Über Geld spricht man nicht. Oder doch? Wenn es darum geht, was unser Geld auf der Bank macht und wie wir damit das Klima schützen können, sollten wir das auf jeden Fall tun. Ein Gespräch mit Michael Schweikart, Mitgründer der Tomorrow GmbH.

Illustration: Maria Hüttl

Kein Fleisch essen, den Plastikstrohhalm durch einen aus Bambus ersetzen, den Stromanbieter wechseln und nur noch Second-Hand-Mode kaufen: Für nahezu jeden Lebensbereich werden Alternativen angeboten. Nachhaltigkeit wird zum Geschäft. Der Markt boomt. Mittlerweile gibt es auch nachhaltige Banken. Was soll das denn bitte heißen?

FINK.HAMBURG-Redakteurin Michelle Albert hat mit Michael Schweikart, Mitgründer der Hamburger Tomorrow GmbH über Geld, Klimaschutz, den digitalen Euro und eine bessere Zukunft gesprochen.

FINK.HAMBURG: Wer bist du und was ist deine Mission?

Michael: Ich bin einer der drei Gründer der Tomorrow GmbH und zuständig für das Thema Finanzen und Operations. Ich habe mal Wirtschaftsingenieurwesen studiert, dann war ich als Berater unterwegs und habe mittelständischen Unternehmen bei der Finanzierung geholfen. Damals habe ich auch schon viel mit Banken zusammengearbeitet, allerdings noch nie in einer Bank. Ich wollte schon immer ein eigenes Unternehmen gründen und bin nach Berlin gezogen.

Zunächst war Finanzchef bei einem schnell wachsenden Internet-Startup. Dann kam die Flüchtlingskrise und ich bin dort ausgestiegen, weil ich meine Zeit anderweitig einsetzen wollte und dort unterstützen wollte. Mit Freunden habe ich jobs4refugees gegründet, eine Jobbörse für Geflüchtete. Und weil ich gesehen habe, dass Geld die Welt bewegt aber leider in die falsche Richtung, habe ich zusammen mit Inas und Jakob Tomorrow gegründet.

Was meinst du damit, dass Geld die Welt in die falsche Richtung bewegt?

Michael: Geld ist der Blutkreislauf des Wirtschaftssystems und dementsprechend ein wichtiger Faktor in Bezug auf die Frage, wie unsere Wirtschaft aussieht. Welche Unternehmen werden gefördert und welche florieren? Dementsprechend ist Geld ein ganz wichtiger Steuerungsfaktor.

Ein Beispiel: Seit dem Pariser Abkommen haben die führenden Banken 2,7 Billionen Dollar in fossile Brennstoffe gesteckt, also in Unternehmen investiert, die unseren Planeten zerstören. Das geschieht mit dem Geld, dass die Menschen bei diesen Banken liegen haben und sich dabei nichts Böses denken. Sie wissen oft gar nicht, was Banken mit ihrem Geld tun.

Green Banking: Wie geht das?

Wenn ich an Nachhaltigkeit denke, dann an vegetarische Ernährung, weniger Müll, vielleicht noch sustainable Fashion. Warum wird das Thema Geld nicht mitbedacht?

Michael: Das ist einfach sehr abstrakt – ein kompliziertes System, das viele Menschen nicht kennen und auch keine Lust haben, sich damit zu beschäftigen. Es hilft ein einfachen Bild: Unser Geld liegt auf der Bank und die Bank arbeitet mit dem Geld. Das bedeutet, die Bank hat Kundengelder und Einlagen – in Summe ganz schön viel. Dieses Geld investieren die Banken: vergeben Kredite und bringen es dadurch in den Wirtschaftskreislauf. Der große Unterschied ist, ob die Banken mit dem Geld Kohleunternehmen finanzieren oder erneuerbare Energien.

Ihr schreibt euch Klimaschutz auf die Fahne. Wie geht das genau? Man eröffnet ein Konto und schon surft man auf der grünen Welle?

