Anastasiya ist während des Ukraine-Kriegs nach Wentorf bei Hamburg gekommen, wo sie von einer Familie aufgenommen wurde. Der Krieg ist für sie doppelt tragisch: Sie lebt seit sieben Jahren in Kiew, hat aber einen russischen Pass.

von Stine Schumacher

Anastasiya kam mit einem russischen Pass und ihrem Hund Amigo nach Deutschland
Anastasiya kam mit einem russischen Pass und ihrem Hund Amigo nach Deutschland. Foto: Stine Schumacher

Ihren russischen Pass erwähnt Anastasiya gegenüber anderen nur, wenn sie explizit danach gefragt wird – mittlerweile hätte sie lieber einen ukrainischen. Aufgewachsen ist die 30-Jährige in Russland. Da sie jedoch mit dem Regime und der Politik nicht einverstanden war, entschloss sie sich schon 2015 dazu, nach Kiew zu ziehen – nach Russlands Einmarsch auf der Krim und im Donbas. Von dort aus ist sie nun weiter nach Westen geflohen, bis nach Hamburg.

Anastasiyas krauses Haar ist zu einem Zopf gebunden. Sie ist klein, trägt einen hellrosa Pullover, eine dunkelblaue Jeans und eine Brille. Sie hat einen Rucksack dabei. In der rechten Hand hält sie eine Leine: Sie hat ihren kleinen Hund Amigo mitgebracht, einen Russkiy Toy mit schwarz -braunem Fell, besonders auffällig sind seine großen Ohren. Sie ist nur mit Amigo in Deutschland, spricht russisch und ein wenig ukrainisch. Über ein Portal im Internet sucht sie nach Hilfe bei Behördenbriefen und Menschen, die ihr Gesellschaft leisten wollen.

Bei einem Gespräch ist sie bereit Fragen zu ihrem Weg nach Deutschland zu beantworten. Die Autorin wird dabei von einer Dolmetscherin begleitet.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Zwischen den Fronten?

In der Ukraine hat Anastasiya als Hundetrainerin gearbeitet. Dafür brauchte sie nur eine Aufenthaltsgenehmigung – für Russen sei es damals unkompliziert gewesen, in der Ukraine zu wohnen, da sie keinen Pass beantragen mussten, sagt sie. Sie fühlt sich zwar immer noch mit ihrem Heimatland verbunden, identifiziert sich aber mit der Ukraine. „Meine Familie wohnt in Russland“, sagt sie.

Die Freunde aus Russland, die den Krieg unterstützen, sind keine Freunde mehr.

„Meine Mutter ist schockiert über das, was passiert ist, schockiert darüber wie viele Russen um sie herum den Krieg unterstützen.“ Als Rentnerin ist es für sie schwierig – fast unmöglich – das Land zu verlassen, wie es momentan viele junge Menschen tun. Die beiden reden nicht viel über den Krieg, wenn sie telefonieren, sie vermeiden das Thema lieber. Anastasiya überlegt, warum das so ist. Eine kurze Pause. Sie hat selbst keine Antwort darauf, sagt sie. Ein paar ihrer Freunde sind in der Ukraine geblieben, andere leben noch in Russland. Sie berichtet, dass ihre russischen Freunde, die den Krieg unterstützen, keine Freunde mehr seien. Sie selbst ist sich sicher, dass der Krieg der falsche Weg gewesen ist – und das auch schon vor acht Jahren.

Die „Flucht“ nach Deutschland mit russischem Pass

Wenn Anastasiya über ihren Weg nach Deutschland spricht, setzt sie das Wort „Flucht“ in Anführungszeichen. Am ersten Tag des Krieges war sie in Kiew. Dort hörte sie Bomben, die Häuser in ihrem näheren Umfeld waren jedoch nicht zerstört. Über die Nachrichten und Facebook bekam sie mit, was in der Ukraine passierte. Die Bilder seien schockierend gewesen. Sie spürte den Krieg, fühlte sich unsicher und entschloss sich am dritten Tag dazu, das Land gemeinsam mit einem Freund und Hund Amigo zu verlassen.

Auf ihrem Weg begegneten sie kilometerlangen Warteschlangen: vor Geldautomaten, in Supermärkten und an den Grenzübergängen. Zunächst ging es für die drei nach Lwiw. Auch in den Zügen waren sehr viele Menschen unterwegs, trotzdem bekamen sie einen Sitzplatz.

Über eine Facebook-Gruppe fand Anastasiya eine Familie in Gdynia bei Danzig, die sie und ihren Hund für zwei Wochen aufnahm. Anastasiya wäre gerne in Polen geblieben, doch dort wurde ihr russischer Pass zum Problem: Sie bekam keine Aufenthaltsgenehmigung. In diesem Moment hätte sie gerne einen ukrainischen Pass gehabt, sagt sie.

