Die Pflegerin Romana Knezevic kritisierte öffentlich die Zustände in einer Asklepios-Klinik. Nun will der Betreiber sie entlassen. Dutzende Kolleg*innen demonstrieren gegen die Kündigung und dafür, Pflegepersonal mehr zu entlasten.

Ein Sonntagabend im Januar, kurz vor 17 Uhr. Vor dem Haupteingang des Asklepios Klinikum St. Georg in der Langen Reihe bibbern drei Frauen in der Dämmerung. Der Winterwind beißt ihre Haut an Händen und Gesichtern rot, lässt die Augen tränen. Zwischen zwei Baumstämmen hat das Grüppchen eine Plastikplane gespannt. „Notruf Krankhaus“ prangt darauf in Großbuchstaben. Und weiter: „Handeln statt klagen!“

Die Frauen sind Mitglieder der Hamburger Krankenhausbewegung, einer Vereinigung von Beschäftigten diverser Hamburger Krankhäuser. Die Bewegung setzt sich für die Interessen des Hamburger Pflegepersonals ein. Vom 15. Januar bis zum 1. Februar organisiert sie tägliche Mahnwachen. Der Anlass: Nachdem Romana Knezevic, Pflegefachkraft aus dem AK St. Georg, Verdi-Betriebsrätin und Sprecherin der Krankenhausbewegung, öffentlich die Arbeitsbedingungen in ihrer Beschäftigungsstelle kritisierte, will der Betreiber Asklepios das Arbeitsverhältnis mit ihr aufkündigen.

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Die Hamburger Krankenhausbewegung veranstaltet Mahnwachen, um für bessere Bedingungen auf den Stationen zu demonstrieren. Foto: Mali Paede

„Die Patienten sterben alleine“

Knezevic bemängelt im „Hamburg Journal“ vom 17. Dezember, dass insbesondere auf den Intensivstationen in St. Georg das Pflegepersonal massiv überlastet ist. „Es ist schon immer der Fall gewesen, dass zu wenig Pflegekräfte vorhanden sind“, so Knezevic. Durch die Corona-Pandemie erhöhe sich nun nochmal zusätzlich die Zahl an Patient*innen. Auf eine Kraft kämen mehr Patient*innen als gesetzlich zugelassen.

Vorgesehen ist ein Betreuungschlüssel von 1 zu 2,5. Das heißt, eine einzelne Intensivpflegekraft darf sich maximal um zwei bis drei Patien*innen kümmern. Knezevic zufolge liegt der Schlüssel momentan bei 1 zu 5 – „das sprengt jeglichen Rahmen“, kritisiert sie in dem Beitrag.

Zudem fehle es an Service- und Reinigungspersonal auf den Stationen. Die Pfleger*innen müssen einen Großteil ihrer Arbeitszeit für Reinigungstätigkeiten aufwenden, die Pflege der Patient*innen komme zu kurz. Und damit auch die Sterbebegleitung: „Die Patienten sterben alleine auf ihren Zimmern, weil uns das Personal und die Möglichkeiten fehlen“, so Knezevic.

Öffentlicher Auftritt mit Folgen

Asklepios dementiert die Vorwürfe. Der Konzern wirft Knezevic vor, wissentlich falsche Informationen verbreitet zu haben. Auf Nachfrage von FINK.HAMBURG schreibt der Krankenhausbetreiber, in der derzeitigen Pandemie-Situation ist die Lage in allen Kliniken Deutschlands angespannt – nichtdestotrotz verwehrt sich Asklepios „entschieden gegen Vorwürfe, dass Patienten auf unserer Intensivstation in St. Georg (bzw. auch auf allen anderen unserer Intensivstationen) nicht gut versorgt wären!“. Das Unternehmen halte den Personalschlüssel streng ein und es sei „absurd“, zu unterstellen, die Kliniken würden ihre Pflegekräfte „regelhaft für Reinigungstätigkeiten einsetzen“.

Kurz nach Knezevics Auftritt im „Hamburg Journal“ beantragte Asklepios die außerordentliche Kündigung der Krankenpflegerin. Knezevics ist Teil des Verdi-Betriebsrates. Um sie entlassen zu können, benötigt der Krankenhausbetreiber die Zu­stim­mung der anderen Mitglieder des Rates – die erhielt Akslepios nicht.

Nun könnte nur ein Gerichtsurteil die Kündigung rechtswirksam werden lassen. Der Fall geht am 1. Februar vor das Hamburger Arbeitsgericht. Solange noch stehen die Mitglieder der Hamburger Krankenhausbewegung täglich in der Langen Reihe – um sich mit Knezevic zu solidarisieren, auf Missstände aufmerksam zu machen und sich für bessere Bedingungen auf den Stationen einzusetzen.

Wir sind alle Romana
„Wir sind alle Romana!“ Mit Ihrer Protestaktion solidarisieren sich Hamburger Pfleger*innen mit Romana Knezevic. Foto: Mali Paede

Bewegung erhofft sich Unterstützung vom Senat

Um ihr Anliegen zu verdeutlichen, haben die Pfleger*innen eine Petition gestartet. Gut 9.500 Unterschriften kamen bisher zusammen (Stand 30. Januar 2020). Das Ziel liegt bei 10.000.

Das Petitionsschreiben richtet sich neben Joachim Gemmel, Chief Operating Officer bei Asklepios, auch an Melanie Leonhard, Hamburger Sozialsenatorin. Da die Stadt mit gut 25 Prozent an den Hamburger Asklepios-Kliniken beteiligt ist, erhofft sich die Krankenhausbewegung Unterstützung vom Senat. Bisher vergeblich. Solidaritätsbekundungen kamen aber von Hamburger Bürger*innen, Verdi-Fachgruppen und Hamburger Vereinen.

„Wir sind alle Romana!“

Wie im Krankenhausbetrieb haben sich die Wachehaltenden der Hamburger Krankenhausbewegung in Schichten eingeteilt. Jeden Mittag um kurz vor 12 Uhr trifft sich die erste Gruppe, um den Infostand aufzubauen. Am Nachmittag werden sie abgelöst. Welche Mitglieder gerade anwesend sind, richtet sich nach den Dienstplänen der Protestler*innen. Denn gestreikt wird nicht.

Auch Knezevic beteiligt sich an den Mahnwachen. Sie verteilt Infoblätter und spricht mit Passant*innen – nicht jedoch mit Medien. Auf Anraten der Verteidigung steht sie bis zum Prozess für Interviews nicht zur Verfügung.

Mittlerweile ist es dunkel. Graupelkörner verfangen sich in den Wimpern der Protestlerinnen. Ein Kollege tritt dazu: „Joa, dann packen wir mal zusammen oder?“ Erleichterung. Weder Heizpilz noch dicke Klamotten, nicht mal das gute Gefühl, für sich selbst und einander einzustehen, schützen dauerhaft vor der klammen Hamburger Kälte. Die Mitglieder der Krankenhausbewegung hoffen, dass das Bibbern letztendlich nicht umsonst war.

Titelbild: Hamburger Krankenhausbewegung