Eine Kerze an einem Stolperstein im Hamburger Grindelviertel
Eine Kerze an einem Stolperstein im Hamburger Grindelviertel, Foto: Ole-Jonathan Gömmel

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 84. Mal. Im Grindelviertel leuchten am Mittwoch Kerzen an den Stolpersteinen und erinnern an die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes an jüdischen Menschen.

Am Mittwochabend erleuchten wieder Laternen die zahlreichen Stolpersteine im Hamburger Grindelviertel. Die Anwohner*innen erinnern mit den Lichtern an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938. Zudem findet eine Lesung über Held*innen-Geschichten aus dem jüdischen Widerstand statt.

Die jüdische Gemeinde in Hamburg umfasste vor der Machtergreifung des NS-Regimes rund 20.000 Mitglieder. Das Grindelviertel habe sich um 1900 zum Zentrum jüdischen Lebens in Hamburg entwickelt, sagt Hendrik Althoff, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden. “Die große Dichte an jüdischer Bevölkerung, Geschäften, religiösen und kulturellen Institutionen machte das Viertel im Novemberpogrom zum Ziel der Verwüstung. Für die Verfolgung und Deportation der jüdischen Bevölkerung blieb es auch danach ein zentraler Schauplatz.”

Heute erinnern 6386 Stolpersteine im gesamten Hamburger Stadtgebiet an die Deportationen jüdischer Hamburger*innen. Die goldenen Stolpersteine des Künstlers Gunter Demming werden seit 1995 europaweit vor den ehemaligen Häusern jüdischer Bewohner*innen eingelassen.

Auch in anderen Vierteln wie Altona oder dem Schanzenviertel werden am Mittwochabend Laternen an die Pogrome vom November 1938 erinnern.

Lesung jüdischer Helden-Geschichten

Im Rahmen des Erinnerns an die Reichpogromnacht veranstaltet die jüdische Gemeinde eine Lesung. Achim Doerfer, selbst Nachkomme von Überlebenden der Shoah, liest aus seinem Buch “Irgendjemand musste die Täter ja bestrafen”. Doerfer befasst sich in seinem Buch mit dem eigenen Wunsch nach Vergeltung und erzählt Held*innen-Geschichten aus dem jüdischen Widerstand. Die Lesung findet am Mittwochabend von 18 bis 20 Uhr in der Zentralbibliothek der Bücherhallen statt.

Politiker putzen Stolpersteine

Hamburger Politiker*innen erinnerten bereits an die Novemberpogrome: Am Montagabend trafen sich Vertreter*innen der Hamburger Bürgerschaft von SPD, CDU, Bündnis 90 die Grünen und der Linken, um die Stolpersteine zu putzen, die vor dem Rathaus an die Deportation jüdischer Politiker*innen aus Hamburg erinnern.

“Unsere Fraktionen mögen für unterschiedliche, mitunter widerstreitende politische Ideen innerhalb des demokratischen Meinungsspektrums stehen – gegen Gewalt und Unterdrückung, gegen Rassismus und menschenfeindliche Ideologien und für den Schutz der Demokratie stehen wir hingegen geeint als Demokratinnen und Demokraten”, sagte Michael Gwosdz von den Grünen.

Die Stolpersteine seien “eine Mahnung an das unsagbare Leid, welches die Nationalsozialisten Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt angetan haben”, so Dennis Thering (CDU).

Reichspogromnacht: Gewalt durch das NS-Regime

In den Nächten um den 9. November 1938 fanden in ganz Deutschland antijüdische Pogrome statt. Um die 1400 Synagogen sowie jüdische Friedhöfe, Geschäfte und Wohnhäuser wurden vom nationalsozialistischen Regime zerstört.

Für den Historiker Prof. Dr. Hering von der Universität Hamburg waren die Novemberpogrome ein zentrales Ereignis, ein “Warnsignal für noch im Deutschen Reich lebende Jüdinnen und Juden.” In der Reichprogramnacht wurde die besondere Gewaltbereitschaft des NS-Regimes deutlich. Der 9. November gelte als Beginn der massenhaften Enteignungen “nichtarischen” Eigentums und Firmen, so Hering.

ape/dpa

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Anton Peter, Jahrgang 1994, baute in der achten Klasse gemeinsam mit seinem Vater einen Pizzaofen. Heute isst er aber lieber Ravioli Al Ragu, nach dem handgeschriebenen Rezept seiner Großmutter. Als Schüler trainierte er in Hannover jahrelang Jugendliche im Fußballspielen. Er selbst hofft darauf, sich auf St. Pauli noch als Spieler in die erste Mannschaft hocharbeiten zu können. Bislang kam er allerdings nicht dazu, den Mitgliedsantrag auszufüllen. In Witten studierte Anton Philosophie, Politik und Ökonomik. Nebenbei baute er für das Beratungsportal Krisenchat für Jugendliche in Problemlagen einen Tiktok-Kanal auf. Derzeit hilft er einem Freund aus Äthiopien von dort importierten Wildkaffee auf den deutschen Markt zu bringen. Kürzel: ape