Eine Frau zeigt ihren Arm mit einem Pflaster, das sie nach der Impfung bekommen hat.
Christina Ritzel (36) hätte sich auch schon früher impfen lassen, doch sie war schwanger. Foto: Benedikt Scherm

Seit Juni können sich alle Erwachsenen in Deutschland impfen lassen – doch längst nicht alle tun das. Wer lässt sich eigentlich jetzt noch impfen? Ein Besuch in der St. Gabriel Gemeinde.

Es ist Herbst geworden rund um die St. Gabriel-Kirche in Hamburg-Barmbek. Goldbraune Ahornblätter bedecken den Gehweg, die warme Herbstsonne wirft ein glänzendes Licht auf den roten Backstein der Kirchenfassade. Das goldene Eingangsschild ist mit einem handgeschriebenen DIN-A4-Blatt überklebt: Eingang zur Impfaktion um die Ecke. Heute wird in der St. Gabriel Kirche nicht gebetet, sondern gespritzt – und zwar Biontech, Moderna und Johnson & Johnson. Jede:r kann ohne Termin vorbeikommen.

Das Konzept ist durchdacht: Im Gemeindesaal wird aufgeklärt und geimpft, in der direkt angrenzenden Kirche nach der Spritze zu Taizé-Musik gewartet. Die zwei Räume wirken wie zwei Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Links die Wissenschaft, rechts der Glaube. Hier Fortschritt, da Tradition.

Ein Schild aus Papier "Eingang zur Impfaktion" ist über die Plakatte der Kirchengemeinde St. Gabriel geklebt.
In der Kirchengemeinde St. Gabriel haben sie verstanden, was Politiker:innen meinen, wenn sie von „niedrigschwelligen Angeboten“ reden. Foto: Benedikt Scherm

Doch wer ist heute in der St. Gabriel Gemeinde? Jetzt, Anfang November. Die Quote der vollständig Geimpften stagniert auf einem Niveau knapp unter 70 Prozent. Und das, obwohl es seit Monaten Möglichkeiten gibt, ohne großen Aufwand eine Impfung zu bekommen.

Sind hier nur ältere Menschen, die eine Booster-Impfung bekommen? Impf-Zögerlinge, die sich nun doch umentschieden haben? Oder gar Gläubige, die sich den Pieks nur an einem heiligen Ort geben lassen wollen? Es gibt sie an diesem Tag alle – mit unterschiedlichsten Motiven.

Impfpflicht durch die Hintertür?

Vor dem Eingang sitzt Marius Jäger; mit konzentrierter Mine und Stift in der Hand begutachtet er die seitenlangen Impfformulare auf seinem Schoß. Marius trägt schwarze Stiefel, Kordhose mit Schlag und Zylinderhut: Der 23-Jährige ist Zimmermann auf Wanderschaft. Hart sei das letzte Jahr gewesen, weil nur wenige Menschen ihn in der Pandemie beherbergen wollten. Heute bekommt er seine erste Impfung, doch warum so spät?

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Die Ruhe vor dem Pieks. Zimmermann Marius Jäger wartet auf seine Impfung, damit er seine Reise fortsetzen kann. Foto: Benedikt Scherm

Die Zulassung sei ihm zu schnell gegangen, erzählt er. Und sein Gesundheitszustand habe ihn zuversichtlich gestimmt. „Ich dachte: Ich bin jung und gesund – mir passiert eh nichts, wenn ich mich anstecke“. Die Debatte um die Impfpflicht werde unnötig moralisch aufgeblasen, meint der Wandergeselle. „Geimpfte können das Virus ja auch weitergeben. Deswegen verstehe ich nicht ganz, wieso ich unsolidarisch bin.“ Dass Marius sich nun doch impfen lässt, hat einen pragmatischen Grund: Er will seine Walz fortsetzen. Seit zwei Jahren ist er schon unterwegs, angefangen hat er in der Oberpfalz in Bayern, im Winter soll es nun Richtung Spanien gehen. „20 Euro für einen Test kann ich mir nicht jedes Mal leisten, wenn ich über die Grenze will. Da ist schon ein Druck da, wenn man verreisen möchte“, sagt er.

