Chicago und Hamburg haben überraschend viel gemeinsam. Auch deshalb sind sie seit über 25 Jahren Partnerstädte. Wie ist die Partnerschaft entstanden und wie sieht sie heute aus? FINK.HAMBURG hat nachgefragt.

„In gewissen Hamburger Stadtteilen habe ich mich richtig zu Hause gefühlt“, sagt George M. Frederick gegenüber FINK.HAMBURG. Damit meint er vor allem Altona, aber auch in der Langen Reihe habe er „einen Hauch von Chicago Atmosphäre gefunden“. Frederick ist Chicagoer, hat aber in den 90ern in Hamburg gelebt und kommt immer wieder gerne zu Besuch in die Hansestadt.

Sowohl Hamburg als auch Chicago (Illinois) sind Hafenstädte – die Nähe zum Wasser verbindet. Die beiden Weltstädte haben außerdem wirtschaftlich und kulturell großen Einfluss auf das jeweilige Umland. Auch politisch sieht Frederick Gemeinsamkeiten: „Chicago war immer eher links einzuordnen und hat den Ruf, ein bisschen gefährlich zu sein.“ Das könne man auch über Hamburg sagen.

Obwohl die beiden Städte sich in vielem ähnlich sind, findet Frederick, dass in Chicago vielfältigere Menschen leben als in Hamburg. Chicago sei wandelbarer als Hamburg. Dafür sei die deutsche Hansestadt nobler und international besser vernetzt.

Chicago, eine von neun Partnerstädten

Hamburg pflegt internationale Beziehungen zu insgesamt neun Partnerstädten. Jede Partnerschaft hat ihre Besonderheiten: „Bei der Städtepartnerschaft mit Chicago ist der Bürgerinnen- und Bürgeraustausch besonders ausgeprägt“, betont Staatsrätin Almut Möller gegenüber FINK.HAMBURG. Sie ist Bevollmächtigte der Freien und Hansestadt Hamburg beim Bund, der Europäischen Union und kümmert sich auch um auswärtige Angelegenheiten.

 
 
 

Der Austausch wird unter anderem durch gemeinsame Veranstaltungen gefördert. Marathon- und Radsportler*innen, Polizist*innen oder Mitglieder von Jugendfeuerwehren aus beiden Städten treffen dabei aufeinander. Auch Schüler*innenaustausche sowie mehrere Hochschulkooperationen gehören zum Partnerschaftsprogramm.

„Gerade in der jetzigen Zeit ist es besonders wichtig, durch gegenseitige Begegnungen insbesondere von jungen Leuten zu zeigen, wie vielfältig die USA sind“, sagt Möller. „Und enge Verbindungen zu einer Stadt wie Chicago zu pflegen, die unsere Werte und unsere Vorstellungen von einer vielfältigen und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Stadt teilt.“

 „Wer Lebensweise und Sprache kennt, versteht sich fürs Leben“

Chronologie der Partnerschaft zwischen Hamburg und Chicago. Grafik: Pia Röpke
Hier klicken für weitere Informationen zum Verlauf der Partnerschaft zwischen Hamburg und Chicago.

Am 20. Juli 1994 fing alles an: Die gemeinsame Städtepartnerschaftserklärung zwischen der Hansestadt Hamburg und der „Windy City“ Chicago wurde vom damaligen Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) und Chicagos Bürgermeister Richard M. Daley (Demokraten) unterzeichnet. Man wollte mit der Partnerschaft unter anderem die Kultur-, Wirtschafts- und Handelsbeziehungen fördern und erweitern.

Für Hamburg stand besonders der Jugendaustausch im Fokus. „Wer Lebensweise und Sprache kennt, versteht sich fürs Leben. Partnerschaft lebt nicht auf dem Papier, sondern erst in der Verbindung zwischen den Menschen“, sagte Voscherau damals. Daley habe sich für Chicago vor allem mehr Internationalität erhofft, sagt Frederick. Das sei der Hauptgrund gewesen, weshalb Daley 1990 die Partnerschaft vorgeschlagen habe. Bis zur offiziellen Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags dauerte es noch weitere vier Jahre. Diese fand vor 500 Gäst*innen statt. Diplomat Frederick war einer von ihnen.

Für ihn war es ein „sehr starker Anfang“. Eine deutsche Delegation, darunter auch Journalist*innen, waren mehrere Tage in der „Windy City“, um aus der Stadt und von der Partnerschaft zu berichten. Und eine Delegation aus Chicago kam nach Hamburg. 1997, während Frederick als US-Diplomat in Hamburg arbeitete, besuchte Daley die Hansestadt mit seiner Ehefrau Maggie Daley. Die habe unbedingt eine Hafenrundfahrt machen wollen, erinnert sich Frederick.

