Vergangene Woche feiert die Elbphilharmonie ihr fünfjähriges Bestehen mit einem Jubiläumskonzert. FINK.HAMBURG hat Künstler:innen und Elphi-Macher:innen über das kontroverse Bauprojekt befragt. 

Planungschaos und Kostenexplosionen: Während der Bauphase war das Projekt Elbphilharmonie hochumstritten. Inzwischen ist es fünf Jahre her seit der Eröffnung der Elbphilharmonie. Und inzwischen hat sich das Konzerthaus vom Sorgenkind zum Wahrzeichen der Stadt gemausert. Bis zum Beginn der Pandemie trieb es insgesamt 2,7 Millionen Konzertbesucher:innen in die beiden Säle. Letzte Woche stand das Programm  komplett im Zeichen des 5. Jahrestag der Eröffnung. Vom 9. bis 17. Januar wurde die Programmvielfalt des Hauses präsentiert. Auf der Gästeliste standen Größen wie Dirigent Sir Simon Rattle, Pianist und Dirigent Daniel Barenboim oder Gambist Jordi Savall.

FINK.Hamburg war nicht nur beim Jubiläumskonzert vor Ort, um Besucher:innen nach ihrer Meinung zu Fragen, sondern hat auch Verantwortliche, Musiker:innen und Poetry Slammer:innen zu Wort kommen lassen.

Eine Hommage an die Elbphilharmonie

Die gebogene Rolltreppe schiebt die Besucher:innen zielstrebig Richtung großer Saal. Jede:r kriegt die Broschüre des Abends zugesteckt bevor ein Signalhorn das Publikum auf die Plätze weist. Die gern als „weiße Haut“ bezeichnete Wandverkleidung lässt den Saal wie ein Korallenriff erscheinen. Dirigent Kent Nagano betritt mit schwarzer FFP2-Maske – passend zum Sakko – die Bühne, um den Abend anzustimmen.

Das Programm verantwortet an diesem Abend der gleiche Mann wie beim Eröffnungskonzert: Komponist und Klarinettenspieler Jörg Widmann. Es sollte eigentlich sein Oratorium „ARCHE“ aufgeführt werden. Er schrieb diese Komposition im Auftrag der Elbphilharmonie. Sie wurde auch 2017 zur Saaleröffnung gespielt. Das Einstudieren war jedoch während Corona nicht möglich – was an den 300 Mitwirkenden und den Passagen mit Chorgesang liegt. Dafür wurden andere Kompositionen von Widmann gespielt.

Der Abend war thematisch in zwei Hälften geteilt. Das Publikum wurde dabei zuerst mit der experimentellen Klangwelt Widmanns konfrontiert. Nach einer Pause ertönten mit Beethovens Symphonie Nr. 8 in F-Dur wieder konventionellere Klänge.

Jörg Widmann performed "drei Schattentänze" in der Elbphilharmonie
Joerg Widmann spielt „drei Schattentänze“. Foto: Philip Loeper

Besuch zum Geburtstag

Das Jubiläum zog viele Erstbesucher:innen in den großen Saal. So auch Laura. Sie ist von der Elphi Architektur begeistert, fand aber den Einstieg in das Jubiläumskonzert gewöhnungsbedürftig: „Den ersten Teil fand ich ehrlich gesagt gar nicht schön, teilweise musste ich auch lachen. Aber die Beethoven Sinfonie war natürlich toll.“ Ihr Freund Mario ist froh, dass Hamburg mit der Elbphilharmonie ein neues Wahrzeichen hat, trotz anfänglicher Skepsis: „Zu Beginn war die Reaktion auf das Gebäude natürlich eher negativ. Aber wenn heute meine Familie aus Amerika zu Besuch kommt, wollen sie alle hier hin. Das zeigt mir einfach, wie eindrucksvoll diese Sehenswürdigkeit ist.“

Besucherin Christina hatte selbst Geburtstag. „Wegen dem Doppelgeburtstag sind wir auch hier“, sagt sie mit einem Lächeln. „Jetzt nach fünf Jahre haben, denk ich die meisten die Diskussion vergessen. Wir sind einfach froh, dass wir die Elbphilharmonie haben.“ Kritik hagelt es hingegen von Jonathan. Er ist im Jahr 2017 nach Hamburg gezogen und hat noch vor Augen, wie internationale Politiker bei G20 ein Konzert besuchten, während Polizeihubschrauber über der Stadt kreisten und im Schanzenviertel Rios stattfanden. „Natürlich ist es ein wunderschönes Gebäude, aber der Überfluss an finanziellen Mittel, die in diesen Bau geflossen sind, hätte man denk ich an anderer Stelle mehr gebraucht.“

Kent Nagano dirigiert das Orchester in der Elbphilharmonieie
Kent Nagano ist seit 2015 Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper Foto: Philip Loeper

Kritik zum Klang

Diskussionen gab es in den vergangenen Jahren auch zum Klang des großen Saals. Dieser wurde zur Eröffnung von vielen Seiten gelobt. Es gab aber auch negative Presse. Beispielsweise vom Startenor Jonas Kaufmann, der 2019 gegenüber dem Hamburger Abendblatt sagte, dass er dort nie wieder auftreten wolle. Das Publikum hätte seine Stimme nicht hören können.

