Auf Antrag zweier SPD-Politikerinnen wurden die Dächer von Bushaltestellen am Axel-Springer-Platz und in der Osterstraße mit Wildblumen bepflanzt. „Bee Stops“ ist ein Pilotprojekt im Dienst der Artenvielfalt.

Die SPD-Politikerin Julia Barth hatte 2019 zur gleichen Zeit wie ihre Parteikollegin Annika Urbanski einen Antrag für das einjährige Pilotprojekt „Bee Stops“ zur Prüfung eingereicht. Barth sagte FINK.HAMBURG sie wolle „urbane Stadtteile moderner denken.“ Nun konnten die beiden im Juni die ersten beiden Bushaltestellen mit begrünten Dächern einweihen.

Die Wildblumenwiesen auf den sogenannten „Bee Stops“ sollen in Hamburg für mehr Artenvielfalt und Biodiversität sorgen. Das Projekt ist insbesondere auf den Schutz von Wildbienen ausgerichtet.

Bee Stops: Fahrgastunterstand am Axel-Springer-Platz in Hamburg. Auf dem Dach ist eine Weildblumenwiese zu sehen.
Begrüntes Bushaltestellendach am Axel-Springer-Platz. Foto: Lilly Brosowsky.

Einjährige Testphase der „Bee Stops“

Neben der Honigbiene gibt es über 560 Arten von Wildbienen. Zu ihnen gehören knapp 40 Hummelarten.

Bei dem einjährigen Pilotprojekt „Bee Stops“ dienen die sonst ungenutzten Dachflächen von Fahrgastunterständen dazu, Wildbienen und anderen Insekten Nahrungsgrundlage und Lebensraum zu bieten. Wildbienen stehen seit 2011 auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten: „Etwa 48 Prozent der 557 in der Roten Liste bewerteten Bienenarten sind bestandsgefährdet oder schon ausgestorben“, heißt es in dem wissenschaftlichen Fachgutachten. Viele Wildbienenarten sind beispielsweise Bodennister und finden im Stadtraum wenig geeignete Stellen für ihre Brutzellen.

Die Deutsche Wildtier Stiftung wird das Hamburger Projekt „Bee Stops“ nun ein Jahr lang begleiten. Untersucht wird, wie die Wildblumenflächen den Schutz und die Vermehrung von Wildbienen im Stadtgebiet fördern können. Außerdem, so die SPD-Politikerin Barth, müsse das Testjahr zeigen, wie verträglich die Wildblumenwiesen für Anwohner:innen und Fahrgäste wären, ob es etwa zu allergischen Reaktionen kommen könne. Auch wie pflegeintensiv die kleinen Wildblumenwiesen sein werden, müsse die Stiftung prüfen.

Unkomplizierte Pflege der Wildblumenwiese

Was die Pflege der Wiesen angeht, ist Barth aber zuversichtlich: Die Bepflanzung sei so konzipiert worden, dass in den unteren Moosschichten Wasser gespeichert werden könne. So könnten sich die Pflanzen an heißen Tagen selbst mit Flüssigkeit versorgen. Zusätzlich wurden spezielle Pflanzen wie Sukkulenten ausgewählt, die das Hamburger Wetter aushalten und mehrjährig sind.

Bee Stops: Fahrgastunterstand am Axel-Springer-Platz in Hamburg. Auf dem Dach ist eine Weildblumenwiese zu sehen.
„Bee Stops“: Blühende Wildblumenwiese. Foto: Lilly Brosowsky.

Eine Sprecherin des Ministeriums für Energie und Landwirtschaft ist optimistisch: Zwar wären größere, ebenerdige Flächen für den Schutz der Wildbienen effizienter und die Umsetzung günstiger, freie Flächen sind im urbanen Raum aber selten. Dagegen gibt es viele kleine Flächen, die nutzbar sind.

Würde man etwa die Bushaltestellendächer in ganz Deutschland nutzen, könnte „ein substanzieller Beitrag zum Bienenschutz geleistet werden“, so die Sprecherin. In Hamburg gibt es über 2300 nutzbare Fahrgastunterstände. Um das Projekt weiterzuführen, müsste sich die Stadt Hamburg nach Ablauf der Pilotphase einigen Verhandlungen stellen. Die Verträge mit den Werbegesellschaften, welche die Bushaltestellen betreuen, müssten angepasst und die Bepflanzung verpflichtend gemacht werden.

„Bee Stops“ für Artenvielfalt

Die kleinen Grünflächen sind übrigens nicht nur gut für Insekten: Die Stadt Utrecht berichtet, dass die 316 Wildblumenwiesen auf den Dächern ihrer Bushaltestellen Partikel aus der Luft filterten und die Fahrgastunterstände im Sommer kühlen würden, weil sie Wasser speicherten.