Druck. Das hört man heute in der St. Gabriel Gemeinde oft von denjenigen, die sich zum ersten oder zweiten Mal impfen lassen. Ist das diese „Impflicht durch die Hintertür“ – einfach, weil Menschen wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchten?

Dänemark als Vorbild?

Karsten (Name geändert) sieht das so. Der etwa 40-Jährige trägt Hoodie, Cap und verwaschene Jeans. Er hat soeben seine Erstimpfung Johnson & Johnson bekommen und wartet nun auf der Kirchenbank. „Freiwillig lass ich mich ganz sicher nicht impfen. Aber ohne die Impfung könnte ich ja nicht mal mehr mit meiner dreijährigen Tochter auf den Hamburger Dom, 2G ist überall“, klagt Karsten. Dänemark mache es viel besser. „Ich war bei meinen Freunden in Kopenhagen, da ist alles wie vorher. Die schütteln den Kopf, wenn sie sehen, was in Deutschland abgeht“, sagt er.

In der Tat war in Dänemark lange alles wie vorher: Der „Freedom Day“ am 10. September markierte das Ende der Corona-Beschränkungen. Die Regierung begründete das mit der  hohen Impfquote im Land: 76 Prozent der Erwachsenen sind vollständig geimpft, knapp zehn Prozent mehr als hierzulande. Doch aktuell melden in Dänemark einige Landkreise wieder Inzidenzzahlen von über 600. Die Folge: Die Regierung plant die Wiedereinführung der 3G-Regel.

 „Ich bin froh, dass ich es doch gemacht habe“

Eine Bank weiter sitzt die 81-jährige Silke, die ihren Nachnamen ebenfalls nicht im Netz lesen will. Sie hat soeben ihren dritten Pieks bekommen, die sogenannte Booster-Impfung. Silke schüttelt auch den Kopf. Allerdings aus einem anderen Grund: die geringe Impfquote in Deutschland. „Es ist erschreckend, dass sich viele nicht impfen lassen. Wir wollen doch alle zurück in die Normalität.“ Die Stimme der 81-Jährigen bebt, wenn sie spricht – dennoch ist für sie klar. Impfen, das ist für Silke seit eh und je eine Selbstverständlichkeit. „Ich war vier Jahre alt, als wir von Schlesien zu Fuß zurückgekommen sind. Für uns war es selbstverständlich, sich impfen zu lassen. Man hat ja auf allerengstem Raum gewohnt, gekocht, geschlafen.“

Doch es gibt auch die dazwischen. Diejenigen, die weder aus Freude im Frühjahr ein Impfselfie nach der Spritze posteten, noch gegen die Impfung rebellierten. Die, die einfach ein bisschen abwarten wollten – sich jetzt aber bewusst für die Impfung entschieden haben.

Eine Frau mit Maske sitzt in einer Kirche und ruht sich nach der Impfung aus.
Nach der Impfung kurz zur Ruhe kommen. In St. Gabriel geht das ganz entspannt, findet Berit Möller. Foto: Benedikt Scherm

So wie Berit Möller, 47. Unsicher sei sie gewesen, da der Impfstoff neu entwickelt wurde. Doch ihre Schwester habe sie immer wieder dazu gedrängt und nachdem nun auch der Besuch von Kulturveranstaltungen als ungeimpfte Person immer schwieriger sei, habe sie sich nun doch dazu entschlossen. „Jetzt bin ich froh, dass ich es doch gemacht habe“, sagt sie und lobt das angenehme Ambiente in der St. Gabriel Gemeinde. Nette Ärztinnen, kurze Anfahrt und „nicht so groß wie in den Messehallen“ sei das hier.

 „Gott hat mir gesagt, ich bekomme kein Corona“

Pastor Sven Ludius baut links neben dem Altar auf dem Boden ein Kreuz aus Teelichtern in kleinen Glasgläsern auf. Die feinen Klänge einer Harfe ertönen im Hintergrund. „Das gibt den Menschen Kraft und Spiritualität“, sagt er.

