Europa, Afrika und Orient: Suzanne Darouiche verknüpft ihre Welten mit Fair Fashion. Der rote Faden in ihrem Leben ist ihre Begeisterung für Modedesign und soziales Engagement in Hamburg und Benin.

Suzanne Darouiche sitzt auf einem kleinen schwarzen Drehstuhl im Atelier von Vagabunt, einem Social-Fashion-Label in Dulsberg. Auf ihrem Schoß liegt eine dünne, weiß-blau-geblümte Bluse, in den Händen hält sie Nadel und Faden. Sie trägt knalligen, rosaroten Lippenstift, einen dunkelblauen Pullover und eine weite, graue Jeanshose, die sie sich selbst genäht hat. Während des Nähens unterhält sie sich ausgelassen mit ihrem Kollegen und zwei Jugendlichen.

So wie die Bluse, besteht auch Suzannes Leben aus unterschiedlichen Teilen, die zusammen ein wunderschönes Ganzes geben. Syrien, Kamerun, Deutschland oder Frankreich: Wenn Suzanne gefragt wird, woher sie komme, dann gibt sie verschiedene Antworten. Die hängen davon ab, wer ihr gegenübersteht. Wenn jemand aus Afrika nach ihrer Herkunft fragt, kommt sie aus Syrien oder Deutschland. Und wenn eine ältere deutsche Dame sie fragt, antwortet Suzanne, sie sei aus Frankreich. „Ich habe früh gelernt, wer für wen die „guten“ Ausländer sind und wer nicht“, sagt sie nüchtern. Suzanne ist eine große Frau, sie strahlt Wärme und Selbstsicherheit aus.

Suzanne ist beim Nähen immer für einen Plausch zu haben.

Heißer Asphalt und köstliche Weintrauben

Geboren wurde Suzanne 1984 in Syrien, im Heimaltland ihres Vaters. Ihre Mutter stammt aus Kamerun und ist halb Kurdin, halb Kamerunerin. Als sechstes von insgesamt sieben Kindern hat Suzanne die ersten Jahre in Syrien verbracht. Während dieser Zeit machte sie ab und zu mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern Sommerferien in Süddeutschland bei Verwandten, erzählt sie, dabei näht sie einen weißen Knopf an die geblümte Bluse. Ihre Mutter arbeitete während der Ferien in München als Schneiderin, um zusätzlich Geld zu verdienen. „Meine Mutter hat als Schneiderin in Deutschland mehr verdient als mein Vater als Arzt in Syrien“, sagt Suzanne. Dabei hebt sie ihre Augenbrauen und fährt sich mit den Fingern durch das kurze schwarze Haar.

1990 ist Suzannes Mutter dann mit allen sieben Kindern nach München ausgewandert und arbeitete als Schneiderin bei den Münchner Kammerspielen und in einem Wohnaccessoire-Laden. Sie zogen in die Nähe von Oma, Tante und Onkel, die bereits seit den 1970er Jahren dort leben. „Wir sind mit dem Flugzeug nach Deutschland gekommen – einfach so“, betont Suzanne. Sie wird oft gefragt, ob sie geflohen seien. Ihr Vater blieb in Syrien. 1995 war Suzanne zuletzt dort. Sie erinnert sich nur noch an die Hitze des Sommers, wie sie sich ihre Füße auf dem Asphalt verbrannte, an Hühner, die geschlachtet wurden, an schöne Terrassen und an köstliche Weintrauben. Ansonsten habe sie kaum Erinnerungen und kein Heimweh nach Syrien. Bei ihrem letzten Besuch wurde sie als „Ausländerin“ beschimpft.

Pflege, Politik oder Sport: Viele Hamburger:innen zeigen gesellschaftlichen Einsatz – und das auf ganz unterschiedliche Weise. FINK.HAMBURG erzählt die Geschichten von 25 Menschen – etwa einem Rikschafahrer, der Senior:innen kutschiert oder einem Pfarrer, der Predigten im Internet versteigert. Das ist alles andere als langweilig, Ehrensache.

