Das Bundesfamilienministerium will mit einer neuen Miniserie für Pflegeberufe werben. „Ehrenpflegas“ erntet jedoch viel Kritik. Wir haben junge Menschen aus der Pflege gefragt, was sie von der Serie halten.

Seit dem 1. Januar 2020 werden nach dem Pflegeberufereformgesetz die Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege-ausbildungen in einer generalistischen Pflegeausbildung gebündelt. Heißt: Die vorher getrennten Ausbildungen werden nun in einer zusammengefasst, um die Azubis auf sämtliche Aufgaben vorzubereiten.

„Mein Name ist Boris. Ich bin 25 Jahre alt und ich gehe erste Klasse. Erste Klasse Pflegeschule.“ Mit diesen Worten trottet die Hauptrolle der „Ehrenpflegas“ in der ersten Folge in die Berufsschule das Handy dicht vor dem Gesicht.
In fünf kurzen Youtube-Videos begleiten die Zuschauer*innen Boris, Miray und Katrin, die immer nur als Harry Potter angesprochen wird, in ihrer Pflegeausbildung. Ziel der Miniserie: Junge Menschen sollen für Pflegeberufe und das neue Konzept der generalisierten Ausbildung (siehe Kasten) und das Pflegestudium begeistert werden.

Die Serie ist Teil der „Mach Karriere als Mensch“-Kampagne des Bundesfamilienministeriums und wird begleitet von der Filmreihe „Frühspätnachtdienst“. Diese soll einen realistischen Einblick in den Arbeitsalltag im Pflegebereich geben.

Die Idee scheitert jedoch grandios. Kurz nach der „Ehrenpflegas“-Premiere in Berlin, in Anwesenheit der Familienministerin Franziska Giffey, erntete das Ministerium wütende Reaktionen. Unter dem Hashtag #ehrenpflegas twittern User*innen etwa: „Wer wirklich denkt, die Serie #Ehrenpflegas zeige die Realität, darf mich gerne mal durch einen Dienst begleiten.“ Oder: „In meiner Klasse (Ausbildung Pflege) sind vier Menschen, die die Ausbildung anstelle des Medizinstudiums machen.“ Mindestens ein Drittel habe Abitur. „Soviel zum Bildungsniveau.“

Ein Pflegealltag voller Klischees

In den Clips geht es um die  Erfahrungen von Boris, der nach zahlreichen abgebrochenen Ausbildungen nun im ersten Jahr an der Pflegeschule lernt. Dort will er sein Gehalt verdienen, um einen E-Zigarettenshop zu eröffnen. Seine Mitschülerin Miray arbeitet in einem Krankenhaus und lebt noch daheim bei ihren Eltern, was sie ziemlich nervt. Katrin trägt eine Brille und liest ständig Bücher, weswegen ihr Spitzname Harry Potter ist. Von der ersten Ausbildungsvergütung hat sie sich ein Cabrio gekauft.

„Der Versuch, pflegerisches Handeln zu zeigen, ist in dieser komödiantischen Art und Weise absolut niveaulos umgesetzt und verunglimpft die Professionalität der Pflege“, heißt es in einer Petition, die seit dem 12. Oktober Unterschriften dafür sammelt, dass die Kampagne beendet wird. Auch andernorts regt sich Kritik: In einem Interview mit dem „Ärzteblatt“ kritisiert Christel Bienstein, Präsidentin des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe e.V., dass sich Mitglieder*innen des Vereins in ihrem Berufsethos verletzt fühlen.

„Ehrenminista“: Studierende reagieren mit Parodie

Auch Studierende des Bachelorstudiengangs Pflege der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) distanzieren sich entschieden von den Inhalten der Serie. Ihre Antwort: ein Parodievideo mit dem Titel „Ehrenminista“.

„Wir Studierenden sind uns alle einig: Das Video ist eine einzige Katastrophe“, sagt Daniel Thumm. Er studiert im siebten Semester Pflege an der HAW und ist einer der drei Autor*innen des Parodievideos. „In der Serie kommt keinerlei Pflegehandlung vor und die dargestellte Kommunikation zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen und im Seniorenheim ist katastrophal“, kommentiert er eine Szene, in der Boris einen Patienten mit „Bruder“ anspricht. Der ältere Herr hält ihn daraufhin aufgrund seiner Demenzerkrankung für seinen leiblichen Bruder.

