Gewinn ist nicht alles in der Wirtschaft – zumindest nicht für die Bewegung der Gemeinwohlökonomie. Ihr Ziel ist eine wortwörtlich soziale Marktwirtschaft. Aber wie soll das funktionieren und was sagen Kritiker?

Größtmöglicher Wohlstand bei bestmöglicher sozialer Absicherung – das ist das Ziel der sozialen Marktwirtschaft. In Deutschland leben wir seit 1948 in dieser Wirtschaftsordnung. Der Sozialstaat sollte eine Verbesserung zum reinen Kapitalismus sein, da dieser wesentlich zu den politischen Erschütterungen und den beiden Weltkriegen beitrug. Doch Umweltkrisen, die Corona-Pandemie und zunehmende gesellschaftliche Spaltung bringen viele kritische Stimmen hervor: Wie viel Anteil an diesen Krisen hat unser Wirtschaftssystem? Und wie sozial ist unsere Marktwirtschaft wirklich?

Die soziale Martkwirtschaft ist eine Wirtschaftsform, die auf der Basis kapitalistischen Wettbewerbs dem Staat die Aufgabe zuweist, sozialpolitische Korrekturen vorzunehmen und auf sozialen Ausgleich hinzuwirken. Die soziale Marktwirtschaft wurde nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und gilt seitdem als Grundlage der deutschen Sozial- und Wirtschaftsordnung. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung)

Ole Müggenburg. Foto: Julia Schwendner
Ole Müggenburg | Foto: Julia Schwendner

„Genau da setzt die Gemeinwohlökonomie an, denn viele Menschen haben das Gefühl, dass das System nicht fair und nicht mehr für sie da ist“, sagt Ole Müggenburg. Er ist International PR Coordinator der Bewegung Economy for the common good (ECG) in Hamburg.

Eine Bewegung aus Österreich

Die Economy for the common good (deutsch: Gemeinwohlökonomie, kurz GWÖ) ist die internationale Bezeichnung einer Bewegung, die im Jahr 2010 in Österreich entstanden ist. Initiiert wurde sie vom österreichischen Autor und Aktivisten Christian Felber, der mit seinem Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“ das Thema begründete.

Mittlerweile gibt es 171 Ortsgruppen der Bewegung, die größtenteils in Europa, aber auch in Nord- und Südamerika sowie Afrika und Asien zu Hause sind. In verschiedenen Arbeitsgruppen feilen die Mitglieder am Gesamtkonzept, organisieren Vorträge und Workshops oder arbeiten der Europäischen Kommission zu.

Die Idee

Hinter der Gemeinwohlökonomie steckt die Idee eines alternativen Wirtschaftssystems. „Es geht nicht darum, den Kapitalismus völlig zu ersetzen. Letztendlich ist es eine erweiterte Form der sozialen Marktwirtschaft“, so Müggenburg. Unternehmen sowie Gemeinden, Städte und Länder sollen gemeinwohlorientiert wirtschaften.

Das Gemeinwohl wird als Gemein- oder Gesamtinteresse einer Gesellschaft definiert. Für die GWÖ bestimmen Interessen wie ökologische Nachhaltigkeit, Menschenrechte, Chancengleichheit und Zufriedenheit das Gemeinwohl. Damit Unternehmen sich an diesen Interessen orientieren, hat die Gemeinwohlökonomie Anreize geschaffen:

► Unternehmen, die sich gemeinwohlorientiert verhalten, bekommen einen Vorteil in der Wirtschaft.

Vorteile könnten beispielweise ein Vorrang bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand oder geringere Steuerzahlungen sein. Weniger gemeinwohlorientierte Unternehmen müssten demnach höhere Steuern zahlen. Aber wer entscheidet, wann ein Unternehmen gemeinwohlorientiert ist oder nicht?