Etwas Sinnvolles, statt Bussi, Bussi

2016 zog Suzanne mit ihrem Mann und ihrer Tochter von München nach Hamburg. Die Stadt inspiriert sie sehr. Sie arbeitet gerne bei Vagabunt, einem sozialen Projekt des Vereins Basis & Woge e.V. Dort hat Suzanne seit 2017 als Modedesignerin die kreative Leitung inne und bringt benachteiligten Jugendlichen das Nähen und Designen von Kleidung bei.

Die Jugendlichen halten sich die meiste Zeit auf den Straßen Hamburgs auf, weil sie beispielsweise geflüchtet sind und kein wirkliches Zuhause oder keine richtige Familie mehr haben. Zwei Mal in der Woche können sie im Atelier von Vagabunt in einer sicheren Umgebung arbeiten und etwas Geld verdienen. „Die Jugendlichen haben unterschiedlichste Schicksale, wir haben nicht nur Flüchtlingskinder, die zu uns kommen“, sagt Suzanne. „Auch Kinder mit anderen Gewalterfahrungen finden den Weg zu uns. Denn es muss sehr viel passieren, bis Kinder den Eltern vom Jugendamt weggenommen werden“, deutet sie an.

Suzanne scherzt mit den Jugendlichen, neckt sie auch mal und zeigt ihnen dennoch ihre Grenzen auf. Zum Beispiel, wenn sie während der Arbeitszeit andauernd auf das Handy schauen. Sie will aber auf keinen Fall gesiezt werden, denn hier herrscht eine Duz-Kultur.

Ihre Arbeit bei Vagabunt erfüllt sie. „Ich wusste nicht, dass ich das machen will, bevor ich diesen Job gefunden habe.“ Was Suzanne schon lange wusste: Sie möchte etwas mit Mode machen. Aber das „Environment“ gefiel ihr nicht. Von ihren Kommiliton:innen aus dem Modedesignstudium in München weiß sie, dass Mode bei großen Labels vor allem kommerziell sei. Man könne kaum kreativ sein, das meiste fände vor dem Computer statt. Neben der Produktion stört Suzanne auch die Attitüde in der Modewelt. „Cool sein und Bussi, Bussi. Ich kann da mitspielen, so tun, als ob – aber es ist nicht echt.“ Sie mache gerne Mode, aber kann die Augen nicht verschließen vor dem, was sonst noch so auf der Welt passiere. Bei Vagabunt habe sie eine gute Kombination aus Mode, Jugendarbeit, Pädagogik und sozialem Engagement gefunden. Deshalb engagiert sie sich dort auch über die Teilzeitstelle hinaus.

„Das Modestudium ist gefühlt wie ein Assessment-Center. Wenn du weinend rausläufst, hast du bereits verloren.“

Diese Mischung aus Mode und Pädagogik bereichert Suzanne. Das hätte sie sich im Nachhinein auch in ihrem Studium gewünscht. An der Deutschen Meisterschule für Mode in München wurde viel Druck ausgeübt, um die Studierenden auf das Leben in der Modewelt vorzubereiten. Und es herrschte ein extremer Konkurrenzkampf. „Das war schon alles ein bisschen Bootcamp“, sagt Suzanne. „Tatsächlich ein bisschen wie bei Germany’s Next Topmodel. Man hatte Feinde und Freunde, mit denen man abwechselnd befreundet und befeindet war.“ Jetzt kann sie darüber lachen. Und ist mit einigen ihrer Kommiliton:innen richtig dicke.

Welten verbinden mit Fair Fashion

Fair Fashion ist Mode, die bei der Fertigung auf Sozialverträglichkeit achtet. Im Fokus steht eine wertschätzende Haltung gegenüber den Menschen, die die Mode herstellen, aber auch gegenüber der Kleidung, die hergestellt wird. Social Fashion fokussiert hingegen die menschliche und gesellschaftliche Komponente der Modeproduktion: die Herstellung unter korrekten sozialen Bedingungen also.