In der Pflegeausbildung seien die richtige Kommunikation und verschiedene Modelle ein wichtiger Inhalt, so Thumm. „Die hetereo-normativen Geschlechtsrollen fand ich ganz schlimm“, sagt er. „Ebenso dass die Pflege als ein Sammelbecken dargestellt wird, für alle, die nicht wissen, was sie machen sollen.“

Zu wenig Anerkennung für Pflegepersonal

Als Dankeschön für den Einsatz in der Corona-Krise bedankte sich Staatssekretär Denis Alt (SPD) im Namen der rheinland-pfälzischen Landesregierung und des Ministeriums für Wissenschaft beim Mainzer Uniklinikum mit einem Lavendel-Strauch. Mitarbeiter*innen des Pflegepersonals  antworteten mit dem Video #lavendelgate. Hunderte Twitter-Kommentare sammelten sich unter diesem Hashtag und wiesen auf die Missstände in der Pflege hin.

In ihrer Parodie gehen die drei Studierenden der HAW auch auf andere gut gemeinte Aktionen ein, mit denen Pflegekräften Respekt gezollt werden soll, etwa das Klatschen von Balkonen und #lavendelgate (siehe Kasten). „Es ist total schön, dass man an uns denkt und für uns klatscht, aber wir haben das Gefühl, es geht nicht darüber hinaus“, sagt Thumm. Probleme seien immer noch allgegenwärtig. Es gäbe zu viel Arbeit für zu wenig Personal, die Bezahlung sei nicht besser geworden und erst seit kurzem gäbe es die Möglichkeit für Pflegepersonal, sich regelmäßig auf Corona testen zu lassen.

Aber sind die Charaktere nicht einfach humorvoll überzeichnet? „Humor ist ein gutes Mittel, um Inhalte zu transportieren. Aber die Inhalte müssen stimmen“, sagt Thumm. Dass Katrin sich direkt ein Auto von ihrer Ausbildungsvergütung kaufen kann, empfindet er als extrem unrealistisch. Auch dass Boris sich vor seinen Freunden für die Arbeit in der Altenpflege schämt schwierig. „Auf den Pflegeberuf sollte man stolz sein. Es wäre lustig, wenn man das übertreiben würde. So wird nur wieder dargestellt, dass Pflege nichts wert ist“, findet er.

Unterstützung für „Ehrenminista“

In ihrer Position erhalten die Pflege-Studierenden großen Zuspruch von Dozierenden der HAW. Die Leiterin des Departments Pflege und Management, Dr. Uta Gaidys, hat zusammen mit anderen Pflegewissenschaftler*innen aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern eine Stellungnahme herausgegeben. Darin bewerten sie und ihre Kolleg*innen die Serie „als im hohen Maße ungeeignet für den Zweck der Nachwuchsgewinnung“.

Um zukünftig mehr realistische Einblicke in die Pflege zu geben, will Thumm  sich mit anderen jungen Menschen in der Pflege deutschlandweit vernetzen. „Ich liebe die Pflege und ich habe Lust, was zu verändern“, sagt er. Er habe „Motivation und Bock zu kämpfen“.

Und das denken andere junge Menschen in der Pflege über „Ehrenpflegas“:

„Die Grundidee finde ich gut. Die Darstellung ist aber doch recht platt. Es geht viel mehr um die Liebesgeschichte zwischen Boris und Miray als um Pflegeberufe. Das wirkt sehr amerikanisiert.

Leider wird kein einziges Mal erwähnt, dass es hart ist, im Schichtdienst zu arbeiten und dass man als junger Mensch erstmals mit vielen älteren Kolleg*innen im Team arbeitet. In der Serie erscheint die Berufsschule wie ein Zirkus und das Altersheim sieht aus wie ein Ferienressort.

Mit „Ehrenpflegas“ werden nicht die angesprochen, die es braucht in diesem Bereich. Es sind junge, intelligente Menschen nötig, die auch auf Nachhaltigkeit aus sind und wissen, die Ressourcen eines Krankenhauses richtig zu nutzen.