Das System

„Zur Gemeinwohlökonomie gehören auch entsprechende Messinstrumente. Mit diesen wird ein Unternehmen auf die Frage hin geprüft, wie gemeinwohlorientiert es ist. Die Gemeinwohl-Matrix ist dafür eines der Messinstrumente“, erklärt Müggenburg. Damit wird ein Unternehmen auf vier allgemeingültige Werte geprüft: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung. Geprüft wird dann, wie die Werte bei den Stakeholder:innen des Unternehmens umgesetzt sind.

Stakeholder, auch Anspruchsgruppen genannt, sind alle internen und externen Personengruppen, die von den unternehmerischen Tätigkeiten gegenwärtig oder in Zukunft direkt oder indirekt betroffen sind. Beispiele: Mitarbeiter:innen, Lieferant:innen, Gesellschaft. (Quelle: Gabler Wirtschaftslexikon).

Gemeinwohlmatrix der Gemeinwohlökonomie
Gemeinwohlmatrix | ecogood.org

„Zum Beispiel beim Wert Menschenwürde in Bezug auf die Lieferant:innen: Da wird geprüft, ob in der Lieferkette für billige Arbeitskraft Menschen in Entwicklungsländern ausgebeutet werden“, so Müggenburg weiter. Die 20 Felder der Gemeinwohlmatrix werden untersucht und für jedes Feld gibt es maximal 50 erreichbare Punkte für ein Unternehmen.

Der Ablauf

Im ersten Schritt bewertet sich ein Unternehmen mit Unterstützung sogenannter Gemeinwohlberater:innen selber. Dafür liefert es Zahlen und Fakten und schätzt mit den Berater:innen zusammen ein, welche Punkte in welchem Feld zu erreichen sind. Anschließend kommen die Gemeinwohlauditor:innen ins Spiel, also die Prüfer:innen. Sie führen eine finale Prüfung der Punkte durch.

Dabei können sie der Selbsteinschätzung des Unternehmens zustimmen oder sie korrigieren die Punkte nach unten. „Ein Unternehmen muss viele interne Informationen für diese Bewertung offenlegen, beispielsweise Arbeitsverträge. Je weniger Informationen geteilt werden, desto weniger Punkte gibt es schlussendlich auch im Feld Transparenz“, so Müggenburg.

Nach abgeschlossener Prüfung ergibt sich ein Gesamtwert aus der Matrix. Anschließend wird noch ein Gemeinwohlbericht erstellt. Darin wird erklärt, wie das Unternehmen die Gemeinwohlwerte umsetzt und welches Entwicklungspotenzial noch besteht. Mit der Zusammenführung der Punkte aus der Gemeinwohlmatrix und dem Gemeinwohlbericht wird zuletzt eine Gemeinwohlbilanz für das Unternehmen erstellt. „Quasi ein Nachhaltigkeitsbericht, den viele Unternehmen heute schon erstellen, nur ohne Greenwashing“, meint Müggenburg.

Prominente Beispiele

Bisher ist die Gemeinwohlökonomie ein theoretisches Konzept, die Prüfer:innen und Auditor:innen der Bewegung haben aber bereits viel zu tun. Mittlerweile haben 800 deutsche Unternehmen eine Gemeinwohlbilanz erstellen lassen, wovon 503 Bilanzen veröffentlicht wurden. Bekannte Beispiele sind die Sparda-Bank aus München oder der Sportausrüster Vaude aus Baden-Württemberg.

Was bringt das der Mainstream-Ökonomie?

„Es ist ein Management-Tool, mit welchem Unternehmen in der Transformation zu einer echten Nachhaltigkeit begleitet und geholfen werden kann. Viele Unternehmen wollen nachhaltig werden, aber sie fragen sich, was das genau bedeutet und wie man das bemessen kann“, erklärt Müggenburg. Zusätzlich gebe es einen deutlichen Trend hin zur Transparenz. Die Gesellschaft verändere sich in Richtung des Gemeinwohls.

