Während ihrer Flucht musste Olga Saritska vieles zurücklassen. Doch eines hat die ukrainische Journalistin auf ihrem Weg nach Hamburg nicht verloren: ihre Stimme.

Am liebsten hätte Olga einen Espresso mit Orangensaft, Karamell und Eis bestellt – so wie in der Ukraine. Weil es das im Hamburger Café Koppel in St. Georg nicht gibt, wählt sie einen Eiskaffee. Es ist einer der ersten warmen Tage in Hamburg.

Ihre dunkle Sonnenbrille hat sie ins Haar hoch geschoben. Einige ihrer türkisen Strähnen fallen heraus. Sie umrahmen Olgas blasses Gesicht. Die Ukrainerin trägt roten Lippenstift und einen zweifarbigen Lidstrich: in lila und türkis.

Für eine Woche lebte sie in einer U-Bahn-Station

Olga ist mit der Bahn angereist. Die Haltestelle liegt nur wenige Fußminuten von ihrem neuen Zuhause in Niendorf entfernt. In ihrer Heimatstadt Charkiw, nahe der russischen Grenze, war das anders.

Zur nächsten U-Bahn-Station waren es 15 Minuten zu Fuß. „Zehn, wenn du rennst“, ergänzt Olga. In dieser U-Bahn-Station lebte die ukrainische Journalistin sieben Tage lang.

Entschluss zur Flucht: „Natürlich hast du keinen Plan“

Ihre Gegend in der Ukraine wurde von der russischen Armee bombardiert. Die Druckwellen zerstörten die Fensterscheiben in ihrer Wohnung. Es war dort nicht mehr sicher. In der U-Bahn-Station fasste sie den Entschluss, vor dem Krieg zu fliehen. „Ich wollte flüchten, weil ich realisiert habe: Ich bin die Einzige aus meiner Familie, die es kann.“

Olga studiert Fremdsprachen. Sie spricht Ukrainisch, Russisch, Polnisch, Englisch und Deutsch, ihre Familie nur Ukrainisch und Russisch. Für sie sei eine Flucht deshalb nicht so einfach, meint Olga. Ihre Mutter arbeitet in einem Krankenhaus. Sie fühle sich verpflichtet, dort zu bleiben. Olga musste sie zurücklassen. „Sie ruft mich immer noch jede Nacht an.“

Einen genauen Plan für ihre Flucht hatte sie damals nicht. Spricht sie darüber, wechselt Olga von Deutsch auf Englisch. Letzteres fällt ihr leichter, besonders wenn sie über den Krieg redet.

Ukrainische Journalistin flüchtet nach Hamburg

Insgesamt drei Tage Flucht liegen hinter der 21-Jährigen: von Charkiw nach Lemberg, über Warschau bis Berlin. Dort kam sie Anfang März an. „Es war unmöglich, sich registrieren zu lassen, weil die Stadt überfüllt ist“, sagt sie.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine macht sich auch in Hamburg bemerkbar. FINK.HAMBURG hat dazu in der Serie „Ukraine in Hamburg“ Reportagen und Porträts von Betroffenen zusammengestellt. In der Schule und im Ballett, unterwegs mit einer geflüchteten Influencerin und einem Tennisprofi aus Kiew – FINK.HAMBURG zeigt unterschiedliche Herausforderungen und Perspektiven, die mit dem Krieg zusammenhängen.

Olga versuchte ihr Glück in Hamburg – mit Erfolg. Dort hatte sie sogar zwei Wohnangebote. „Es geht viel über Kontakte“, berichtet sie. „Ich hatte Glück, dass ich wählen konnte. Das ist sehr privilegiert.“ Sie kenne viele, bei denen das nicht so sei. Heute wohnt sie in einem WG-Zimmer in Niendorf. Die Wohnung teilt sie sich mit einem Paar.

„In diesem Punkt sind wir Ukrainer alle traumatisiert“

Vor kurzem hat sie den Mietvertrag unterschrieben. Trotzdem habe sie Angst, bald wieder gehen zu müssen. „In diesem Punkt sind wir Ukrainer alle traumatisiert. Russland ist unser Nachbar, der uns sagt: Es ist nicht okay, dass du da bist. Viele beziehen diese Situation mit unserem Land auch auf ihr privates Leben.“

Vor kurzem flüchtete auch ihr Vater nach Deutschland. Da er über 60 Jahre alt ist, ist er von der ukrainischen Wehrdienstpflicht ausgenommen. Ihr Vater ist in Erfurt in einem Migrationszentrum untergebracht. Er brachte ihr etwas mit – Olgas Heiligtum: ihre Kamera. Die passte damals nicht mehr in den Fluchtkoffer.