Außerdem wird stark das Gehalt thematisiert. Dass man das Geld kassiert und nach der Probezeit aufhört, sollte auch nicht im Interesse des Familienministeriums sein.“

„Die Idee, eine Miniserie auf YouTube als Werbeviedeo für die Ausbildung zur Pflegefachkraft zu produzieren, ist meiner Meinung nach ein guter Versuch, junge Leute anzusprechen. Persönlich hätte ich mich nach der Schule nicht angesprochen gefühlt, da ich die Darstellung ziemlich überzogen, zu gewollt witzig und sogar teilweise fremdschämend finde. Nichtsdestotrotz kann ich den Hintergedanken der Produzenten verstehen, den Beruf mal anders zu beleuchten und man sollte das Video wahrscheinlich auch nicht allzu ernst nehmen.
Ich finde aber auch, dass die Serie nicht gerade dazu beiträgt, das Ansehen von Pflegekräften bzw. der Ausbildung zu verbessern. Dass es sich um eine umfangreiche, verantwortungsvolle und auch schwierige bzw. fordernde Ausbildung handelt, wird wenig bis gar nicht beleuchtet.“

„Ehrenpflegas“ stellt den Beruf in der Pflege als einen ‚Jedermanns‘- Job dar. Dabei geht die Ernsthaftigkeit und fachliche Professionalität des Berufs vollständig verloren. Es wird weder vermittelt, welche Verantwortung eine Pflegekraft trägt, noch wie groß der Anspruch an die fachliche Kompetenz oder der zeitliche Aufwand in diesem Job sind.

Anstatt eine realistische Vorstellung der komplexen Aufgaben im Berufsalltag zu geben, wird auf hohe Azubi-Gehälter hingewiesen. Die drei Hauptdarsteller*innen bedienen die Klischees der drei Berufsgruppen Altenpflege, Kinderkrankenpflege und Krankenpflege, von denen wir uns seit Jahren zu distanzieren versuchen.

Um neue Auszubildende für die Pflege zu begeistern, sollte herausgestellt  werden, dass jemand der in der Pflege arbeitet, einen vielfältigen Arbeitsalltag hat, den er/sie selbst mitgestalten kann und Pflege eine Wissenschaft ist, für die man sich stetig weiterbilden muss, um professionell arbeiten zu können.“

„Ich habe mir die erste Episode angeschaut und finde, dass es ein guter Weg ist, um über solche Kanäle junge Leute zu erreichen, die sich sonst mit Pflegeberufen nicht auseinandersetzen würden. In Filmen oder anderen Serien geht es außerdem immer um Ärzte, da ist das Pflegepersonal höchstens Handlanger. Dem setzt diese Serie Pflegeazubis als Protagonisten entgegen. Durch die Serie kann die positive Wahrnehmung der eigenständigen Pflegeberufe in der jüngeren Generation verstärkt werden und vielleicht den ein oder anderen davon überzeugen, einen dieser Berufe zu ergreifen.“

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Es gibt keine Zeile im Film „My Fair Lady“, die Aniko Schusterius, Jahrgang 1996, nicht fehlerfrei mitsprechen kann. Trotz dieses Talents, zehn Jahren Gesangsunterricht und ihres großen Interesses für Musicals hat sich die Berlinerin letztlich gegen eine Bühnen-Karriere entschieden. Nach dem Abitur arbeitete sie als Regie- und Produktionsassistentin in verschiedenen Kindertheatern. Dort musste sie unter anderem lernen, dass Luftballons auf einem Straßenfest eine hochkomplexe bürokratische Hürde darstellen können. Während ihres Bachelors in Theaterwissenschaften und Niederlandistik lebte sie ein halbes Jahr in Groningen. Dort fühlte sie sich wegen des entspannten Lifestyles wohl, und auch, weil sie mit ihren 1,82 Meter das erste Mal nicht auffiel. Für die „Berliner Zeitung“ veröffentlichte sie erste Kolumnen. Auch mit Radio kennt sie sich aus: An der „Frankfurter Hörfunkschule“ lernte sie texten und einsprechen. Vor dem Start an der HAW sammelte Aniko noch mehr Medien-Erfahrung durch Praktika bei „Radioeins“ und beim Fernsehkanal der „Welt“ in Berlin. Dort lauerte sie auch schon mal frühmorgens vor einem Hotel, um Gesundheitsminister Jens Spahn einen O-Ton zu entlocken. Kürzel: ans

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