Michael: Wir machen das durch zwei Aspekte. Wir stellen sicher, dass das Geld unserer Kund:innen keinen Schaden anrichtet. Die Gelder, die bei uns auf den Girokonten liegen, werden entweder bei der Bundesbank gehalten oder fließen nur in nachhaltige Projekte. Aktuell haben wir knapp 30 Millonen investiert, hauptsächlich in Green Bonds, Social Bonds und Mikrokredite.

Green Bonds sind Anleihen, die zur Verringerung beziehungsweise Verhinderung von Umwelt- und Klimaschäden beitragen. Bei Social Bonds fließt das Kapital in soziale und gemeinnützige Projekte.

Wie wählt ihr die Projekte aus, in die Tomorrow die Einlagen der Kund:innen investiert? Und wie stellt ihr sicher, dass das Geld dort landet, wo es soll?

Michael: Wir zeigen in Echtzeit, wo die Einlagen unserer Kund:innen liegen, wie viel wir haben wo die grade investiert sind. Das kann man in der App und auf der Website verfolgen. Man sieht dort, welche Finanzinstrumente wir am Kapitalmarkt gekauft haben.

Nach welchen Kriterien wählt ihr neue Partner aus?

Michael: Über einen Selektionsprozess: Zunächst schließen wir negative Industrien aus, wie Waffen, Kohle und Rüstung. Weitere Kriterien, die uns wichtig sind, sind Transparenz im Unternehmen, Diversität, keine Verstöße gegen Umweltschutz, Tierschutz und Arbeitsrecht. Insgesamt beinhaltet die Liste 43 Negativkriterien, die nicht zutreffen dürfen. Und im dritten Schritt überprüfen wir, ob das Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell einen positiven Impact auf eines der Sustainable Developement Goals der Vereinten Nationen hat. Trägt das Unternehmen etwa dazu bei, dass der Klimawandel bekämpft wird, dass soziale Ungerechtigkeit reduziert wird, dass etwas zum Gesundheitssystem beigetragen wird?

Das Impact Council von Tomorrow besteht aus Madeleine Alizadeh, Markus Beckmann, Susanna Krüger, Kristina Lunz und Andreas Neukirch. Nur nach deren Zustimmung werden neue Projekte in das Investmentportfolio aufgenommen.

Außerdem haben wir ein unabhängiges Impact Council, welches überprüft, dass der komplette Prozess auch wirklich eingehalten wurde.

Ihr seid ein Social Business. Was bedeutet das?

Michael: Wir sind ein zertifiziertes B Corp Unternehmen. Die Maximierung des Profits ist also nicht unser einziges Ziel. Wir müssen für alle Stakeholder arbeiten. Das heißt, dass man auch Umwelt, Mitarbeiter:innen und Kund:innen berücksichtigt. Außerdem muss man festschreiben, dass man als Unternehmen einen erheblichen positiven Impact auf Umwelt und Gesellschaft erzielt.

B Corp steht für Certified Benefit Corporations. Das Zertifikat wird von der gemeinnützigen Organisation B Lab“vergeben. Zertifiziert werden Unternehmen, die die höchsten Standards in Bezug auf geprüfte soziale und ökologische Leistung, öffentliche Transparenz und rechtliche Rechenschaftspflicht erfüllen, um Gewinn und Unternehmensziele in Einklang zu bringen.

Unsere Zukunft auf diesem Planeten hängt entscheidend davon ab, wie wir Menschen künftig wirtschaften. Ist kein Konsum der beste Konsum?

Michael: Von der Theorie her ist das erstmal richtig. Praktisch ist das aber so, dass die Menschen konsumieren oder bis zu einem gewissen Grad konsumieren müssen. Deswegen geht es uns erst einmal darum, ein Bewusstsein für den eigenen Fußabdruck zu schaffen. Man kann beispielsweise sehen, wie viel CO2 eine Transaktion verbraucht hat.

