Epidemiologe Prof. Dr. Reintjes spricht über die aktuelle Corona-Situation. Winter, Infektionen, Impfung, Hamburg, Impfen
Epidemiologe Prof. Dr. Reintjes spricht über die aktuelle Corona-Situation. Foto: Paula Markert / HAW Hamburg

Inzidenzen und Hospitalisierungen steigen an – Erinnerungen an den letzten Corona-Winter werden wach. Doch wie gefährlich wird es diesen Winter wirklich? Und welche Rolle spielt die Impfung? Epidemiologe Ralf Reintjes im Interview.

2G hier, volle Clubs und Stadien da, endlich wieder Leben auf dem Campus. Die Pandemie schien für einen Augenblick besiegt. Doch nun steigen die Infektionszahlen wieder und das  mit erschreckender Geschwindigkeit.

Zeit zu reden also mit einem, der sich auskennt: Ralf Reintjes. Er ist Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung – unter anderem an der HAW Hamburg. Außerdem war er bereits als Berater für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Europäische Union tätig.

FINK.HAMBURG: Herr Professor Reintjes, was macht das persönlich mit Ihnen, wenn Sie morgens ins Büro kommen und die nächste Interview-Anfrage zum Thema Corona liegt auf dem Schreibtisch?

Reintjes: Auch ich habe keine Lust mehr auf Covid-19 und die Pandemie. Ich beschäftige mich zwar seit über 25 Jahren mit Pandemieforschung und wie man vorbereitet sein kann und damit am besten umgeht, aber so langsam reicht es auch mir. Ich würde mich freuen, wenn es schon Frühjahr wäre und es insgesamt wieder ein bisschen ruhiger wird.

Anfang vergangener Woche knackte die Corona-Inzidenz erstmals seit Mai wieder den Wert von 100, am Donnerstag hatten wir mehr als 28.000 neue Fälle. Ein Grund zur Sorge?

Reintjes: Das alles kommt nicht unerwartet, das versuche ich seit Monaten deutlich zu machen. Sehr viele Leute in unserer Gesellschaft, nicht nur in der Politik, verkennen aktuell die Situation. Sie verkennen wie ernsthaft sie ist, dass das Infektionsrisiko hoch ist. Und dass es in den nächsten Monaten noch deutlich höher sein wird, vermutlich sogar höher als im vergangenen Jahr.

„Wenn wir so weiter machen, wird es ein heißer Winter“

Was erwarten Sie für die nächsten Monate?

Reintjes: Es kommt sehr darauf an, wie wir als Gesellschaft reagieren. Wenn wir nichts machen und Garantien rausgeben, dass es bloß keine Beschränkungen gibt, dann werden die Zahlen massiv weiter ansteigen.

Wenn wir uns in Innenräumen ohne Maske aufhalten mit vielen anderen Leuten, wenn Fußballstadien bis oben hin gefüllt sind, dann werden wir in den nächsten Wochen wahrscheinlich neue Rekordzahlen haben – höher als je in dieser Pandemie.

Beunruhigend finde ich auch: Momentan werden wieder viele Infektionen gemeldet und das, obwohl wir weniger testen, da ja die Gratistests ausgelaufen sind. Die Dunkelziffer ist derzeit extrem hoch. Bei der BBC habe ich es diese Woche wie folgt gesagt: Es ist mit einem „bumpy autumn and winter“ zu rechnen, es wird also sehr ruckelig werden. Leider nehmen auch die Sterbezahlen wieder zu. Wenn wir so weitermachen, wird es ein heißer Herbst und Winter.

Im letzten Interview mit FINK.HAMBURG haben Sie gesagt, dass der Sommer entscheidend dafür ist, so viele Menschen wie möglich zu impfen und die Infektionszahlen deutlich zu senken. Ist das aus Ihrer Sicht gelungen?

Reintjes: Wenn man sich die absoluten Zahlen anschaut, dann eher nicht. Aber wenn man bedenkt, dass während des Sommers schon wieder die ersten Anstiege kamen und wir dann ein Plateau halten konnten, dann hat es zum Teil funktioniert. Das Niveau, auf dem wir gestartet sind, war aber schon relativ hoch. Und je höher wir starten, desto rasanter steigen die Infektionszahlen. Ich hätte mir gewünscht, dass es im Sommer noch besser gelaufen wäre, aber es war auf jeden Fall ein Teilerfolg.

„Es ist eine seltsame Situation, dass ein Noch-Gesundheitsminister so etwas anstößt“

Was halten Sie von dem Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, die epidemische Lage nationaler Tragweite Ende November auslaufen zu lassen?

