In Hamburg rücken in den Morgenstunden Kommandos der Sturmabteilung (SA) aus. Sie demolieren jüdische Geschäfte und verüben Brandanschläge auf  Synagogen. Jüd:innen dürfen fortan keine Waffen mehr besitzen.

Die Ereignisse des 7. November 1938 führen in den folgenden Tagen in ganz Deutschland zu Gewalttaten. Wohnungen und Geschäfte jüdischer Menschen werden geplündert und zerstört, Synagogen niedergebrannt.

Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten nennt man Pogrom.

Am 10. November halten die Angriffe auf Jüd:innen weiter an. In Hamburg rücken in den Morgenstunden Kommandos der Sturmabteilung (SA) aus. Sie demolieren und beschmieren Geschäfte sowie jüdische Einrichtungen. Auf mindestens fünf Hamburger Synagogen werden Brandanschläge verübt.

Pogrom: Festnahme männlicher Juden

Jüd:innen wird nun der Besitz von Waffen jeder Art verboten. Verstöße werden mit Haft und Konzentrationslager bestraft. Im Rahmen der Ausschreitungen erhält die Polizei den Befehl, vor allem wohlhabende, männliche Juden festzunehmen und in Konzentrationslager zu deportieren.

Vor und nach der Progromnacht

Jedes Jahr gedenken Menschen den Opfern der Reichspogromnacht, also jener Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als Synagogen und jüdische Geschäfte überall in Deutschland angegriffen wurden. Was passierte in den Tagen davor und danach? Ein Überblick zur historischen Nachrichtenlage.

In Hamburg werden zahlreiche Juden festgenommen und verhört, bevor die Nationalsozialisten sie in die Konzentrationslager Fuhlsbüttel oder Sachsenhausen deportieren. Der jüdische Musiker und Klavierlehrer Martin Cobliner kommt ums Leben, als er sich angesichts der ihm drohenden Verhaftung aus dem Fenster seiner Wohnung stürzt.

In einem Brief an seinen Sohn schildert der Überlebende Edgar Eichholz einige Monate später die Ereignisse in Hamburg. Er wird im Zuge der Pogrome verhaftet und im sogenannten Polizeigefängnis Fuhlsbüttel festgehalten. Dort werden er und bis zu 90 weitere Männer über mehrere Wochen hinweg misshandelt.

Klare Anweisungen an Polizei und Presse

In der Nacht vom 10. November erhalten Polizeistellen in Deutschland Anweisungen zum Umgang mit den Ausschreitungen gegen jüdische Menschen: Brandstiftung ist dann erlaubt, wenn umliegende Gebäude dadurch nicht gefährdet sind, Plünderungen verboten. Die Feuerwehr soll sicherstellen, dass gelegte Feuer nicht auf „deutsche Geschäfte“ übergehen.

Das Propagandaministerium weist die Presse an, Berichte über die Ereignisse stark zu vereinfachen: So sollen sich Synagogen beispielsweise selbst entzündet haben. Schlagzeilen auf der Titelseite und Bilder in der Berichterstattung sind untersagt.

Brandanschläge in der ganzen Stadt

Während es in einigen Teilen Deutschlands bereits seit dem 7. November zu Ausschreitungen kommt, bleibt es in Hamburg bis zum 10. November vergleichsweise ruhig. Die Anschläge auf jüdische Geschäfte und Gotteshäuser erreichen in der Hansestadt im Laufe des 10. Novembers ihren Höhepunkt.

Wie viele jüdische Gotteshäuser während des Pogroms in Hamburg zerstört wurden, ist nicht sichergestellt. Von Anschlägen betroffen waren die Hamburger Hauptsynagoge am Bornplatz, die Neue Dammtor Synagoge, die Synagoge des Tempelverbandes, die Alte und Neue Klaus und die Harburger Synagoge.

In Harburg wird am Abend die Leichenhalle der Synagogengemeinde Harburg-Wilhelmsburg niedergebrannt und auf die Harburger Synagoge werden Brandanschläge verübt.

Neben Synagogen und privaten Wohnungen sind vor allem Geschäfte Ziel der Angreifer:innen. Am Neuen Wall werden beispielsweise Schaufenster und Auslagen der jüdischen Geschäfte Gebr. Hirschfeld, Gebr. Robinsohn und W. Campbell & Co. zerstört.

Das Ende, das keines war

Am Abend gibt der Rundfunk schließlich bekannt, dass „die Aktion“ beendet sei. Dennoch kommt es auch in den darauffolgenden Tagen immer wieder zu Übergriffen und erneuten Brandanschlägen durch die Nationalsozialisten.

Viele Jüd:innen in Hamburg sind weiterhin Angriffen und Demütigungen ausgesetzt. Wer kann, verlässt Deutschland spätestens nach diesen Ereignissen. Denen, die zurückbleiben, drohen Gewalt, Inhaftierung und Konzentrationslager.

Illustration: Elisabeth Birkner

Quellen:

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Dänisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch – so vielfältig wie ihr Sprachrepertoire ist auch das Leben von Chantal Seiter. 1995 in Mamou, Guinea, geboren, ging es nach zwei Jahren in das Heimatland ihres Vaters: Deutschland. Aufgewachsen in Kiel und Sønderborg (Dänemark) wurde sie zu einem echten Nordlicht. Nach ihrem Bachelor in Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation an der FH Kiel arbeitete Chantal in einer Osnabrücker Kreativagentur. In der NGO „Letzte Werbung“ setzt sie sich dafür ein, dass weniger Reklame in unseren Briefkästen landet. Obwohl sie ein Apple-Nerd ist, isst Chantal lieber Pommes und Popcorn als Obst. Stillstand kann sie nicht leiden, dafür mag sie Dinge, die sich ständig weiterentwickeln: Architektur, Design und Mode. Kürzel: car

4 KOMMENTARE

  1. […] Erst in der Nacht und den frühen Morgenstunden des 10. November gibt es deutliche Übergriffe auf Jüd:innen. Angeführt von der SA ziehen kleine Gruppen durch die Stadt, schlagen Schaufenster ein und verwüsten zahlreiche Geschäfte. Die Gestapo lässt mitten in der Nacht noch die ersten Jüd:innen verhaften. Doch ihre volle Brutalität entfalten die Novemberpogrome in Hamburg erst am 10. November 1938. […]

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