Dann geht es darum, bessere Technologien zu entwickeln, Einfluss auf die Politik zu nehmen und insgesamt unsere Wirtschaft umzustellen. Wir müssen uns weiterhin fortbewegen und wir wollen auch weiterhin Kleidung kaufen und dafür braucht es eben umweltbewusstere, fairere Lösungen und Technologien. Das erreichen wir, indem wir die Unternehmen fördern und finanzieren, die solche Lösungen generieren. Ein Beispiel: Im Bereich Mobilität sollte man also eher Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Sharing Dienste finanzieren.

Digitaler Euro und Kryptowährungen: Ist das nachhaltig?

2025 soll der digitale Euro als Bargeldalternative eingeführt werden. Was ist das?

Michael: Ein digitaler Euro ist eine programmierte Währung. Man kann ihn also nicht mehr physisch in der Hand halten. Wie genau das ausgestaltet wird, ist aktuell noch etwas unklar. Momentan ist es so, dass die Geldwährung dadurch beeinflusst werden kann, wie viel Geld gedruckt wird. Die Notenbanken entscheiden darüber wie viel Geld sie in Umlauf bringen und beeinflussen damit auch den Wert der Währung. Wenn man eine digitale Währung schafft, könnte man diese so gestalten, dass sie per Knopfdruck verändert werden kann.

Ist das wie bei Bitcoin?

Michael: Wenn man sich an ein Modell wie Bitcoin hält, dann ist der Wert einmal definiert und auch die Menge ist vordefiniert, man kann im Nachhinein nichts mehr verändern. Das ist eine maximal dezentrale Lösung. Wenn man aber den digitalen Euro genauso konzipiert wie den aktuellen, also weiterhin in den Händen der Zentralbank, dann ändert sich für den Verbraucher jetzt erstmal nicht direkt etwas. Eigentlich haben wir so etwas wie den digitalen Euro bereits: Wenn wir beispielsweise kontaktlos über Apple oder Google Pay bezahlen, werden auch nur Nullen und Einsen ausgetauscht.

Digitaler Euro bedeutet allerdings, dass er programmierbar sein kann. Aktuell haben wir eine festgelegte Definition von einem Euro und einer bestimmten Geldmenge. Sobald er aber programmiert ist, könnte man von einem Tag auf den anderen entscheiden, dass er ab morgen nur noch halb so viel wert ist – oder, dass er seinen Wert langsam verliert, sobald man ihn nicht ausgibt.

Das klingt gefährlich …

Michael: Richtig. Einer der Hintergedanken ist: Wenn Notenbanken die Wirtschaft beeinflussen wollen, dann produzieren sie mehr Geld und senken die Zinsen in der Hoffnung, dass die Menschen dann mehr Geld ausgeben. Indem die Menschen mehr Geld ausgeben, bekommt man eine gewisse Inflation. Man hat immer noch das Problem, dass Menschen ihr Geld unterm Kopfkissen parken. In gewissen Situationen will man das aber nicht. Dann könnte der Staat den digitalen Euro so programmieren, dass er jeden Tag etwas weniger wert ist, was quasi wie Inflation ist, um die Leute dazu zu bringen, ihr Geld auszugeben.

Kryptowährungen standen zuletzt in der Kritik, nicht nachhaltig zu sein. Wie steht ihr dazu?

Michael: Man muss hier aufpassen, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht. Es gibt zum einen das etablierte Bankensystem inklusive dem Visa- und Mastercard-Zahlungssystem. Das verbraucht in Summe ganz schön viel Strom. Auch Bitcoin verbraucht ganz schön viel Strom. Und das ist definitiv nicht gut. Gerade weil das so ist, wird Bitcoin häufig an Stellen gemined, wo es überschüssigen Strom gibt. Und den gibt es vor allem dort, wo Strom durch erneuerbare Energien gewonnen wird, der aktuell noch nicht gespeichert werden kann. In Regionen, wo tagsüber sehr viel Sonne scheint, kann der überschüssige Strom dann zum Mining verwendet werden.

Unter Mining versteht man das Erzeugen von neuen Währungsblöcken. Das Wort leitet sich vom englischen Wort für Bergbau ab. Die Miner müssen dafür kryptographische Rätsel lösen, wofür sie eine Belohnung erhalten. Diese richtet sich nach der aufgewendeten Rechenleistung.