Reintjes: Ich halte ihn für falsch. Das sendet das Signal: „Das Problem ist vorbei.“ Das Problem ist aber nicht vorbei. Es ist eine sehr seltsame Situation, dass ein Noch-Gesundheitsminister so etwas anstößt und damit die aktuellen Maßnahmen nicht unterstützt. Das ist der epidemischen Situation nicht angemessen.

Ich glaube, dass wir bald wieder in die Nähe kommen werden, wo es auch für die Gesundheitsämter sehr schwer sein wird, Kontake und Infektionsketten wieder nachzuverfolgen.

Welche Maßnahmen würden Sie für die nächsten Monate vorschlagen?

Reintjes: Wir hätten die Situation nutzen sollen, als wir auf einem stabilen Niveau waren. Sinnvoll wäre es gewesen, Öffnungen Schritt für Schritt zuzulassen und das gleichzeitig mit epidemiologischen Studien zu begleiten. So hätten wir herausfinden können, welches Verhalten tatsächlich gefährlich ist.

Dass wir das immer noch nicht genau wissen, macht ein zielgerichtetes Handeln weiterhin sehr schwierig. Sinnvoll wäre, wenn wir genauer wüssten: Sind Restaurants das Problem? Ist es der Schulbetrieb? Oder ist das Entfernen von Masken bei Schülern riskant?  Ist das Öffnen von Hochschulen ohne Abstandsregelungen ein vernachlässigbares Risiko? Jetzt lassen wir einfach gleichzeitig alles wieder zu.

Und das halten Sie für falsch.

Reintjes: Die Frage ist: Was wollen wir erreichen? Wollen wir ein paar Tausend Leben retten oder wollen wir es einfach laufen lassen?

Was ist Ihre Antwort?

Reintjes: Ich wäre dafür, dass wir zielgerichtet die Dinge, von denen wir wissen, dass sie förderlich für die Verbreitung des Virus sind, in den nächsten Monaten zurückschrauben. Wir wissen alle, dass die Saisonalität des Virus im Herbst und Winter liegt. Wenn wir gerade jetzt Schutzmaßnahmen zurücknehmen, dann werden wir bald Rekordzahlen erleben.

„Wenn man das alles bedenkt, dann habe ich schon Bauchschmerzen“

Das heißt, Sie halten von der Öffnung von Fußballstadien, Clubs, Restaurants unter 2G-Bedingungen, wie es ja gerade hier in Hamburg passiert, eher wenig?

Reintjes: Man muss wissen, was man will. Wenn man unter 2G-Bedingungen öffnet, dann haben wir ganz viele Beispiele, wo es zu großen Verbreitungen des Virus kommt. Wenn man kurzsichtig davon ausgeht, dass das nur junge und geimpfte Leute betrifft, wovon nur ganz wenige ins Krankenhaus müssten, dann kann man sagen:  Das ist eine Maßnahme, die wir akzeptieren könnten.

Überlegt man weiter, haben diese Leute wieder Kontakt mit anderen und führen zu einer stärkeren Verbreitung des Virus. Das trifft dann auch ältere Leute oder Menschen mit Vorerkrankungen und die werden dann in den nächsten Wochen auf den Intensivstationen sein und zum Teil dort versterben.

Wenn man das alles bedenkt, dann habe ich dabei schon Bauchschmerzen.

Also lieber nicht in den Club am Wochenende?

Reintjes: Vielleicht sollte man mit den ganz großen Partys vorsichtig sein und bis zum Frühjahr warten. Dann wird sich die Situation stark verbessert haben. Jetzt steht uns aber der Winter noch bevor. Ich persönlich würde da jetzt nicht in den Club gehen und das auch meinen Studierenden nahelegen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an der Queen, die ihren  Geburtstag auch erst nächsten Sommer richtig groß feiert.

„Die Impfung ist nur eine Komponente“

Reicht unsere Impfquote in Deutschland aus?

Reintjes: Die Impfung ist nur eine Komponente. Sie reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass man schwer krank wird, aber auch nicht um 100 Prozent. Die Chance, dass wir mit einer Impfquote von unter 70 Prozent eine Herdenimmunität erreichen, ist sehr unwahrscheinlich. So gesehen reicht das Impfen alleine nicht.

Viele Leute wiegen sich in Sicherheit, haben eine Laissez-faire-Einstellung entwickelt…

Reintjes: Genau, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Man kommt ganz schnell dahin, dass man so lebt, wie man sonst auch leben würde. Man sollte sich aber dessen bewusst sein, dass das Risiko zur Zeit sehr hoch ist. Auch für Geimpfte. Zudem sollte man versuchen, Abstand zu halten und Maske zu tragen und das wirklich ernst zu nehmen. Zumindest in den nächsten Monaten, trotz Impfung.

