Lionel Reich ist 23 Jahre alt. Er studiert Jura, hat viele Freunde, feiert gerne – und er ist Jude. Wie er als junger Mensch seinen Glauben im Alltag lebt, hat er FINK.HAMBURG-Redakteurin Mia Holland erzählt.

Lionel kommt aus Hamburg und studiert in Tel Aviv. Er macht dort seinen Master of Law. „Der Grund, warum ich in Tel Aviv studiere, ist die Stadt Tel Aviv und nicht die Tel Aviv University“, sagt er. Zu der Entscheidung haben mehrere Gründe geführt: Nicht nur, dass ein Teil seiner Familie dort lebt, sein Glaube spielte dabei auch eine Rolle: „Es ist schon schön, als Jude mal nicht Teil der Minderheit zu sein“, so der 23-Jährige.

Mal nicht seinen Alltag erklären müssen, ganz natürlich jüdische Sachen machen, wie freitagabends Schabbat zu feiern: „Das ist hier Teil des gesamtgesellschaftlichen Alltags“, sagt Lionel. Anders als in Hamburg – dort musste er raus aus seinem nicht-jüdischen Alltag, um beispielsweise zwei Stunden in die Synagoge zu gehen. Eine Zeit, die für ihn besonders ist. „Zu Weihnachten entsteht in Deutschland so eine besondere Stimmung, alle sind beisammen, sind bei der Familie“, sagt er. „Und hier hat man jeden Freitag diese besondere Stimmung. Natürlich nicht so extrem, aber man merkt schon, dass hier von Freitagabend bis Samstagabend der Ruhetag ist und Schabbat gefeiert wird.“

In Tel Aviv gehen freitagsabends überall die Lichter an, erzählt er. Die Leute tragen Tupperdosen mit Essen durch die Straßen, um zum Essen zusammenzukommen. „Das gibt es so nirgends in Deutschland. Egal in welcher Stadt man sich befindet, sind dort einfach zu wenige Juden, als dass diese das Stadtbild im Alltag wirklich so prägen könnten“, sagt Lionel.

Mal mehr Glaube, mal weniger

Vor der Corona-Pandemie war er in Hamburg jeden Freitag in der Synagoge zum Schabbat-Gottesdienst: Schabbat feiern ist ihm wichtig. Doch er sagt auch, dass er seinen Glauben als Jude phasenweise auslebt – mal mehr, mal weniger. Grundsätzlich feiert Lionel jedes Jahr die höheren jüdischen Feiertage wie Chanukka, Pessach, Rosch ha-Schana und Jom Kippur. Außerdem legt er jeden Morgen die sogenannten Tefillin, die jüdischen Gebetsriemen, an. Dass er den Morgen verschläft, kommt aber auch mal vor.

„Ich bin schon recht gläubig, aber so Sachen wie zum Beispiel koscher essen, das mache ich gar nicht“, sagt er. Lionel isst auch gerne Bacon auf seinem Cheesburger oder mal eine Currywurst. Warum er nicht koscher isst, macht er nach einem einmonatigen Selbstversuch an zwei Gründen fest: Er fühlte sich dadurch nicht wesentlich verbundener mit Gott und außerdem sei es in Deutschland unfassbar schwer einzuhalten. „Es würde bedeuten, nahezu vegan leben zu müssen und außerhalb der Synagoge gibt es auch kein einziges koscheres Restaurant in Hamburg“, sagt er. Und es würde das Sozialleben doch sehr einschränken. Ob Burger, mexikanisch oder chinesisch – Lionel könnte gar nicht mit seinen Freund:innen zum Essen gehen. „Es gibt wenige, die das in Hamburg machen, und vor denen habe ich großen Respekt. Es ist einfach sehr schwer, das in den Alltag zu integrieren“, sagt er.

„Man muss sich im Klaren sein: Im Judentum gibt es unterschiedliche Auslegungen“

Doch müsste er sich als Jude nicht an die Regeln halten? In seinem jüdischen Umfeld gibt es unterschiedliche Stimmen, wie wichtig die Einhaltung der Gebote und Verbote im Judentum ist. Einige sehen es zum Beispiel nicht so streng, koscher essen zu müssen. Lionel sieht das anders: Nicht koscher zu essen, das sei schon falsch. Trotzdem ist er mit sich im Reinen: „Man kann sein ganzes Leben gar nicht nach all den jüdischen Gesetzen richten, jeder muss irgendwo Abstriche machen, außer man ist ultraorthodox“.

Lionel ist nicht orthodox, sondern traditionell: Er lebt einen modernen Alltag mit starkem Bezug zur Religion und Tradition. Zum Schabbat am Freitag geht er zwar in die Synagoge, die Hausparty danach lässt er sich aber auch nicht entgehen. „Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Nach meinem Verständnis ist es im Judentum auch verboten, darüber zu urteilen, wie religiös oder wie jüdisch andere Juden sind“, sagt er.

Party und Religion – für junge Jüd:innen kein Widerspruch

Auch Alkohol trinkt er öfter, wie 23-Jährige das eben machen. „Zu vielen jüdischen Feiertagen gehört Alkohol, also meistens Wein, auch dazu. Und ausgelassen feiern, ist absolut Teil der Religion“, sagt Lionel. Ob Beschneidung, Bar Mizwa oder Hochzeit – auf jüdischen Festen kennt Lionel das nicht anders: Es wird gefeiert und auch getrunken. „Ich feiere generell gerne und da verschwende ich auch keinen Gedanken daran, ob mir die Thora das jetzt erlaubt oder was mein Rabbiner von mir denken würde“, sagt er. Party und Religion – für junge Jüd:innen stehe das in keinem Widerspruch.

Ganz im Gegenteil: Besonders in jüngeren Verbindungen und Organisationen werden Feiern auch genutzt, um den Menschen das Judentum zu zeigen. Lionel organisierte selbst solche Feiern, er ist ehemaliger Vorsitzender vom Verband Jüdischer Studierender Nord und gründete 2016 die Jüdische Studierendenunion Deutschland mit. Die Organisationen bringen junge Jüd:innen zusammen: „Junge Juden sollen sich in Deutschland nicht verstecken müssen. Sie sollen sehen, dass auch andere ihr Judentum offenbaren und dass das ganz normal ist“.

Vor allem wenn nicht-jüdische Menschen um ihn herum herausfinden, dass er Jude ist: „Ich hatte schon die Situation, dass mich im Club Leute angesprochen haben und meinten ‚Ey ich kenn dich doch, kann das sein, dass du jüdisch bist?'“, berichtet er. Für sein Gegenüber sei das ein Aha-Moment gewesen. „Dann merken sie, ok krass, der tanzt im selben Club wie ich.“ Junge Jüd:innen sprechen dieselbe Sprache, haben dieselben Hobbys und denselben Alltag wie Nicht-Jüd:innen. „Und das ist auch das Ziel“, sagt Lionel. „Dass man sieht, der ist halt Jude, aber auch ein ganz normaler Typ.“


Foto: privat

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