Auch an Hochschulen ist sexualisierte Gewalt präsent – das belegen Studien. Mit den Aktionswochen gegen geschlechtsbasierte Gewalt setzt die HAW Hamburg vom 16. bis zum 27. November 2020 ein Zeichen gegen das oft tabuisierte Thema.

Durch die Me-Too-Bewegung im Oktober 2017 ist das Thema sexualisierte Gewalt und Belästigung vermehrt in den Fokus geraten. Dennoch bleibt es laut Isabel Collien, Leitung der Stabsstelle Gleichstellung der HAW Hamburg, ein „tabuisiertes Thema, über das nicht so viel gesprochen wird, das aber leider Alltag ist.“ Das soll sich ändern. Deshalb finden vom 16. bis zum 27. November in der Hochschule die „Wochen gegen geschlechtsbasierte Gewalt“ statt. Die Stabsstelle Gleichstellung, die Gleichstellungsbeauftragten und das Queerreferat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) organisieren gemeinsam die Aktionstage. Ihr Ziel: Aufmerksamkeit generieren und aufklären.

Auch an Hochschulen ist sexualisierte Gewalt präsent. Einer Studie der Ruhr-Universität Bochum zufolge erlebten 2010/2011 54,7 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen sexuelle Belästigung während ihres Studiums. 2012 wurden 23.600 Studierende der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel zu ihren Diskriminierungserfahrungen befragt: Jede*r Fünfte*r fühlt sich aufgrund der sexuellen Ausrichtung oder Geschlechtsidentität diskriminiert. Ein Beispiel für so eine Diskriminierungserfahrung sei etwa, wenn „trans*-Personen anzügliche Witze und sexistische Sprüche ertragen müssen, weil sie vermeintlich das falsche Klo benutzen“, so Collien.

Bestimmte Hierarchie- und Machtverhältnisse an Hochschulen könnten Gewalt zusätzlich begünstigen: „Vielleicht zwischen einem Professor und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin. Das ist nichts, was nur vor unserer Tür Halt macht, sondern eben auch diesen Lern- und Arbeitsort Hochschule ganz massiv beeinflusst“, sagt Lynn Mecheril, Projektmitarbeiterin für Antidiskriminierung und Diversity an der HAW.

Aktionen gegen sexualisierte Gewalt und Belästigung

Wochen gegen geschlechtsbasierte Gewalt, HAW-Hörsaal Berliner Tor, Foto: Lynn Mecheril
Abgeklebte Sitzplätze im HAW-Hörsaal am Berliner Tor, Foto: Lynn Mecheril

Um sexualisierte Gewalt und Belästigung sichtbarer zu machen, haben die Organisator*innen in einigen HAW-Hörsälen die Beschilderungsaktion „Jede Dritte“ gestartet: Jeder dritte Sitzplatz wurde in den Hörsälen abgeklebt, „um darauf aufmerksam zu machen, dass jede dritte Frau bzw. jede dritte trans*-Person statistisch gesehen mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von geschlechtsbasierter Gewalt wird“, so Pascal Vögele, Gründer des AStA-Queerreferats. Das kürzlich aktualisierte Trans Murder Monitoring (eine Analyse der weltweit gemeldeten Tötungen von gender-diversen und trans*-Personen) belegt diese Aussage: Vom 1. Oktober 2019 bis zum 30. September 2020 wurden 350 trans*- und nicht-binäre Menschen umgebracht. Besonders gefährdet sind Schwarze und trans*-Frauen of Colour, Sexarbeiter*innen und Migrant*innen.

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Wochen gegen geschlechtsbasierte Gewalt, HAW Alexanderstraße, Foto: Lynn Mecheril
Wochen gegen geschlechtsbasierte Gewalt, HAW Alexanderstraße, Foto: Lynn Mecheril

Zusätzlich zu der Beschilderungsaktion in den Hörsälen haben die Stabsstelle Gleichstellung, die Gleichstellungsbeauftragten und das AStA-Queerreferat Flyer aufgehängt. „Die Blätter weisen auf die verschiedenen Beratungsstellen hin“, so Vögele. Opfer und Zeug*innen sexueller Gewalt und Belästigung sollen sehen: Sie sind nicht allein, es existieren Anlaufstellen.