Neben ihrem Job widmet sich Suzanne zudem noch einem familiären Fashion-Projekt: Noh Nee Benin. Wenn sie von dem kleinen Familienunternehmen erzählt, leuchten ihre Augen und sie lächelt zufrieden. Ins Leben gerufen haben das Label ihre Mutter und ihre Tante. Die beiden gründeten vor einigen Jahren in München gemeinsam das hochwertige Mode-Label Noh Nee. Dafür kreieren sie unter anderem Dirndl und Hawaii-Hemden in afrikanischem Stil. So verbinden die beiden Schwestern ihre ursprüngliche mit ihrer neuen Kultur.

Noh Nee Benin ist das junge Unterlabel, das Suzannes Mutter und Tante nun mit ihren beiden Töchtern und einer gemeinsamen Freundin aufbauen. Mit dem Label unterstützen die Frauen die Händler:innen in Benin und Ghana. Sie kaufen ihnen die Stoffe zu höheren Preisen ab – ohne zu handeln. Aus den Stoffen nähen Beniner:innen Kleidung für das junge Unterlabel. Die Näher:innen sind alle bei The Project Justine – Train the trainer e.V. angestellt. Einem Projekt, das Suzannes Mutter und Tante gemeinsam mit ihrer ersten Auszubildenden aus Benin – Justine – ins Leben gerufen haben. Suzannes Familie gibt darüber ihr Mode- und Schneiderinnen-Wissen an junge Beniner:innen weiter und ermöglicht ihnen eine umfassende Berufsausbildung.

FINK.HAMBURG-Redakteur:innen berichteten bereits zu weiteren Projekten rund um die Themen Fair Fashion, Fast Fashion und Karma-Shopping.

Suzanne ist als Designerin für die Kinderlinie von Noh Nee Benin verantwortlich. Sie war bereits ein paar Mal in Westafrika, um gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Tante Stoffe für das Familienunternehmen auszusuchen. Jedes Mal wird Suzanne wie eine Weiße Frau behandelt, erzählt sie. Das war schon immer so: Als sie mit 16 das erste Mal in Kamerun war, in der Heimat ihrer Mutter, wurde ihr „mademoiselle blanche“ hinterhergerufen, „weißes Fräulein“ also.

Mode, Engagement und Nachhaltigkeit

Bei beiden Fair-Fashion-Projekten – Vagabunt und Noh Nee Benin – gehe es Suzanne darum, tolle Mode zu machen. Und dies mit sozialer Arbeit und Nachhaltigkeit zu verbinden. Sich zu verwirklichen. All die Facetten ihres Lebens zusammen zu bringen: Stoffe, Nadel und Faden. Mode, Fair Fashion und Nachhaltigkeit. Europa, Afrika und Orient. Auf die Frage, welcher Nation sie sich eigentlich angehörig fühle, antwortet Suzanne nach kurzem Überlegen: „Ich bin ein Erdling, ein World Citizen.“ Nach einer weiteren kurzen Pause fügt sie hinzu: „Ich bin was ganz Neues – und das ist eigentlich gut so.“ Sie hält die dünne, weiß-blau-geblümte Bluse vor sich hoch und lächelt zufrieden. Die Bluse ist fertig.

Fotos: Marieke Weller

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Marieke Weller ist zwar 1990 geboren, aber trotzdem kein Digital Native, sagt sie. Weil sie ohne Privatfernsehen aufgewachsen ist, glaubte sie noch als Studentin, die Heimatstadt der Simpsons sei Futurama. Eigentlich wollte sie „Was mit Bio“ machen, nach einem Gap Year an einer norwegischen Folkehøgskole mit dem Schwerpunkt Kunst wurde es dann aber doch „Was mit Medien“. Mit dem Bachelor in Werbung und Marktkommunikation an der Stuttgarter HdM im Gepäck zog die gebürtige Göttingerin schließlich nach Hamburg. Dort lernte sie erst den Alltag einer PR-Agentur kennen und war dann für die Kommunikation eines Harburger Krankenhauses verantwortlich – mitten in der Pandemie. Als Corona losging, war Marieke aber gerade an einem Ort, an dem man kaum andere Menschen trifft: beim Wandern im Himalaya. Kürzel: maw

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