Der Alltag von Menschen in Pflegeheimen ist von Routinen geprägt. Wenn Harald Mummpitz und Amalia mit ihren roten Plastikbällen auf der Nase zu Besuch kommen, ist alles anders. Ein Tag mit den Senioren-Clowns.
Ein Mann sitzt im Rollstuhl, sein linker Fuß ist amputiert. Sein Haar ist grau, der Pullover kariert. Vor ihm ein kleiner Holztisch mit weißer Tischdecke, darauf ein Stapel mit Zeitschriften, eine schwarze Lesebrille, ein Apfel und ein Glas Wasser. Auch ein Fernseher steht auf dem Tisch. Gerade läuft Werbung. An den Wänden hängen kleine Bilder, die Landschaften und Gewässer zeigen. Es ist ein Dienstagnachmittag in Billstedt.
Harald und Amalia betreten den Raum. „Magst du Segelschiffe?“, fragt Harald. Der Mann im Rollstuhl nickt. Harald zückt seine rote Ukulele. Er setzt sich zu dem Mann an den Tisch und stimmt die erste Strophe des plattdeutschen Volksliedes „Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn“ an. Den Text kann er auswendig. Amalia ist nicht so textsicher wie Harald, tanzt dafür aber im Raum umher. Der Mann im Rollstuhl klatscht begeistert.
„Das ist Herzensarbeit“
Harald Mummpitz ist von Beruf Clown. Sein bürgerlicher Name lautet Martin Schneider-Schall. An seiner Seite ist Franziska Heuschkel, die als Clownin Amalia genannt wird. Die beiden sind an diesem Tag in einem Pflegeheim zu Gast – dem Domicil in Billstedt. Auf ihren Nasen sitzen rote Platikbälle und sie tragen pluderige Klamotten. Schneider-Schall ist schon seit 16 Jahren bei den Klinik Clowns Hamburg tätig. Als sogenannter Senioren-Clown besucht er auch demenzkranke Menschen, die in Pflegeinrichtungen leben.

„Das ist Herzensarbeit“, sagt der 71-Jährige. Er habe seine demente Mutter begleitet. Nach ihrem Tod möchte er nun anderen Menschen mit der Krankheit helfen. Bei seiner Arbeit geht es nicht nur darum, Witze zu erzählen. Er hört den Senior*innen zu. Er sucht einen Zugang zu den Menschen – durch Gespräche oder indem er Lieder anstimmt.
„Das, was wir machen, sieht einfach aus, aber es steckt viel Arbeit dahinter“, sagt Heuschkel. Die 36-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren im Team der Klinik Clowns Hamburg und darüber hinaus mit einer Zirkusshow selbständig.
Den Verein Klinik Clowns Hamburg e.V. gibt es seit 2002. Zum Team gehören insgesamt 17 professionelle Clown*innen, wovon einige für Senior*innen und andere für Kinder eingesetzt werden. Zu den Spielorten gehören Pflegeheime, Rehakliniken sowie Kinderkrankenhäuser und -stationen. Auch Demenz-WGs besuchen die Clown*innen. Der Verein finanziert sich hauptsächlich durch Spenden, wobei einige Einrichtungen auch ein Budget zur Verfügung stellen.
Musik hilft Menschen mit Demenz
Heuschkel und Schneider-Schall sind jeweils dreimal die Woche im Einsatz. Heuschkel spielt vorrangig in Kinderkrankenhäusern. Bei Kindern arbeitet sie mehr mit Requisiten, erklärt sie. Senior*innen sind langsamer und man muss ihnen ruhiger begegnen. Dabei kommt es auch oft auf die Tagesform der Bewohner*innen an. „Es ist wichtig, direkt wahrzunehmen, wie die Stimmung der Person ist und immer sensibel zu reagieren“, sagt Heuschkel.
Heute ist sie in Billstedt eingesprungen. Sie hat eine blaue Umhängetasche dabei, die aussieht wie ein altes Telefon. Die Wählscheibe ist drehbar und aus dem Hörer klingt leise Musik. „Lieder lösen ganz viel bei alten Menschen aus“, sagt Heuschkel, die die Telefonhandtasche selbst gebastelt hat. „Wenn wir in den Raum kommen, dann hängen manchmal alle zusammengesunken auf den Stühlen. Wenn wir dann mit einem Lied loslegen, richten sie sich auf und lächeln“, sagt Schneider-Schall.

