Wenn ich Ökostrom kaufe, heißt das noch lange nicht, dass auch Ökostrom aus meiner Steckdose kommt. Der Strommarkt ist kompliziert. FINK.HAMBURG erklärt euch, was es mit Zertifikaten und Tauschgeschäften auf sich hat – und wie grün der Strom in Hamburg wirklich ist.

Der durchschnittliche Deutsche stößt acht Tonnen CO2 im Jahr aus. Um den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verbessern, gibt es viele Möglichkeiten: Kleidung gebraucht zu kaufen ist eine Möglichkeit, (Mikro-)Plastik gilt es zu vermeiden und Lebensmittel sollten am besten Bio und Fairtrade hergestellt und gehandelt worden sein. Aber wie sieht es eigentlich in Sachen Strom aus? Für einen nachhaltigeren Energieverbrauch gibt es ein Zauberwort – und das lautet: Ökostrom.

Wer soll da den Überblick behalten?

2019 gab es Deutschlandweit 1157 Ökostromprodukte. Für welchen Tarif soll man sich da bloß entscheiden? Dass Ökostrom kein geschützter Begriff ist und damit die Anforderungen an das Produkt variieren können, macht die Auswahl noch komplizierter. Ökostrom ist zwar immer grün, aber nicht immer senkt er aktiv den CO2-Ausstoß. Was das bedeutet, erklären wir später. Wer seinen Teil zur Energiewende beitragen will, für den gelten diese Regeln:

  • Tarif wählen, der ausdrücklich den Ausbau regenerativer Energien fördert
  • Ökostrom von reinen Ökohändlern beziehen, die keinen Graustrom fördern
  • Werbeslogans wie „Wasserkraft aus Norwegen“ hinterfragen
  • Auf die richtigen Labels beim Versorger achten

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz

Das EEG fördert regenerative Energien. Durch das Gesetz soll bevorzugt grüne Energie in das Stromnetz eingespeist werden. Betreiber solcher Energieerzeugungsanlagen erhalten finanzielle Förderung. Netzbetreiber müssen deren produzierte Energie einspeisen und  zu einem festgelegten Preis vergüten. Der Strom wird dann an der Strombörse gehandelt. Da der Strompreis schwankt, werden entsprechende Kosten für die Betreiber durch die sogenannte EEG-Umlage ausgeglichen, die von den Verbraucher*innen bezahlt wird. Diese ist Teil des Strompreises und somit auch immer auf der Stromrechnung mit angegeben. Das bedeutet aber nur, dass die Verbraucher*innen  zu der Förderung beitragen, nicht zwingend, dass sie diesen Strom  selbst erhalten.

Aber von Anfang an: Grüner Strom ist Strom aus erneuerbaren Energien. Wind- und Wasserkraft, Solarstrom sowie Biogas sind die Alternative zur herkömmlichen Energiegewinnung aus Kohle- und Atomkraftwerken. Die Bundesregierung hat bis 2050 das Ziel 80 Prozent des Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken. Dafür hat sie ein Gesetz erlassen: das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Private Verbraucher*innen zahlen dann die EEG-Umlage, kaufen selbst aber erst mit dem Abschluss eines Ökostromtarifs grünen Strom.

Ökostrom macht den CO2-Fußabdruck besser

Es gibt Anbieter, die Tarife mit Ökostrom anbieten und solche, die zusätzlich den Ausbau regenerativer Energien fördern. Diese leisten den weit größeren Anteil zur Energiewende:

„Grundsätzlich wird der eigene ökologische Fußabdruck durch Ökostrom meistens besser“, erklärt Elke Mohrbach vom Umweltbundesamt. „Aber europäisch oder weltweit gesehen, muss das trotzdem keinen positiven Einfluss auf das Klima haben.“ Wenn etwa der Ökostrom aus 100 Jahre alten Wasserkraftanlagen käme, ändere das den heutigen Strommix nicht mehr. Die Anlagen sind ja schon seit Jahrzehnten da“, so Mohrbach. Für die Energiewende sei es wichtig, den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix zu erhöhen und so in der Bilanz das Verhältnis von Öko- zu Kohle- und Atomstromzu verändern.

Zudem: Wer einen Öko-Tarif bei einem Anbieter abschließt, der auch Atom- oder Kohlekraftwerke am Netz hat, dessen Gelder fließen nicht nur in Ökostrom. Man fördert auch das Betreiben dieser Kraftwerke. Das sei genau das gegenteilige Ziel der Verbraucher*innen, heißt es in der Marktanalyse Ökostrom aus dem Jahre 2019. Laut der Studie des Umwelt Bundesamtes möchten die Nutzer*innen vorrängig die Förderung von Kohle- und Atomstrom eindämmen.

Greenwashing beim Ökostrom?

