Ein Hamburger Unternehmen reagierte schnell auf die Corona-Krise: Statt medizinischer Cannabisprodukte wird Desinfektionsmittel produziert. FINK.HAMBURG-Redakteurin Chiara war vor Ort und hat die Produktion dokumentiert.

Das Geräusch laufender Maschinen und ein Geruch, der nicht ganz einzuordnen ist – diese Sinneseindrücke begrüßen einen beim Betreten der Produktionshalle von Medsan. Angenehm ist der Geruch nicht, aber auszuhalten. Auf der Arbeitskleidung steht „Medical Cannabis“.

Es ist acht Uhr und die Samstagsschicht beginnt. Acht Stunden lang müssen die Schichtarbeiter*innen fünf Liter Kanister und 0,5 Liter Flaschen mit Etiketten bekleben. Auf Wunsch und je nach Bedarf können die Aufgaben nach der Pause untereinander getauscht werden. Zur Auswahl wären da noch: das Abfüllen der Kanister und Flaschen mit Desinfektionsmittel oder das Ein- und Verpacken der fertig befüllten Flaschen.

Die Atmosphäre ist entspannt. Es scheint, als würden sich die Mitarbeiter*innen untereinander schon lange kennen. Ob Hiphop, Reggaeton oder Deutschrap – die Arbeit folgt dem Beat, der laut aus den Boxen dröhnt. Der Mindestabstand wird dabei so gut es geht eingehalten.

Zahlreiche neue Mitarbeiter*innen

Das Unternehmen Medsan konzentriert sich auf die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Arzneimitteln. Am Hamburger Standort werden eigentlich hauptsächlich medizinische Cannabisprodukte hergestellt, wie zum Beispiel CBD-Öle. Cannabidiol, kurz CBD, ist ein Wirkstoff der Hanfpflanze und kann den menschlichen Körper positiv beeinflussen. CBD soll entkrampfend, schmerzstillend und entzündungshemmend wirken. Während ein anderer Wirkstoff der Pflanze, Tetrahydrocannabinol kurz THC, eine berauschende Wirkung hat.

Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie lag jedoch der Fokus der Produktionsstätte auf der Herstellung von Desinfektionsmitteln. Die Nachfrage nach Desinfketionsmitteln war so groß, dass während der hohen Auftragslage ein Zwei-Schichten-System für sieben Tage die Woche eingeführt wurde. Während andere Unternehmen ihre Beschäftigten in Kurzarbeit schickten oder gar entließen, stellte der Pharmahersteller rund 80 neue Mitarbeiter*innen als Minijobber*innen und Teilzeitkräfte ein. Die meisten Produktionshelfer*innen kamen aus der Gastronomie, denn sie hatten durch den Ausbruch von Corona und die damit verbundene Schließung von Restaurants und Hotels keine Beschäftigung mehr.

Umstellung auf Desinfektionsmittel

Das medizinisch registrierte Desinfektionsmittel gab es bereits vor Corona in einer kleinen Auflage im Sortiment des Unternehmens. Somit waren die entsprechenden Maschinen und die notwendige Fachexpertise vor Ort. Angepasst und deutlich erhöht werden mussten die Wasserversorgung und die Menge der Rohstoffe, erklärt Sebastian Müller, Schichtleiter in der Herstellung. „Wir haben in Hamburg das Glück, dass wir tolle Behörden haben, die uns wirklich unterstützten, als es zum Beispiel darum ging die Wasserversorgung von ein paar Hundert Liter auf ein paar Millionen Liter auszuweiten“, so Kai Markus Xiong, globaler Leiter Business Development bei Medsan.

„Nach Kunden haben wir nie aktiv gesucht“

Als die Medien anfingen über das Corona-Virus zu berichten, kamen bereits die ersten Anfragen. „Nach Kunden haben wir nie aktiv gesucht. Wir wurden oft angesprochen“, sagt Xiong. Sowohl in öffentlichen Einrichtungen als auch im Einzelhandel hatte es sich schnell herumgesprochen, dass das Unternehmen nun Desinfektionsmittel im größeren Stil herstellt, auch international. Die große Schwierigkeit dabei: das Produkt trotz zusammengebrochener Transportwege ins Ausland zu bekommen. Die langjährigen Beziehungen zu Logistikunternehmen hätten jedoch geholfen.

Welche weiteren Herausforderungen die erhöhte Desinfektionsmittelproduktion mit sich brachte, erfahrt ihr im Video:

Nach der Krise muss saniert werden

Insgesamt hat das Unternehmen drei Standorte mit unterschiedlichen Schwerpunkten in Deutschland: Laboranalytik, Produktion sowie Produktionsentwicklung. Als Hauptstandort hatte Hamburg für die Ausweitung der Produktion die räumlichen Kapazitäten. Da die Räume jedoch eigentlich für andere Fertigungen mit einer geringeren Belastung für Böden und Maschinen ausgelegt sind, müsse der Standort nach der Krise großflächig saniert werden, so Xiong.

Titelfoto: Chiara Schenk