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Sven Ludius gibt sich Mühe, dass sich die Impflinge in seiner Gemeinde wohlfühlen. Foto: Benedikt Scherm

Tatsächlich gibt es Menschen, die sich die Kirche bewusst als Ort für die Impfung ausgesucht haben. So auch Fleur, die nur mit ihrem Künstlernamen genannt werden möchte. Die 35-Jährige kann so in Kontakt mit Gott sein – der für Fleur auch eine Art Virologe zu sein scheint. „Gott hat mir gesagt, ich bekomme kein Corona. Aber dadurch, dass ich am Alltag teilnehmen und nicht ausgegrenzt werden möchte, lass ich mich impfen“, sagt sie und setzt sich in die erste Reihe, ganz nah an den Altar. Dort fühle sie sich behütet – bei Gott, mit Gott.

Und dann gibt es noch die, denen die Impfung bisher nicht empfohlen war. Zum Beispiel Schwangeren vor dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, wie Christina Ritzel. Die 36-Jährige hätte sich auch schon früher impfen lassen, doch damals wurde ihr davon abgeraten: „Nun ist das Kind auf der Welt und dann war für mich klar, dass ich das mache.“

Ängste nehmen

Platz hat die St. Gabriel Gemeinde reichlich und die Helfer:innen des mobilen Impfteams kümmern sich darum, dass jede:r zügig drankommt. Impfärztin Magrit Vogtländer (Name geändert) verabreicht inzwischen vor allem Booster-Impfungen, aber auch Erstimpfungen sind dabei. Bei manchen ist Überzeugungsarbeit notwendig. „Heute war auch wieder ein Impfgegner da. Durch meine Aufklärung konnte ich ihm viele Ängste nehmen. Der häufigste Mythos ist, dass mRNA in den Zellkern kommt und zu Genveränderung führt. Leute, die das behaupten, sind Idioten und sollten lieber den Mund halten“, sagt Vogtländer.

Die ehemalige Intensivmedizinerin ist eigentlich schon in Rente, doch für die Impfaktion zieht sich die 68-Jährige regelmäßig nochmal den weißen Kittel über. „Ich liebe diesen Job“, sagt sie und klagt dann weiter über die Mythen und Falschnachrichten, die sie so zu hören bekommt. Auch sie möchte gerade nach ihren harten Worten nicht mit Klarnamen im Internet stehen, zu viel Angst machen ihr die Nachrichten über Angriffe von Impfgegnern.

Diese Angst ist Realität: Die Bundesärztekammer berichtet, dass Impfgegner:innen immer weniger vor körperlicher und verbaler Gewalt zurückschrecken. Wie bekommt man die stattdessen überzeugt? Es ist aktuell die dringende Frage, auf die es bisher keine Antwort gibt. Ist Druck die Lösung?

In der St. Gabriel Gemeinde scheint das Angebot teilweise aufgegangen zu sein. Doch klappt das auch bundesweit? Laut einer Forsa-Umfrage wirken sich Maßnahmen, die die Ungeimpften stärker unter Druck setzen, häufiger negativ als positiv auf die Impfbereitschaft aus. Vielleicht sollten zukünftig einfach alle Impfstandorte auf Lichtkreuze und Taizé-Musik setzen.

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Einem der eloquentesten Rhetoriker Deutschlands die Sprache verschlagen? Hat Wyn Matthiesen, Jahrgang 1996, bereits geschafft. An seinem ersten Tag als Praktikant beim „Stern“ erklärte er Gregor Gysi die „Swipe Up“-Funktion bei Instagram und ließ den Politiker mit einem Wisch staunend zurück. Immer mit Handy und MoJo-Equipment ausgestattet, interviewte der mobile Reporter für „Spiegel“ und „Stern“ bereits Verschwörungstheoretiker auf Anti-Corona-Demos, Bestatter im Pandemie-Alltag und Remote Worker auf Gran Canaria. Zuvor studierte er PR in Kiel. Grauen Beton und rauen Jargon schätzt er nicht nur an seiner Heimat Dortmund-Dorstfeld, sondern auch in den Texten seines Lieblingsrappers Trettmann. (Kürzel: wyn)

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