Frau sein und einen Migrationshintergrund haben: eine doppelte Benachteiligung. Hier unterstützt kulturchoc. Mit der Herstellung von „korrekten Konfekten“ und „Arbeitsplätzchen“ bietet das Unternehmen mehr als nur einen Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Wer in Deutschland weniger als 1,56 Euro am Tag zur Verfügung hat, gilt als arm. Klingt einfach, oder? Ist es aber nicht. Denn Armut ist mehr als nur ein Geldbetrag. Armut ist: fehlende Bildungschancen, ein Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe und Integration oder die Benachteiligung und Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Und: Armut betrifft vorrangig Frauen.

kulturchoc stärkt Chancengleichheit

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Hier setzt kulturchoc an. Das Hamburger Sozialunternehmen fördert Mütter mit Migrations- oder Fluchtgeschichte und bietet ihnen einen niederschwelligen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Mona Taghavi Fallahpour hat Kulturchoc 2018 gründete. Für junge Menschen gebe es, vor allem in Hamburg, schon viele tolle Hilfsprogramme und auch staatliche Unterstützungen. Aber die Unterstützung für Frauen und Mütter über 40 Jahre fehle, so die Gründerin.

Was Anfang 2018 als ehrenamtliches Projekt in einem Stadtteilzentrum begann, ist heute ein Sozialunternehmen mit eigenen Räumlichkeiten und Festangestellten. In dem kleinen Ladencafe in Ottensen, stellt die Gründerin, gemeinsam mit ihren zwei Festangestellten und weiteren Aushilfen, vegane Dattelkonfekte und Plätzchen her. Bei kulturchoc lernen die Frauen sowohl die Herstellung und den Vertrieb der Süßigkeiten, als auch den Umgang mit Kund*innen auf Märkten oder im Cafe. 

Für manche Frauen ist kulturchoc eine Zwischenstation, andere finden hier beruflich ihr Glück. „Wir machen die Frauen fit für den Arbeitsmarkt und unterstützen dabei andere Möglichkeiten zu finden.“, so Taghavi Fallahpour.

Ein großes Ziel des Unternehmens: Bildungschancen stärken. „Die Chancengleichheit steht im Fokus und da gehen wir einen ganz konkreten Weg.“, sagt Taghavi Fallahpour. „Wir wollen so früh wie möglich ansetzen, damit Mütter nicht in Altersarmut enden.“ Der Weg: Finanzielle Unabhängigkeit schaffen. Denn das bedeutet auch Unabhängigkeit im Gesamten. „Sobald du dein eigenes Geld verdienst, entscheidest du auch wofür das Geld ausgegeben wird.“

Frauen häufiger von Armut bedroht

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung haben Frauen in Deutschland seltener einen Bildungsabschluss als Männer. Sie verdienen weniger, nehmen häufiger Elternzeit und kehren danach seltener in einen Vollzeitjob zurück. Lösen sich die Lebensgemeinschaften von Eltern auf, sind es fast immer die Mütter, die alleinerziehend werden und damit einem großen Armutsrisiko ausgesetzt sind. Sind die Kinder aus dem Haus, wartet das nächste Armutsrisiko: die Altersarmut. Denn wer sein Leben lang weniger verdient, kann auch nur eine geringe Rente erwirtschaften.

Die Zahl der von Armut betroffenen Frauen aus Einwandererfamilien ist mehr als doppelt so hoch wie die Anzahl der Frauen, die keine Migrationsgeschichte haben, so die Bundeszentrale für politische Bildung. Frau sein, Mutter sein, eine Flucht- oder Migrationsgeschichte haben: eine mehrfache Benachteiligung.

Kakaosplitter erinnern an Heimat

kulturchoc bezieht die Zutaten für die „korrekte Konfekte“ aus den Heimatländern der Frauen. Die Mangos kommen aus Burkina Faso und die Kakaosplitter von einer Kooperative in Ecuador, dem Heimatland von Nuvia Jaen Cuero. Sie ist eine der zwei Festangestellten bei kulturchoc.

In Ecuador hat Nuvia Jaen Cuero in einer Apotheke gearbeitet, hier in Deutschland war sie Tagesmutter. Durch eine Nachbarin hat sie von Mona und ihrem Projekt erfahren. Als sie hörte, dass es bei kulturchoc tatsächlich auch um Schokolade gehe, war sie begeistert. Wenn sie an Kakao denke, denke sie an ihre Heimat, erzählt sie. Bei kulturchoc arbeite sie gerne. Besonders möge sie den Austausch. „Wir tauschen unsere Sprache, unsere Kultur, unser Essen. Wir tauschen Tanz und auch das gute Gefühl für unser Land.“

Ankommen in der Gesellschaft

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Neben der Produktion und dem Verkauf der Konfekte, bietet kulturchoc allen Angestellten zahlreiche Sprach-, Sport- oder Kulturangebote, die das Ankommen und die gesellschaftliche Teilhabe in Deutschland vereinfachen können.

Der Arbeitsalltag bei kulturchoc sei wie der eines normalen Unternehmens. „Aber hier wird noch viel unterstützt“, so Taghavi Fallahpour. „Es ist unser Ziel, in allem einfach die Basis zu schaffen.“ Dazu gehöre Lesen, Schreiben und Rechnen, genauso wie Schwimmen lernen oder Fahrradfahren. „Schwimmen zu lernen war mein Traum“, sagt Jaen Cuero mit einem breiten Lächeln. Sie gehe nun sogar schon in den Fortgeschrittenkurs. Mit kulturchoc besuchte Jaen Cuero auch das erste mal die Hamburger Staatsoper.

Für den Fahrradkurs arbeitet das Sozialunternehmen mit dem Frauenzentrum Flaks zusammen. Das Frauenzentrum bietet Beratung, Begegnung und Unterstützung in allen Lebensbereichen. Im Frauenzentrum hat auch Aynur Ozan von kulturchoc erfahren. Sie ist in der Türkei geboren und hat viele Jahre in einer Fischfabrik gearbeitet. Seit 2018 ist auch sie bei kulturchoc dabei und mittlerweile festangestellt.

Große Zukunftspläne

Für die Zukunft hat Mona Taghavi Fallahpour ein großes Ziel: Sie möchte, gemeinsam mit „ihren Frauen“, die Kooperativen und Kleinbäuerinnen in den Herkunftsländern besuchen und unterstützen. Die erste Reise, das stehe bereits fest, gehe nach Esmeraldas in Ecuador, dem Heimatland von Nuvia Jaen Cuero. Teil der Idee von kulturchoc sei nämlich nicht nur, Arbeitsplätze in Deutschland zu erschaffen, sondern auch andere Organisationen und Initiativen im Ausland zu unterstützen.

Titelbild: Paula-Lu Wiedeking