Seit Corona: Begegnungen im virtuellen Raum

Seit dem Frühjahr 2020 sind persönliche Begegnungen wegen Corona nicht mehr möglich. „Wir können versuchen, den virtuellen Raum bestmöglich zu nutzen. Aber das ersetzt nicht die Kraft echter Begegnung in Chicago oder Hamburg“, so Staatsrätin Möller. Chicagos amtierende Bürgermeisterin Lori Lightfoot (Demokratin) und Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) hätten aber bereits zu Beginn der Pandemie telefoniert, um sich über die Maßnahmen in der jeweils anderen Stadt zu erkundigen.

US-Bürger Frederick hat das Gefühl, der Austausch der beiden Städte habe nachgelassen. „Wir haben wahrscheinlich ein bisschen die Impulse verloren über die Zeit“, sagt er. Die aktuelle Bürgermeisterin interessiere sich zwar für die Partnerschaft, aber es sei einfach viel los in den USA zurzeit. „Aktuell ist die Städtepartnerschaft kein großes Thema. Vielleicht nach der Wahl wieder.“

Mit der US-Wahl 2020 rückte die amerikanische Politik auch in Chicago in den Vordergrund. Die Chicagoer Bevölkerung sei aber nicht so gespalten wie die anderer amerikanischer Städte, sagt Frederick. Deshalb sei die Stimmung in Chicago rund um die US-Wahl verhältnismäßig ruhig gewesen.

Seit 1931 hat Chicago immer eine*n demokratische*n Bürgermeister*in gehabt. Seit 1992 ging der Bundesstaat Illinois in der Präsidentschaftswahl stets an die Demokraten.

Wie geht es weiter?

Am 7. November 2020 riefen US-amerikanische Medien Joe Biden als Gewinner der Präsidentschaftswahl aus. Für Frederick ist das ein Zeichen dafür, dass die Amerikaner*innen wieder zueinander finden wollen. „Nun können wir anfangen, ein Amerika aufzubauen, in dem alle leben können“, sagt er. Das sei schon immer das amerikanische Verständnis von Freiheit gewesen. Den Weg dahin müssten die Bürger*innen aber selbst gehen – Biden könne lediglich für die nötige Stabilität stehen.

Auf die Städtepartnerschaft werde sich der Wahlausgang nicht auswirken, sagt Staatsrätin Möller. Die Breite und Intensität der Partnerschaft würden vom Bürgermeister und der Bürgermeisterin sowie den Bürger*innen geprägt, nicht vom Präsidenten.

Ein positives Beispiel: Im Kampf gegen den Klimawandel haben 50 Bürgermeister*innen internationaler Metropolen ein Charta unterzeichnet, initiiert von Chicago. Laut Möller wird daran deutlich, „wie Städte und auch Städtepartnerschaften wichtige globale Themen vorantreiben können“.

Titelbild: Chiara Schenk

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Am liebsten genießt Pia Röpke, geboren 1993 in Hamburg, die Ruhe und meditiert. Nach der Ausbildung zur Medienkauffrau beim Spiegel schlug sie ein Jobangebot dort aus und entschied sich stattdessen für die Universität. Beim Thema blieb sie aber: In Lüneburg studierte sie Digital Media, in Hongkong Creative Media. Dort entdeckte sie Achtsamkeit, Yoga und Spiritualität für sich. Das half ihr dabei, sich zu entspannen, wenn die gierige Millionenstadt zu stressig wurde. Seitdem ist sie überzeugt, dass Selbstreflexion nicht nur für sie heilsam ist, sondern auch für den Rest der Welt wichtig wäre, um die Digitalisierung sinnvoll zu gestalten. Um Digitales und Fundraising kümmert Pia sich für die Organisation Kanduyi Children e.V., die Kindern in Kenia Bildung ermöglicht. Kürzel: pia
Obwohl Chiara Schenk, Jahrgang 1995, einen italienischen Vornamen hat, italienische Küche liebt und jedes Jahr mindestens einmal nach Italien reist, zog es sie nach dem Abitur aus ihrer Heimatstadt Reutlingen nach Down Under. In Australien versuchte sich Chiara zunächst als Au Pair, bewachte als „traffic controller“ dann aber nach kurzer Zeit schon lieber Verkehrsbaustellen als Kinder. Die Zusage für ihren Bachelor an der Filmuniversität Babelsberg ging auf dem Postweg verloren, und so erfuhr die angehende Rettungsschwimmerin erst drei Tage vor Semesterbeginn von ihrem Umzug nach Berlin. Die ersten Wochen verbrachte sie dann auf der Couch einer freundlichen älteren Dame. Später gab sie in Berlin Kindern Schwimmunterricht – sie hofft auf ähnlichen Bedarf in Hamburg. Kürzel: cis

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