Hamburg hat in den letzten Wochen Inzidenzwerte von weit über 1000 und führt damit vor allen anderen Bundesländern. Woran das liegt, was jetzt zu tun ist und wieso die Pandemie vielleicht schon bald vorbei sein könnte, erklärt Epidemiologe Ralf Reintjes von der HAW Hamburg im FINK.HAMBURG-Interview. 

Hamburg hat die höchste Inzidenz von allen Bundesländern. Grund dafür sind verschiedene Faktoren: „Die neue Variante Omikron ist besser übertragbar“, sagt Epidemiologe Ralf Reintjes von der HAW Hamburg. „Außerdem haben wir momentan kaltes Wetter mit einer hohen Luftfeuchtigkeit, das ist ideal für respiratorische Viren.“ Viren, die die Atemwege betreffen, wie das Corona-Virus, würden sich durch die vielen Kontakte in der Großstadt und überall da, wo viele Menschen nah aufeinander sind, besonders gut ausbreiten. Zudem helfe der Impfschutz lediglich gegen schwere Verläufe aber nur wenig gegen eine Ansteckung mit Omikron, so Reintjes.

Eine gute Nachricht hat der Epidemiologe dennoch: „Wenn eine Welle durch eine Region durch ist, dann wird diese weniger betroffen sein.“ Für Hamburg heißt das, dass die Inzidenzen nach der Welle vermutlich deutlich niedriger sein werden als in anderen Bundesländern. Das Virus kann sich hier dann nicht mehr so gut ausbreiten, denn es trifft häufiger auf immunisierte Personen, die es nicht infizieren kann.

 Sieben-Tage-Inzidenz: „Kein guter Indikator“

Die Sieben-Tage-Inzidenz sei dennoch kein guter Indiaktor für das aktuelle Infektionsgeschehen, sagt Reintjes. „Inzidenzen sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie sind nicht vollständig“, so der Epidemiologe. Die Gesundheitsämter sind überlastet und die Zahlen deshalb nicht komplett. „Die Dunkelziffer ist derzeit riesig.“

Die Hospitalisierungsrate sei ebenfalls im Kontext zu sehen. Auch wenn Sterbefälle rückläufig sind, infizieren sich etliche Menschen, die dann in der Infrastruktur fehlen. „Wir wissen, dass die Welle in den nächsten Wochen noch stärker wird.“ Dann sei mit „Kollateralschäden“ zu rechnen, weil zum Beispiel Krankenhauspersonal fehle, um Krebsbehandlungen durchzuführen.

Was jetzt zu tun ist

Um das aktuelle Krisenmanagement zu beschreiben, nutzt Reintjes eine Metapher: „Wir rasen auf eine rote Ampel zu. Und obwohl wir genau wissen, dass sie rot ist, treten wir nicht auf die Bremse.“ Dem Epidemiologen zufolge wäre es schon seit Wochen sinnvoll gewesen, Kontakte zu reduzieren und so die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Stattdessen herrsche in Hamburg eine „neue Normalität“.

Anfang der Woche haben Bund und Länder zudem eine neue Teststrategie beschlossen, da PCR-Tests knapp werden. Demnach werden in Zukunft zum Freitesten und bei einer Warnung der Corona-App nur noch Schnelltests verwendet.  „Vermutlich sehen wir nun aber die tatsächlichen Zahlen nicht mehr, wir testen ja weniger“, sagt Reintjes. Das gesamtgesellschaftliche Handeln findet er fragwürdig. „Worauf warten wir? Je später wir eingreifen, desto schwieriger wird es. Unser Verhalten jetzt entscheidet über den Verlauf der Kurve.“ Der Bremsweg werde immer kürzer und ein Crash sei nicht auszuschließen.

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Epidemiologe Prof. Dr. Ralf Reintjes von der HAW Hamburg erklärt im Zoom-Interview: „Unser Verhalten entscheidet über den Verlauf der Kurve.“ Foto: Ralf Reintjes

Licht am Ende des Tunnels

Reintjes zeigt sich dennoch optimistisch: „Es ist Licht am Ende des Tunnels, aber wir müssen erst noch durch den Tunnel durch.“ In sechs bis acht Wochen, meint er, würde sich die Lage beruhigen, das Virus bestenfalls langsam endemisch. Im besten Fall ginge die Pandemie dann in diesem Jahr langsam zuende. Etwa Ende März, so Reintjes, würden die Zahlen sinken. Aber um bis dahin möglichst viele Infektionen zu vermeiden sei es notwendig, jetzt noch einmal die Kontakte einzuschränken. Reintjes ist daher überzeugt: „Die Krisenkommunikation ist aktuell nicht richtig.“

Denn entscheidend ist auch: Je mehr Menschen sich jetzt infizieren, desto häufiger hat das Virus die Chance zu mutieren. Eine neue Mutation könnte wiederum dafür sorgen, dass die Pandemie noch länger dauert. „Das hier ist nicht eine Pandemie, es ist die Abfolge mehrerer Pandemien, denn das Virus mutiert extrem gut.“ Omikron unterscheide sich stark von der Ursprungsvariante. „Das Virus, gegen das wir geimpft sind, ist zur Zeit großteils verdrängt“, sagt der Epidemiologe. Die Impfung sei dennoch die beste Möglichkeit, sich selbst zu schützen. Denn Omikron sei zum Ursprungsvirus noch ähnlich genug, sodass die Impfung zuverlässig vor schweren Verläufen schützt.