Blutspenden rettet Leben. Krankenhäuser oder das Rote Kreuz schlagen aber immer wieder Alarm: Seit Anfang Mai gibt es kaum noch Blut auf Vorrat. Wie läuft Blutspenden eigentlich in Zeiten von Corona? FINK.HAMBURG-Redakteur Lucas Rudolf hat es selbst ausprobiert.

Es ist ein heißer Sommernachmittag, als ich in T-Shirt und kurzer Hose das Blutspendezentrum in Hamburg-Harburg betrete. Im Eingangsraum ist wenig los: Um die 15 Stühle stehen mit reichlich Abstand auseinander, nur ein oder zwei Leute sitzen dort. Im hinteren Raum sehe ich schon die Liegen, auf denen ich später Platz nehmen werde. Die Stimmen einiger Mitarbeiter*innen schallen zu mir rüber.

Es ist meine erste Blutspende seit Corona. Zwar nicht meine erste Spende überhaupt: Aber etwas nervös bin ich trotzdem noch, während ich schwer durch den Mund-Nasen-Schutz atme und darauf warte, aufgerufen zu werden.

Spendebereitschaft war Anfang März hoch

Blutspenden gab es noch nie im Überfluss, mit oder ohne Corona. Das erzählt mir später Dr. Melanie Braun im Telefoninterview. Sie ist die ärztliche Leiterin des Blutspendedienstes Hamburg, der zu den Asklepios Kliniken gehört. „Man muss immer wieder die Werbetrommel rühren,“ sagt sie. Die Krankenhäuser kämpften seit einigen Wochen mit einem deutlichen Mangel an Blutkonserven.

Das war zu Beginn der Corona-Krise anders: Anfang März haben viele Stellen zum Blutspenden aufgerufen, unter anderem Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher oder das Robert Koch-Institut. Viele Menschen gingen daraufhin spenden. „Gleichzeitig haben viele Krankenhäuser nicht dringende Operationen aufgeschoben. Der Bedarf war niedriger, deshalb gab es genügend Spenderblut“, so Braun.

Anfang Mai hat sich die Situation wieder geändert: Die Spendebereitschaft sei auf das Vorkrisenniveau zurückgesunken. „Die Leute haben wohl wieder anderes zu tun, als zum Blutspenden zu gehen“, sagt Braun mit einem kleinen Bedauern in der Stimme. Gleichzeitig begannen die Kliniken, die aufgeschobenen Operationen nachzuholen. Der Bedarf stieg – der Vorrat sank.

Durch Corona selbst gibt es aber keinen höheren Bedarf an Blutspenden: „Wer wegen einer Corona-Infektion stationär behandelt werden muss, braucht in der Regel keine Blutkonserven.“

Plexiglasscheibe und Maske

Im Blutspendezentrum werde ich endlich aufgerufen. Hinter einer Plexiglasscheibe sitzt eine Mitarbeiterin, durch ein Loch in der Scheibe strecke ich ihr meinen Arm entgegen. Blutdruckmessen, Fiebermessen. „Alles in Ordnung“, bescheinigt sie mir und schickt mich zur Ärztin in ein Nebenzimmer. Diese sieht den Fragebogen durch, den ich zu Anfang ausgefüllt hatte: Fühle ich mich vollständig gesund? Hatte ich in letzter Zeit eine offene Wunde? Habe ich Medikamente eingenommen?

Auch hier ist alles in Ordnung, sagt die Ärztin durch die Maske, und lässt mich zur Spende zu. Alles läuft ruhig und routiniert ab: Auch die Mitarbeiterin im Spenderaum empfängt mich mit Seelenruhe. Vielleicht merkt sie mir auch meine Nervosität an.

Kein erhöhtes Corona-Risiko beim Blutspenden

Während ich auf der Liege Platz nehme und auf den Pieks in den Arm warte, schaue ich mich um. Mit mir sind nur drei oder vier weitere Spender*innen da. Alle tragen Mund-Nasen-Schutz: Mitarbeiter*innen und auch die Spender*innen auf den Liegen.

Generell gelte, wer Blutspenden geht, sei keinem erhöhten Risiko ausgesetzt, sich mit Corona zu infizieren, sagt Melanie Braun: „Natürlich kann man eine Ansteckung nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber beim Blutspenden gibt es keine größere Ansteckungsgefahr als beim Einkaufen.“

Zwischen den Liegen ist genügend Abstand. Es dürfen auch keine Begleitpersonen mehr zur Spende mitkommen. Maske tragen ist vorgeschrieben, allerdings gibt es auch Ausnahmen: „Wenn jemandem schwarz vor Augen wird, darf derjenige die Maske schon absetzen“.

Jede Blutspende kann drei Leben retten

Der Nadelstich in meinen rechten Arm tut kurz weh. „Heute genügend Wasser getrunken?“, fragt mich die Arzthelferin. „Ja“, antworte ich laut. So viel, dass ich schon gefühlt zwanzig Mal auf dem Klo war. „Gerade an einem so heißen Tag lieber ein bisschen mehr trinken“, rät sie mir.

Verband nach der Blutspende
Um einen halben Liter Blut ärmer

Die Blutspende selbst vertrage ich gut, auch die Maske lasse ich auf. Der klassische Imbiss danach mit Würstchen und Kartoffelsalat ist wegen Corona leider gestrichen. Immerhin ein Brötchen bekomme ich mit. „Trinken, trinken, trinken! Bis es dir aus den Ohren wieder rauskommt“, ruft mir eine Ärztin hinterher, als ich mich verabschiede.

Mache ich. Trotzdem haut es mich drei Stunden später um: Ich werde unfassbar müde und falle ins Bett. Nach elf Stunden Schlaf ist alles vorbei, es geht mir wieder gut.

Ich werde wieder spenden gehen: Laut Bayerischem Roten Kreuz kann jede Blutspende bis zu drei Leben retten. Das ist es mir doch wert!

Titelbild: Asklepios Kliniken

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Lucas Rudolf, Jahrgang 1995, ist ein Mann der Gegensätze: In seiner Freizeit headbangt er am liebsten zu den Klängen von Metal-Bands wie Caliban, Amon Amarth und Cypecore – oder tanzt Rumba, Walzer, Tango. Obwohl im Schwabenland geboren, zog es ihn für ein Studium im Bereich Multimediajournalismus zu den „verfeindeten“ Badenern nach Karlsruhe. Richtiger Lokalpatriotismus ist ihm als überzeugter Europäer aber trotzdem fremd. Als Interrail-Backpacker hat Lucas mittlerweile fast jedes Land des Kontinents bereist – ohne dabei jedoch auch nur ein Bild seiner Reisen auf Instagram geteilt zu haben. Lieber berichtete er als freiberuflicher Reporter über seine Reisen im SWR-Radio, seinem ersten Job nach dem Bachelorabschluss. Seiner Vorliebe für Europa ging er als Freiberufler und Filmemacher nach: Für ein Europe Direct Informationszentrum produzierte er Dokus über Europapolitik und hielt Vorträge. Jetzt will er noch herausfinden, wo er in Hamburg headbangen und tanzen kann. Kürzel: lur