Gemeinsam ein Zeichen setzen

E-Mail Signatur "Zeichen gegen geschlechtsbasierte Gewalt!"
Die Organisator*innen bitten alle, den Banner in die E-Mail Signatur einzufügen.

Die Organisator*innen rufen in einer Rundmail alle Hochschulmitglieder der HAW auf, sich an den Aktionstagen zu beteiligen, etwa indem sie den Flyer mit Unterstützungsstellen weiterleiten. Auch das Liken und Teilen von Beiträgen in sozialen Medien anlässlich der Wochen gegen geschlechtsbasierter Gewalt sorge dafür, dass die Problematik sichtbarer werde.

Vor etwa 17 Jahren initiierte die HAW-Stabsstelle Gleichstellung zum ersten Mal Veranstaltungen im Rahmen des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen am 25. November. „Wir haben nun das Thema ausgeweitet vor allem auf Gewalt gegen nichtbinäre und trans*-Personen, und haben deswegen auch den ‚Transgender Day of Remembrance‚ in die Aktionswochen mit hineingenommen“, so Mecheril. Der Transgender Day of Remembrance am 20. November ist den Opfern transphober Gewalt gewidmet.

„Wir wollen zusammen ein Zeichen setzen, um zu sagen: Es ist nicht okay, wenn sexualisierte Gewalt und Belästigung hier stattfinden. Nur gemeinsam können wir dieses System verändern, auch hier an der Hochschule“, so Collien.

Glossar zu Selbstbezeichnungen von der Stabstelle Gleichstellung der HAW Hamburg:

Organisator*innen der Aktion sind die Stabsstelle Gleichstellung, die Gleichstellungsbeauftragten und das Queerreferat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA).

Titelbild: Mali Paede

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Mali Paede, Jahrgang 1993, streitet oft mit ihrem Vater über Feminismus-Themen. Zum Beispiel bei der gendergerechten Sprache sind die beiden völlig unterschiedlicher Meinung. Ansonsten hat sie von ihm aber auch durchaus wertvolle Dinge gelernt – etwa das Licht nicht unnötig lange brennen zu lassen und den Kühlschrank schnell wieder zu schließen. Die gebürtige Hamburgerin studierte Nachhaltigkeitshumanwissenschaften und Kulturwissenschaften in Lüneburg. Zurück in ihrer Heimatstadt interviewt sie für die Hamburg Kreativ Gesellschaft gerade am liebsten bildende Künstler, Theaterbetreiber und neulich auch den Inhaber eines Indieverlags. Ausgleich findet sie beim Vinyasa Yoga. Das hilft ihr auch, ihre Tollpatschigkeit in den Griff zu kriegen: Mali fällt oft etwas aus der Hand. Ihre Teetasse fängt sie mittlerweile schon wieder auf. Kürzel: maj
Marie Filine Abel, geboren 1992 in Hamburg, diskutiert leidenschaftlich gern: Mit einem Verschwörungstheoretiker im Flugzeug über Aliens, mit Margarete Stokowski via Instagram über die feministischen Implikationen jungfräulicher Cocktails, oder beim Kartenspiel am Küchentisch. Zwischen den Zeilen zu lesen hat sie während ihres Studiums der Kulturwissenschaften in Lüneburg gelernt. Sie hospitierte am Hamburger Schauspielhaus in der Regie und interviewte für das Stadtmagazin „Szene Hamburg“ Künstler, Krippensammler und Klimaaktivisten. Da war klar: Marie will als Journalistin Anderen Raum für ihre Geschichten geben. Eine sein, die den Mund aufmacht und auf Missstände hinweist - ganz so, wie sie es in ihrer Kindheit aus Musikkassetten von Hannes Wader oder Fredrik Vahle gelernt hat. Kürzel: mfa

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