Das Pilotprojekt „Bee Stops“. Foto: Lilly Brosowsky.

Warum Wildbienen schützen?

Viele Nutzpflanzen, zum Beispiel Obst- und Gemüsepflanzen sind von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten abhängig. Der Insektenatlas aus dem Jahr 2020 zeigt, in welchem Maße Insekten durch die Verwendung von Pestiziden sterben und ihr Lebensraum verschwindet. Der Atlas zeigt auch, dass sich das Insektensterben negativ auf die Landwirtschaft auswirkt.

Schon gewusst?

Viele Veganer:innen verzichten wegen der Massentierhaltung von Honigbienen auf Honig und zum Beispiel auch auf Produkte aus Bienenwachs.

Landwirt:innen setzen deshalb häufig Honigbienen zur Bestäubung ein. Sie leben nicht in freier Wildbahn, sondern werden von Imkereien zu diesem Zweck gehalten. Als eine der wenigen Bienenarten ist ihr Überleben damit gesichert. Honigbienen sind laut dem Umweltbundesamt in Deutschland das drittwichtigste Nutztier nach Rindern und Schweinen. Die Schattenseite: Tierschützer:innen kritisieren die Massenhaltung von Honigbienen, die resultierende Lebensform sei unnatürlich.

Im Unterschied zu den Honigbienen ist das Überleben der Wildbienen nicht vom Menschen gesichert, sondern durch die Ausbreitung urbaner und landwirtschaftlich genutzter Lebensräume bedroht. Dabei sind auch Wildbienen ein wichtiger Bestandteil der Landwirtschaft. So wies im Jahr 2020 eine Studie auf den Zusammenhang zwischen dem Wildbienensterben und dem Rückgang der Ernten in den USA hin. Wildbienen sind in den USA der Studie zufolge für Ernteerträge im Wert von 1,5 Milliarden Dollar verantwortlich. Zum Vergleich: Der Ertrag durch Honigbienen belief sich auf insgesamt 6,4 Milliarden Dollar, wovon 4,2 Milliarden auf die Mandelproduktion entfallen.

Bee Stops: Fahrgastunterstand am Axel-Springer-Platz in Hamburg. Auf dem Dach ist eine Weildblumenwiese zu sehen.
Ein grüneres Hamburg. Foto: Lilly Brosowsky.

Für ein umweltfreundliches Hamburg

In Hamburg gibt es zwar wenig landwirtschaftlich genutzte Fläche, doch Wildbienen und andere Insekten sorgen auch hier für die Bestäubung von verschiedensten Pflanzen: Statt Nutzpflanzen sind es Blumen, Sträucher und Bäume. Einen Schritt in Richtung umweltfreundliche Großstadt hat Hamburg wegen der jungen Politikerinnen Barth und Urbanski nun schon gemacht: Am Axel-Springer-Platz und in der Osterstraße blühen seit ein paar Wochen die Wildblumen. Sollte das Projekt erfolgreich sein, könnten bald weitere Blumenwiesen auf Bushaltestellen entstehen.

Vorheriger ArtikelIm Rollstuhl durch Hamburg
Nächster ArtikelFridays for Future plant ersten Klimastreik nach Coronapause
Lilly Brosowsky, 1994 ist im Schatten der Zugspitze aufgewachsen: in Garmisch-Partenkirchen. Der Höhenlage ist sie lange treu geblieben, hat mal auf 3.640 Meter Höhe in La Paz als Barkeeperin gearbeitet, mal Waliser Schwarznasenschafen auf einer Hochhausalm in München die Klauen geschnitten. Nach sieben Jahren in München musste sie im flachen Hamburg erst einmal lernen, dass sie in einer Bäckerei fragend angeschaut wird, wenn sie Fleischpflanzerlsemmeln bestellt. Dabei ist sie kulinarisch durchaus aufgeschlossen: Als Volontärin kostete sie für „Mit Vergnügen“ bereits kandierte Heuschrecken. Für das Stadtmagazin schrieb sie unter anderem über die Münchner Szene. Als sie den Hype eines Clubs kritisch kommentierte, wurde sie von der „Süddeutschen Zeitung“ auf Instagram zitiert. Vor ihrem Volontariat hat Lilly einen Bachelor in Literaturwissenschaften und einen in Philosophie gemacht. Sie wünscht sich für die Zukunft Feminist:innen wie Sophie Passmann wegen ihrer progressiven Ansichten zu interviewen. (Kürzel: bros)