Dass Musik die Stimmung bei Menschen mit Demenzerkrankung verbessern und sogar die kognitiven Fähigkeiten stabilisieren kann, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2015, die im Journal of Alzheimer Research veröffentlicht wurde. Zehn Wochen lang wurde Senior*innen Musik vorgespielt und gemeinsam gesungen. Neurologische Tests begleiteten die Maßnahmen. Ein Ergebnis war, dass sich bei Menschen mit leichter Demenz depressive Verstimmungen verringerten.
Die Frauen schmettern textsicher Zeile für Zeile. Sie klatschen und jubeln.
Im Pflegeheim Domicil sitzen vier Frauen an einem großen Tisch. Tassen, Teller und Besteck für Kaffee und Kuchen liegen bereit. Drei Damen sitzen im Rollstuhl, eine Frau auf einem Stuhl, daneben ihr Rollator. Sie blicken Harald und Amalia skeptisch entgegen. Dann stellt Harald die alles entscheidende Frage: „Mögt ihr Plattdeutsch?“ „Ja!“, rufen die Frauen im Chor.
Der Clown hat ein blaues Liederbuch dabei. Er zückt seine rote Ukulele und stimmt ein Lied an. Die Frauen schmettern textsicher Zeile für Zeile. Sie klatschen und jubeln. „Kommt ihr bald mal wieder?“, fragt die Dame im roten Pullover. Harald und Amalia nicken.

Mehr Lebensqualität im Pflegeheim
Clown*innen haben einen positiven Effekt auf Senior*innen in Langzeitpflegeeinrichtungen, so das Ergebnis der Studie „Clownsinterventionen in Altenhilfeeinrichtungen – soziale Hilfestellung unter Berücksichtigung emotionaler Wesensaspekte“ (Cashew) der Technischen Hochschule Deggendorf aus dem Jahre 2023. Bewohner*innen gewinnen an Lebensqualität und Autonomie durch die Besuche der Clown*innen, heißt es dort. Clown*innen würden als „menschliche Stimmungsaufheller*innen“ den Senior*innen auf Augenhöhe begegnen, sie würden Tabus entkräften und eine Abwechslung zum Heimalltag bieten, resümieren die Autor*innen der Studie.
Auch zeigt die Cashew-Studie, dass sich die Senior*innen beim Besuch der Darsteller*innen körperlich entspannen und das Gefühl haben, wertgeschätzt zu werden. „Was ich am schönsten finde, ist das Gefühl von Befreiung bei manchen“, sagt Clownin Heuschkel.

Um als Clown*in in einer Einrichtung mit Patient*innen oder Bewohner*innen zu arbeiten, ist eine Ausbildung erforderlich. Die Arbeit der Klinik Clowns Hamburg ist kein Ehrenamt. Der Verein bietet auch Weiterbildungsprogramme an. Klinikclown*innen, die ebenfalls mit Senior*innen arbeiten wollen, benötigen eine zusätzliche Schulung.
Nicht nur für Senior*innen ist der Besuch eine Bereicherung. Auch das Pflegepersonal profitiert davon. In der Pflegekräftebefragung des Instituts für Demoskopie Allensbach geben 85 Prozent der Pflegekräfte an, dass die Besuche ihre eigene Arbeit erleichtert. Die Befragung wurde in Domicil-Pflegeheimen durchgeführt, die von Clown*innen der Klinik Clowns Hamburg besucht wurden. Das Personal bestätigt, dass Senior*innen positiv auf die Clown*innen reagieren und sich vor allem durch Lieder und Musik animieren lassen.
Auch Ablehnung gehört dazu
„Die älteste Frau, die ich besucht habe, war 105 Jahre alt“, sagt Schneider-Schall. Er arbeitet seit acht Jahren regelmäßig in Billstedt. Als Harald betritt er nun ein weiteres Zimmer. Für ihn und Amalia gibt es keinen festen Spielplan. Die Besuche sind meistens improvisiert. „Heute keine Musik“, sagt die Bewohnerin des Zimmers. Sie ist 98 Jahre alt und bettlägerig. Dass es Harald ist, der an ihrem Bett steht, erkennt sie.

Die Frau freut sich über den Besuch, gibt aber schnell zu verstehen, dass es ihr heute nicht so gut geht. „Schönen Tag, haltet euch stramm!“, sagt sie mit einem Lächeln. Harald und Amalia verlassen das Zimmer. Für sie gehört es dazu, auch mal nicht erwünscht zu sein.
Sarah Tietz, geboren 2001 in Langenhagen, hat ein bisschen Höhenangst, wäre für die "Hannoversche Allgemeine" aber trotzdem fast einmal mit einem Heißluftballon gefahren. In Köln studierte sie Online-Redaktion und lernte dort, Social-Media-Content zu produzieren und zu programmieren. Für die "HAZ" hat Sarah als freie Mitarbeiterin seitdem unter anderem eine Selbstbedienungs-Hundewaschanlage besucht und ganz investigativ die Clubs der Landeshauptstadt getestet. Die nächste
Angst, der sie sich für FINK stellen will, ist die vor dem Telefonieren. Kürzel: tiz