„Die Wahrscheinlichkeit diesen Winter ohne Infektion durchzukommen, ist relativ gering“

Helfen die steigenden Infektionszahlen wenigstens, doch noch einige Leute zur Impfung zu bewegen?

Reintjes: Das Problem ist, dass die Risikokommunikation derzeit nicht optimal ist. Alle Leute denken, wenn ich mich impfen lasse, dann mache ich nur was für die Gesellschaft. Aber eigentlich mache ich vor allem was für mich, weil mein Risiko schwer zu erkranken, deutlich sinkt.

Wenn ich geimpft bin, dann habe ich eine gute Chance, das zu überstehen – ohne ins Krankenhaus zu müssen. Wenn ich nicht geimpft bin, kann es mit einer Krankenhauseinweisung oder gar tödlich enden. Das ist keine theoretische Sache. Das ist nicht Impfen oder Nichts, das ist Impfen oder Infektion.

Die Wahrscheinlichkeit diesen Winter ohne Infektion durchzukommen, ist relativ gering. Das Virus hat bewiesen, dass es Millionen von Menschen töten kann und von der Impfung wissen wir, dass sie schützt – und das bei überschaubaren Nebenwirkungen. Deswegen fehlt mir da dann das Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen und dadurch ein höheres Risiko eingehen.

Sie würden ja heutzutage nicht mehr ohne Helm Motorrad fahren. Natürlich kann das Spaß machen. Aber Sie könnten ja ausrutschen mit dem Motorrad und dann ist der Spaß vorbei. Und so ähnlich ist das auch mit der Impfung. Die Impfung ist eine Art Schutzhelm für diesen Winter.

Wie erleben Sie die Situation in Hinblick auf die Impfungen an den Unis und Hochschulen?

Reintjes: Ich glaube, jede Hochschulstudentin und jeder Hochschulstudent hat viele Kontakte, etwa in der S-Bahn oder stundenlang in Seminarräumen, und gerade diese Altersgruppe hat eine relativ hohe Durchseuchungsrate. Da würde ich mich auf jeden Fall impfen lassen.

„Ich rechne damit, dass der nächste Sommer ein relativ entspannter sein wird“

Für den Frühling sind Sie wesentlich optimistischer. Wird es nach der aktuellen vierten Welle noch weitere Wellen geben?

Reintjes: Sicher lässt sich das alles nicht vorhersagen. Aber aus der Erfahrung mit anderen Pandemien aus den letzten hundert Jahren kann man sehen, dass es in aller Regel nach zwei Jahren abebbt und endemisch wird. Das hoffe ich auch für diese Pandemie. Und es ist sehr wahrscheinlich, denn viele Leute werden in diesem Winter ihren Immunstatus ändern. Heißt konkret: Sie entscheiden sich vielleicht doch noch für die Impfung oder sie werden sich infizieren. Somit werden wir zwar noch Corona-Fälle haben, aber auf einem ganz anderen Niveau als diesen Winter. Ich rechne damit, dass der nächste Sommer ein relativ entspannter sein wird.

Auch wenn in Afrika und den Ländern des globalen Südens die Impfquote größtenteils im einstelligen Bereich liegt. Wie gefährlich ist das für das globale Pandemiegeschehen?

Reintjes: Tja, das ist das große Problem. Es ist einfach nur traurig, dass wir als globale Gesellschaft sehr, sehr egozentrisch sind und die Impfstoffproduktion nicht auf vollen Touren läuft, um den Rest der Welt auch noch zu versorgen. Wie der Direktor der WHO sagt: „Niemand ist sicher, bevor alle sicher sind.“

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Benedikt Scherm, Jahrgang 1998, hat eine Katze überfahren. Damals, in der 5. Klasse auf dem Fahrrad, in einer Gemeinde in der Nähe von Bayreuth. Zu Schaden kam dabei aber nur er selbst. Heute präsentiert Benedikt gemeinsam mit einem Freund seine Erfolge aus der Küche auf Instagram, und auch dabei gibt es gelegentlich Unfälle: Hin und wieder brennt etwas an. Musikalisch interessiert ihn eine ganze Menge, von Deutschrap bis Lo-Fi und Techno, aber beim Klavierspielen ist er nie besonders weit gekommen, und wenn er im Auto mitsingt, sagen ihm seine Freunde, dass er bitte still sein soll. Er arbeitete unter anderem für den Nordbayerischen Kurier, den Bayrischen Rundfunk und die Süddeutsche Zeitung, in Passau studierte er Journalistik und strategische Kommunikation. Ob es für ihn am Ende Schreiben, Audio oder Video wird, muss er noch herausfinden – Journalismus muss es in jedem Fall sein. (Kürzel: ikt)

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