Maja Andresen, Jahrgang 1994, trainierte in Spitzenzeiten vierzehnmal die Woche für Spitzenzeiten. Mit 17 entdeckte sie jedoch die Welt jenseits des Triathlons. Nach einem Jahr Work & Travel in Neuseeland tauschte sie die Kleinstadtidylle in Schleswig-Holstein gegen das Großstadtleben in Wien ein. Dort studierte sie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ihrem Interesse für Bewegtbild ging sie als Set-Runner beim Tatort Hamburg nach. Das gefiel ihr so gut, dass sie ihr Studium für zwei weitere Filmproduktionen unterbrach. Jetzt kennt sie auch die ausgefallenen Kaffeevorlieben von Bully Herbig und Matthias Schweighöfer. Nach dem Studium entwickelte und produzierte sie bei der ZEIT Akademie in Hamburg E-Learnings und schrieb für den dazugehörigen Blog. Sport macht Maja immer noch. Aber nur dreimal die Woche. Kürzel: man