Ein weiterer Indikator für wirklich grünen Strom sind Herkunftsnachweise (HKN). HKN funktionieren wie Geburtsurkunden für Strom aus erneuerbaren Energien. Sie sorgen dafür, dass dieser nur einmal in das Stromnetz eingespeist wird. Mit jeder verbrauchten Megawattstunde aus Ökostrom, muss der jeweilige HKN entwertet werden. Somit ist gewährleistet, dass Anbieter nicht fälschlicherweise mehr Ökostrom verkaufen, als überhaupt produziert wird. Eigentlich eine gute Sache. Allerdings können Anbieter die Nachweise aus anderen Ländern einkaufen – und so den Strom in Deutschland grüner erscheinen lassen, als er ist.

Ein Beispiel: Ein deutscher Versorger, der nur Atomkraft in seinem Strommix hat, kann Nachweise bei einem norwegischen Versorger kaufen, der Strom aus Wasserkraft bezieht. Diesen Ökostrom darf er dann in seinem Strommix angeben, obwohl er in Norwegen verbraucht wird. Der norwegische Verkäufer verliert dabei das Öko-Attribut. Seinen Kunden muss er auf dem Papier Atomstrom liefern, obwohl in dem Land nicht ein Atomkraftwerk steht. „Da fängt das erste Problem des Greenwashings an, für die Versorger ist es relativ einfach sich künstlich einen höheren Ökostromanteil anzueignen“, sagt Prof. Hans Schäfers, stellvertretender Leiter des CC4E. An der Gesamtökobilanz ändert sich dabei nichts.

Labels als Garantie für grünen Strom

Wer reinen Ökostrom beziehen will, kann sich an Gütesiegeln orientieren. Das Problem: daran ist: „Es gibt viele Labels in Deutschland und ihre Unterschiede sind schwer zu durchschauen“, sagt Mohrbach. Für manche Labels müssen die Anbieter nur geringe Anforderungen erfüllen. Andere werden nicht von unabhängiger Stelle sondern vom Stromhändler selbst ausgewiesen, der damit ein Eigeninteresse verfolgen kann und nicht unabhängig beurteilt.

Als vertrauenswürdig gelten die Labels „Grüner Strom“ und „ok Power“. So die Empfehlung des Umweltbundesamts. Nur Anbieter, die 100 Prozent Ökostrom anbieten und mindestens einen Cent pro Kilowattstunde zur Förderung erneuerbarer Energien zuzahlen, erhalten es. Zudem müssen sie transparent Auskunft über Einnahmen und Verwendung geben und sich nicht am konventionellen Stromhandel beteiligen.

Und woher kommt mein Strom?

Ist der richtige Anbieter gefunden, fließt trotzdem nicht plötzlich grüner Strom aus der heimischen Steckdose. Strom ist an den Weg des geringsten Widerstands gebunden und damit an das nächstgelegene Kraftwerk. Was passiert also mit dem grünen Strom, den ich gekauft habe? Mit dem Abschluss eines Vertrags muss der Anbieter sicherstellen, dass er den eingeforderten Ökostrom anmeldet und dieser in das Stromnetz eingespeist wird.

Wer also neben einem Atomkraftwerk wohnt, bezieht weiterhin von dort Strom. Vertraglich wird aber mit dem Abschluss eines Ökotarifs grüner Strom in das gesamte Versorgungsnetz eingespeist. Je mehr Menschen das machen, desto mehr Ökostrom muss produziert werden und desto mehr Anlagen müssen in Betrieb sein. Das EEG fördert diesen Prozess und damit auch die Energiewende.

Wie grün ist eigentlich Hamburg?

Professor Hans Schäfers erklärt, dass Hamburg 2018 sechs Prozent seines gesamten Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien gedeckt hat. 2017 waren es noch vier Prozent. „Für Hamburg kann es nicht der Anspruch sein, den Energiebedarf komplett selbst zu erzeugen. Das ist eine Metropolregion, auf deren Fläche stehen nun mal Häuser, da kann ich keine Windkraftanlagen hinstellen“, so Schäfers.

Aus diesem Grund sei die Kooperation mit den Ländern um Hamburg wichtig. Schleswig-Holstein produziert mehr Strom aus Windkraft, als es verbraucht. Der Überschuss landet in Hamburg. Noch bestehe allerdings ein Transportproblem, da die Leitungen über die Entfernung nicht ausreichen. Um die Energiewende also voranzutreiben, muss auch auf technischer Seite nach Lösungen gesucht werden.

Deutschland ist insgesamt auf einem guten Weg. Der deutsche Strommix wird jedes Jahr grüner. Schäfers führt das auch auf einen Punkt zurück: „Als wir vor 30 Jahren angefangen haben Strom aus Windkraft und Photovoltaik zu produzieren, war das das Teuerste, was es gab. Mittlerweile ist es das Billigste. Natürlich kommt es auch auf den Standort an, aber es ist kein großer Aufwand mehr, mit diesen Anlagen Strom zu produzieren. Und das ist ziemlich cool.“

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