Während ihr Freund in die Niederlande ging, beschloss sie, mit Amigo nach Deutschland zu fahren. Sie hatte Glück: Ein Freund aus Kiew, dessen Hund sie früher trainiert hatte, kontaktierte sie und fragte, wie es ihr gehe. Anastasiya erzählte ihm von ihrer Situation und, dass sie eine Unterkunft für sich und ihren Hund in Deutschland suche. Er half ihr und fand eine Familie, bei der sie die nächste Zeit wohnen konnte. Kurz darauf fuhr sie mit dem Zug von Danzig nach Hamburg, seit dem 20. März wohnt sie in Wentorf.

Anastasiya reiste nur mit dem wichtigsten Gepäck: einem Rucksack und einem Koffer. Vor allem hatte sie viele Sachen für ihren Hund dabei, den sie in einer Tasche problemlos mitnehmen konnte.

Anastasiya und ihr Hund Amigo im Park
„Schäm dich!“ – Anastasiya hat ihren Hund gut trainiert. Foto: Stine Schumacher

Ihre Erleichterung darüber ist nicht zu übersehen: Er ist ihr Freund, momentan der Einzige aus ihrer Heimat, der ihr geblieben ist. Besonders stolz ist sie darauf, wie gut sie ihn trainiert hat. Unaufgefordert zückt sie während des Gesprächs ein paar Leckerlie und zeigt die vielen Tricks, die Amigo kann: „стыдно“, befiehlt sie ihm – auf Deutsch bedeutet das so viel wie „Schäm dich!“.

Anastasiya wäre auch gerne nach Berlin gegangen. Dort hätte sie jedoch in einer Flüchtlingsunterkunft wohnen müssen, in der Haustiere nicht erlaubt sind. Amigo in ein Tierheim zu geben wäre für die Hundetrainerin keine Option gewesen, sagt sie, während sie sein Fell streichelt und auf sein rotes, mit Glitzersteinen verziertes Halsband schaut.

Helfer in der Not: Google Translate

Anastasiya betont oft, dass sie sehr viel Glück gehabt habe: Ihre Dokumente hatte sie bereits beantragt gehabt, da sie schon vor einiger Zeit vorhatte, zu reisen. Ihr erstes Ziel sollte sogar Polen sein – aber nicht aus diesem Grund und vor allem nicht auf diese Weise. „Das Schwierigste an der ‚Flucht‘ war der Entschluss es zu tun“, sagt sie.

Mit ihrer Gastfamilie versteht sie sich gut, man hilft ihr bei Behördenbriefen, der Sozialhilfe und anderen organisatorischen Dingen. Die Schwierigkeit: Sie kommuniziert mit ihren Gastgebern ausschließlich über Google Translate, da Anastasiya kein Deutsch spricht. Sie versteht schon einige Wörter und lernt mit einer App, für die Verständigung reicht das jedoch noch nicht.

Dies erschwert nicht nur das Arbeiten, sondern auch das Zusammenleben und Kennenlernen. Damit wird sie nach ihrer Ankunft in Hamburg direkt konfrontiert: Amigo braucht seine Tollwutimpfung, fünf Tage hat sie Zeit. Ohne Sprachkenntnisse ist das jedoch fast unmöglich. Anastasiya braucht dringend Unterstützung. Zum Glück kennt sie einen Freund, der ihr helfen kann und ihr einen Termin besorgt.

Trotzdem gefällt es ihr in Wentorf: Sie mag die kleine Stadt mit den kleinen Häusern und der Waldnähe. Viel kann sie jedoch nicht tun, während sie auf ihre Dokumente wartet. Meistens geht sie mit ihrem Hund spazieren, manchmal trainiert sie auch auf einem Agility-Spielplatz mit ihm. Außerdem trifft sie sich mit anderen Geflüchteten aus der Ukraine, die sie über Facebook kennengelernt hat.

Die Sache mit der Unsicherheit

Anastasiya weiß nicht, wie es für sie weitergeht. Sie hat nur noch wenig Angespartes und ist auf Sozialhilfe angewiesen. Zumindest die bekommt sie schon. Sie würde gerne in Deutschland als Hundetrainerin arbeiten. Aber sie spricht eben noch kein Deutsch und eine Aufenthaltsgenehmigung besitzt sie auch noch nicht.

Sie möchte wieder in die Ukraine zurückkehren, bezweifelt jedoch, dass dies bald möglich sein wird. Sie ist unsicher, was ihre Zukunft angeht. Unsicher, ob sie langfristig in Deutschland bleiben kann. Unsicher, ob sie, wenn sie zurückkehren könnte, wieder als Hundetrainerin würde arbeiten können. Sie vermutet: eher nicht. Erstmal würden wohl andere Berufe gefragt sein. Momentan heißt es für sie abwarten. „Für mich ist alles neu“, sagt sie, „manchmal fühle ich mich ziemlich allein.“

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