Der Musiker Hannes Biermann ist von der Akustik des Großen Saals überzeugt. Der Kontrabassist ist seit 2014 Teil des Philharmonischen Staatsorchester Hamburgs. Er war am Tag des Jubiläumskonzerts auch auf der Bühne. Im Interview mit FINK.HAMBURG beschreibt er seinen ersten Auftritt: „Ich spielte dort zum ersten Mal im Herbst 2017. Die Größe des Saals und die Klangqualität hat mich gleich beeindruckt.“ Im Gegensatz zur Laeiszhalle, in der das Staatsorchester häufiger spielt, sei der Klang aber analytischer: „Man hört jedes Instrument klar heraus.“ Das habe als Konsequenz, dass die Musiker genauer und klarer spielen müssten, weil die Resonanz des Saals komplett anders sei.

Biermann sagt auch, dass sich der Klang in den letzten Jahren verändert habe. Das bestätigt auch Tom Schulze, Pressesprecher der Elbphilharmonie: „Das sagen uns viele Künstler.“ Der Akustiker des Raums Yasuhisa Toyota habe das jedoch bereits prophezeit. „Er hat uns am Anfang gesagt, dass man einen Saal nicht am ersten Tag abschließend beurteilen kann.“ Was der Grund dafür ist? Biermann und Schulze glauben, dass es an der ständigen Beschallung liegt, die die akustische Resonanz der Wände verändert.

Der Blick von der Elbphilharmonie auf die Elbe
Nach dem Konzert genossen viele Besucher:innen noch den Blick auf die Elbe Foto: Melissa Hertwig

Reine Poesie?

Nicht nur die Musik zieht Publikum in die Elbphilharmonie. So gibt es seit 2018 in der Elbphilharmonie auch den „Best of Poetry Slam Day“ aus der Reihe „Kampf der Künste“, der als Europas größter Poetry Slam gilt. Kampf der Künste-Geschäftsführer Jan-Oliver Lange FINK.HAMBURG berichtet, mit dem Einzug in die Elphie sei für sie ein Traum in Erfüllung gegangen. Schon in der Planungsphase hatten sie Kontakt aufgenommen. „Als es dann zehn Jahre später tatsächlich geklappt hat, war das fast so etwas wie die Erfüllung eines Lebenstraums für uns.“

Kampf der Künste-Teilnehmer Dalibor Marković tritt seit 2002 mit Bühnenlyrik auf — teilweise auch in mehreren Sprachen. „Trotz der Dimensionen des Raumes, hatte man aufgrund der Akustik ein intimes Verhältnis zum Publikum“, sagt er über die Elbphilharmonie. Aber auch aus anderen Gründen war der Abend für ihn besonders: „Es war einer meiner ersten Auftritte, die mein Sohn miterlebt hat. Ein wundervolles Abenteuer für uns beide. Nach der Show saßen wir noch alleine im leeren Saal und ließen die Architektur auf uns wirken.“ Eine andere Poetry-Slammerin, Paulina Behrendt, hatte mit 16 ihren ersten Auftritt. Ein Jahr später stand sie bereits in der Elbphilharmonie auf der Bühne und belegte 2020 dort auch den ersten Platz für U20-Künstler. Am liebsten denkt sie an den Moment des Bühenaufgangs zurück: „Die Tür wurde aufgezogen und es fühlte sich an, als würde man eine Arena betreten. Eine der nobelsten Arenen der Welt.“

Die Veanstaltung "Best of Poetry Slam Day" in der Elbphilharmonie
Auch nächstes Jahr findet der „Best of Poetry Slam Day“ wieder statt Foto: Asja Caspari

Der Elefant im großen Saal

Hat sich der Ärger und der finanzielle Aufwand gelohnt? Pressesprecher Tom Schulz meint: „Klar muss man sagen, dass bei der Planung und Entstehung auch ordentlicher Bockmist passiert ist. Aber das spielt bei der Bewertung der Elbphilharmonie heute und im Gespräch darüber inzwischen kaum noch eine Rolle.“  Der phasenweise so umstrittene Bau ist seiner Meinung nach eine große Bereicherung für das Hamburger Stadtbild.

Musiker Hannes Biermann kann verstehen, dass sich Leute über das teure Bauprojekt aufgeregt haben. „Letztendlich muss man jedoch festhalten, dass sich die Stadt mal was getraut hat, auch wenn es teurer wurde als gedacht.“ Für ihn hat sich der Mut, etwas Neues zu wagen, bezahlt gemacht.

Ähnlich sieht das auch Poetry Slamer Dalibor Marković: „Die Momente, die man dort erlebt, machen viele, der damals zurecht geführten Kontroversen, wieder wett. Bleibt die Frage, inwieweit man Gefühle und Geld miteinander aufwiegen kann.“ Als Entschädigung schlägt er beispielsweise die Vergabe von kostenlosen Tickets für alle Hamburger:innen vor.

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Manuel Kunst, 1988 in Wiesbaden geboren, macht, abgesehen von seinem angefangenen Architekturstudium, keine halben Sachen. Nach erfolgreicher Neuorientierung zog er nach Hamburg und gab schon in der ersten Woche Jürgen Vogel am Strand einen Tequila aus. Er studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften sowie Soziologie und absolvierte anschließend ein Volontariat beim „Unternehmer“-Magazin der Deutschen Unternehmer Börse. Dort baute er die Podcast- und Videoproduktion auf. Beim Gärtnern hat Manuel immer Pech, dafür kocht er gern und gut, ob asiatische oder italienische Gerichte. Als DJ legt er heute vor allem Hip-Hop auf, früher hat er einmal in der Hardcore Punkband „Deaf on Demand“ Gitarre gespielt. Auch alle Zähne hat er sich beim Pogen schon mal ausgeschlagen – allerdings schon im Alter von fünf Jahren beim Hüpfen auf dem Bett. (Kürzel: mku)

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