Unter dem Druck der europaweiten Wirtschafts- und Verschuldungskrise wünschten sich bereits 2012 acht von zehn Bundesbürgern eine neue Wirtschaftsordnung. Diese sollte den Fokus auf Umweltschutz, den sorgsamen Umgang mit Ressourcen und den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft legen. Dass sich gegenwärtige Probleme durch die eigenregulatorischen Verhaltensweisen des Markts auflösen, glaubt nur jede:r dritte – so das Ergebnis einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Konsument:innen interessieren sich zunehmend für die Geschichte rund um die Produkte, die sie kaufen. Wo kommen sie, wurde jemand dafür ausgebeutet und was passiert mit dem eingenommenen Geld? Unternehmen, die bereits Gemeinwohlbilanzen erstellt haben, teilen dies auf ihren Webseiten mit. „Das ist ein nachhaltiges Siegel – nur eben auf die Wirtschaft bezogen“, so Müggenburg.

Das Ziel

Letztendlich geht es in der Bewegung aber um die große Transformation des Systems. Die Gemeinwohlökonomie soll eine Antwort auf umfangreiche Krisen sein:
Klima, Pandemie, Biodiversität, gesellschaftliche Krise, ökonomische Krise.

Regiert Geld die Welt?

Professor Doktor Sven Schulze sieht kein Zukunftskonzept in der Gemeinwohlökonomie. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der HAW Hamburg und beschäftigt sich unter anderem mit Umweltökonomie.

Prof. Dr. Sven Schulze, Professor an der HAW Hamburg
Prof. Dr. Sven Schulze, Professor an der HAW Hamburg | Foto: Economic Trends Research GbR

Für ihn schlägt hier der gute Wille die Umsetzbarkeit: „Solche Bewegungen gehen von einer bestimmten Gruppe in der Gesellschaft aus, die ihre Ansichten in die Welt tragen will. Eine typische Eigenschaft solcher Bewegungen ist, dass ein theoretisches sowie empirisches Fundament fehlt.“

Sein grundsätzliches Problem sei die Annahme, dass alle Menschen nur dem Geld hinterherjagen würden. „Damit macht man es sich aber zu einfach“, so Schulze. Ein Mensch sei nicht zufriedener, je mehr Geld er besitze, bis zu einer gewissen Grenze sei das Wohlbefinden aber ganz klar abhängig vom Wohlstand und damit eben auch vom Geld. „Also jagt nicht jeder dem Geld hinterher, sondern jeder jagt seinem eigenen kleinen Wohlstand hinterher und das halte ich für völlig legitim“, sagt er.

Anreize? Ja. Gemeinwohlökonomie? Nein.

In der Ökonomie gibt es eine simple Vorgehensweise, um das Verhalten von Beteiligten zu verändern: Anreize setzen. Negative Anreize sollen beispielweise in der Klimapolitik dazu führen, dass weniger CO2 ausgestoßen wird, wenn Unternehmen und Länder dafür Strafen zahlen müssten.

In der Gemeinwohlökonomie liegt der Fokus auf positiven Anreizen, wie beispielsweise weniger Steuerzahlungen bei mehr Gemeinwohlorientierung. Auch das sieht Schulze kritisch: „Es mag vielleicht netter klingen, das gute Verhalten zu belohnen, statt das schlechte zu bestrafen. Aber dafür braucht man erstmal die finanziellen Mittel.“ Wenn in der Gemeinwohlökonomie alle Unternehmen gemeinwohlorientiert wirtschaften würden, woher nehme der Staat die Steuergelder, um Anreize zu finanzieren?

Eine bessere Welt

Eine erfolgreiche Implementierung solch eines alternativen Wirtschaftssystem wäre ein langer Prozess, der viele Hürden überwinden müsste, da sind sich Schulze und Müggenburg einig. Schulze hält die Gemeinwohlökonomie für eine nischige Bewegung. Müggenburg ist anderer Meinung: „Viele kleine Dinge der Gemeinwohlökonomie haben bereits Einfluss, weil sich die Gesellschaft verändert und unsere Wertvorstellung langsam zum Mainstream wird“, meint er. Um den großen Krisen entgegenzuwirken, braucht es Veränderung in der Wirtschaft. Diese Meinung teilen Schulze und Müggenburg.

Titelbild: Pixabay | LeoSch und ElisaRiva
Collage: Mia Holland