Insgesamt würde ich trotzdem sagen, Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum sind schädlich, weil sie einen hohen CO2-Fußabdruck haben und deswegen müssen wir neue Lösungen finden. Die gibt es auch schon auf dem Papier und die sind auch schon in der Umsetzung. Nämlich im Wechsel von proof-of-work zu proof-of-stake. Aktuell ist es so, dass bei Bitcoin Transaktionen und vielen anderen großen Kryptowährungen enorm viel Rechenleistung nötig ist. Das passiert beim proof-of-work: Miner müssen Rechenleistung zur Verfügung stellen, um Transaktionen zu verifizieren. In Zukunft sollen bei proof-of-stake nicht mehr die Rechenleistung zur Verifizierung genutzt werden, sondern es sollen vorhandene Bitcoin- oder Ethereum-Währungsblöcke als Pfand hinterlegt werden. Damit wäre dann keine Rechenleistung mehr notwendig um die Transaktionen zu verifizieren. Damit senkt man den Energiebedarf erheblich und ich bin aktuell optimistisch, dass das gelingen wird – auch wenn es sehr komplex ist.

Glaubst du, dass in Zukunft beide Systeme koexistieren können?

Michael: Vor zwei Jahren hatte ich noch das Gefühl, dass die Staaten vielleicht etwas dagegen unternehmen werden, um diese Koexistenz zu verhindern. Die Kryptowährungen sind den Staaten in vielerlei Hinsicht ein Dorn im Auge. Inzwischen haben wir aber eine weltweite Anerkennung von Kryptowährungen, dass sich die Staaten wahrscheinlich schwer tun würden das abzuschaffen. Deswegen glaube ich, dass es bleiben wird.

Bitcoin ist aktuell ein Wertspeicher, ähnlich wie Gold und nicht geeignet als Zahlungsmittel. Ich glaube es wird aber noch besser geeignete Zahlungsmittel geben. Ethereum hat vor allem zur Funktion, dass es dezentrales Vertragswerk ermöglicht, d.h. man kann Verträge dort dezentral abspeichern und darüber dann Wirtschaftstransaktionen abwickeln. All die verschiedenen Kryptowährungen haben verschiedenen Funktionen, die auch ihre Berechtigung haben und die wir deswegen auch in Zukunft weiter sehen werden.

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Mit dem Abwasch von Tellern starten spannende Karrieren, so auch die von Michelle Albert, geboren 1996. In der „Krone“ zwischen Würzburg und ihrer Geburtsstadt Schweinfurt spülte sie vor dem Abitur regelmäßig Geschirr. Danach machte sie einen Bachelor in Medienkommunikation, Schwerpunkt Medienpsychologie, an der Uni Würzburg, mit einem Gastaufenthalt in Kolumbien. Erste redaktionelle Erfahrungen sammelte Michelle als Werbetexterin. Vor allem aber ist sie viel unterwegs: Sie schlief in einer Hängematte in Ruanda, sprang von der höchsten Bungeebrücke der Welt in Südafrika und beobachtete in Guatemala einen Vulkanausbruch. Auch ehrenamtlich fliegt sie viel, aber mit Kühlkoffer statt Backpack: Als Kurierin liefert sie weltweit Stammzellen für Krebspatienten aus. (Kürzel: mal)

4 KOMMENTARE

  1. Tomorrow ist keine Bank, daher sollte der Begriff „Tomorrow Bank“ ach nicht verwendet werden. Das ist irreführend und steht auch so auf der Webseite. Die Tomorrow GmbH (Softwarefirma) nutzt dazu die Lizenz der solarisbank. Das sollte man fairerweise dazuschreiben. Ich bin auch mal drauf reingefallen. Gruß Thomasz

    • Hallo Thomasz,

      vielen Dank für den Hinweis. Deine Anmerkung ist korrekt und wir haben die Stelle entsprechend angepasst.

      Viele Grüße aus der Redaktion, Michelle.

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