Arbeit als Journalistin geht in Hamburg weiter

Olga arbeitet als Fotografin, bietet Shootings an. Manchmal sitzt sie sechs Stunden am Laptop und bearbeitet Bilder. Das beruhige sie, sagt sie. Am liebsten fotografiert sie Personen. „Ich mag es, Geschichten mit Fotos zu erzählen.“

Ukrainische Journalistin hält sich ihre Kamera vor das Gesicht.
Die ukrainische Journalistin Olga Saritska liebt das Fotografieren. Foto: Anita Stall

Davon hat sie viele zu erzählen. Über einige berichtete sie im Newsletter und auf dem Instagram-Kanal der deutschen Politikjournalistin Elisabeth Kobliz. „Seit dem Beginn des Krieges schreibe ich als Freelancerin. Mir ist es wichtig, über die Situation in meiner Heimat zu schreiben und zu sprechen.“ Sie schildert die Lage der ukrainischen Männer, die im Land bleiben müssen. Sie berichtet über Frauen, die nach Deutschland flüchten und an der Bürokratie verzweifeln.

Auch in der Ukraine hat sie als Journalistin gearbeitet. „Ich habe über verschiedene Konzerte geschrieben, über Theaterpremieren und auch Fotografie.“ Sie ging auch auf Demonstrationen für queere Menschen und Frauenrechte.

Olga verbrachte ein Auslandssemester in Dänemark, studierte dort Regie. Das sei immer ein Traum von ihr gewesen. Sie drehte dort einen Dokumentarfilm über Fridays for Future und Black Friday. Der Punkt: Beide Ereignisse fallen auf den gleichen Tag, dabei könnten sie kaum kontrastreicher sein. „Die einen kämpfen für die Umwelt und die anderen sind bereit, alles zu kaufen.“

Außerdem arbeitete sie als Übersetzerin in der Pressestelle eines Filmfestivals. Zuletzt war sie in der Ukraine für Charkiw eins unterwegs und drehte Videos. Sie berichtete unter anderem über eine Demonstration gegen das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen in Polen.

Olga nutzt ihre Stimme

Auch hier in Deutschland besucht die ukrainische Journalistin Proteste und fordert Hilfe für ihr Land. Olga unterstützt geflüchtete Ukrainer*innen bei der Übersetzung, bürokratischen Fragen und bei der Organisation von Terminen.

Das sei ihr momentan wichtiger als ihr Fremdsprachen-Studium. Auch wenn die Teilnahme an Vorlesungen online möglich wäre, fällt es Olga schwer, sich darauf zu konzentrieren. „Es sterben Menschen, und ich muss eine Aufgabe machen?“ Sie setzt Prioritäten und hofft auf Verständnis bei ihren Dozent*innen.

„Es ist das Beste, was ich machen kann. Ich will so viel wie möglich Anderen helfen. Auch Informationen zu verbreiten, ist sehr wichtig. Deswegen schreibe ich, führe Interviews und bin auf Social Media aktiv. Das braucht Zeit.“ Am nächsten Tag will sie auf eine Demonstration zur Unterstützung der ukrainischen Pressefreiheit gehen. Ihr Aktivismus wird zum Lebensmittelpunkt.

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Rückkehr in die Ukraine: Geburtstag zwischen Bombenangriffen

„Ich habe noch Hoffnung. Die russische Armee kann nicht alles kontrollieren. Ich weiß, dass einige Leute dortgeblieben sind, wie meine Freunde.“ Sie kämpfen in Charkiw, Olga in Deutschland – auf ihre Art. Die junge Journalistin aus der Ukraine musste viele Opfer bringen: ihr Zuhause zurücklassen, die Familie, ihre große Liebe.

Mit ihrem Freund führt sie seitdem eine Fernbeziehung. Gemeinsam schauen sie Filme über Discord. „Es hilft mir und ihm.“ Doch die Sehnsucht ist groß. So groß, dass Olga vor kurzem in die Ukraine, in den Krieg, zurückgekehrt ist – wenn auch nur für eine Woche.

Dort verbrachte sie unter anderem Zeit mit ihrem Freund. „Ich habe entschieden: Das ist mein Geburtstagsgeschenk an mich.“ Sie spielten Spiele und schauten Serien, aßen Käsekuchen. Einen Espresso mit Orangensaft, Karamell und Eis gab es nicht – dafür sieben Explosionen.

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Anita Stall, Jahrgang 1999, ist zwar eines der Küken in der Redaktion, hat aber mit Bauernhof sonst eher wenig am Hut. Stattdessen ist sie mit ihrem Van „Möhrchen“ immer auf der Suche nach Menschen, die ein Gesicht ihres Onlinemagazins „Faces of earth“ werden. Sie interviewte dafür eine Dragqueen, schrieb über Weltraumschrott und will Nischenthemen und Randgruppen mit ihrem Magazin eine Plattform bieten – auch auf Social Media. Offline setzt sie sich ebenfalls für Freiheit und Gerechtigkeit ein. Freedom ist nicht nur auf Anitas Handgelenk tätowiert, sie hat bereits ein Hörspiel über den Christopher Street Day geschrieben und war auf einer Demo gegen Delphinfang. Dass sie die Wasserwelt liebt, zeigt sich schon im Namen ihres Heimatortes: Meerbusch. Nach ihrem Journalistik-Studium in Hannover wohnt Anita jetzt in Hamburg-Fischbek – manchen Dingen muss man einfach treu bleiben. Kürzel: ast