Möblierte Wohnungen sind praktisch für Leute, die kurz in Hamburg wohnen. Doch einige zahlen dauerhaft die teuren Mieten, weil sie nichts anderes finden. Wir durften ihre Mietverträge sehen. Der Mieterverein hat da einiges zu beanstanden.
An der Wand ihrer Wohnung lehnen drei Bilder. Pari M.* arbeitet als Tattoo-Artist. Zu Hause malt die 36-Jährige auf Leinwände. Aufhängen darf sie ihre Bilder aber nicht. Nägel in die Wände zu schlagen, ist laut Mietvertrag nicht erlaubt.
Dazu hat Rolf Bosse, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, eine klare Meinung: „Es handelt sich hier nicht um eine Ferienwohnung, wo ganz klar ist, dass ich keinen Nagel in die Wand schlage”, sagt Bosse. Bei einem unbefristeten Mietverhältnis wie bei Pari M. stehe fest: Nägel in die Wände zu schlagen, kann nicht verboten werden. Dem Experten für Mietrecht liegt ein Mietvertrag aus dem Wohnkomplex vor.
Umzug nach nur 4 Monaten
Seit Januar 2026 wohnt die alleinerziehende Mutter bei Urban Base Hamburg im Münzviertel. Das Unternehmen verspricht Wohnen wie im Hotel. Man kann die Räume ohne Bewerbungsverfahren und ohne Besichtigung online buchen. Im neuen Zuhause erwarten einen Möbel und heftige Quadratmeterpreise. Die aktuellen Angebote starten bei 25 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter.
Im Hausflur riecht es nach Waschmittel. Durch das geöffnete Fenster in ihrer Wohnung hört Pari M. Autos vorbeirauschen. Sie blickt auf die Gleise, die vom Hauptbahnhof nach Süden führen. Vorher wohnte Pari M. bei ihrer Mutter, aber das war nur eine Notlösung. Dann kam sie zu Urban Base, obwohl die Miete ihr zu teuer war. Jetzt zieht Pari M. nach vier Monaten wieder aus, sie hat eine günstigere Wohnung gefunden – die liegt allerdings außerhalb von Hamburg.
24 Euro pro Quadratmeter
Daniel I.* wohnt schon seit 2022 bei Urban Base auf 41 Quadratmetern. Vor seinem Sofa stehen ein Wäscheständer, ein Keyboard und ein Rudergerät. Im Durchgang zum Badezimmer klemmt eine Klimmzugstange.
Die Fotos auf seiner Kommode hätten Bekannte dagelassen. Die fanden es in seiner Wohnung zu kahl. Die Plastikstühle am Esstisch, die zur Möblierung der Wohnung gehören, sehen aus wie im Low-Budget-Hostel. Pro Quadratmeter zahlt Daniel I. rund 24 Euro Kaltmiete. Ortsüblich wären rund 15 Euro.
Daniel I. arbeitet als Business Analyst. Durch seinen Job könne er sich die Miete leisten, sagt er. „Aber es ist fucking teuer, da musst du schon eine Menge Geld verdienen, damit du dir das leisten kannst”, so der 40-Jährige. Die Wohnung war seine erste in Hamburg. „Es ist vermutlich auch die letzte, so wie die Mietpreise sich entwickelt haben”, sagt er.
Ein entscheidendes Detail fehlt im Mietvertrag
Grundsätzlich gilt die Mietpreisbremse bei Urban Base Hamburg nicht. Der Neubau ist von 2022 und daher von der Deckelung ausgenommen. Damit die Ausnahme gilt, gebe es eine Voraussetzung, sagt Rechtsanwalt Bosse vom Mieterverein zu Hamburg. Im Mietvertrag müsse klargestellt werden, dass die Mietpreisbremse nicht gilt. Im Mietvertrag von Daniel I. findet sich dazu kein Hinweis.
Bosse rechnet vor, dass Daniel I. beim Einzug vor vier Jahren rund vier Euro fünfzig pro Quadratmeter pro Monat zu viel gezahlt haben könnte, selbst wenn man einen Aufschlag für die Möbel hinzurechnet. Seitdem ist die Miete jedes Jahr gestiegen. Mieter*innen können sich die Miete rückwirkend zurückholen, wenn der Mietvertrag nicht länger als 30 Monate läuft, so der Rechtsexperte.
Union Investment sieht das anders. Die Mietpreisbremse gelte nicht. Der „Großteil der Wohnungen” habe trotzdem eine Miete, „die im Rahmen des Mietenspiegels liegt”, schreibt eine Sprecherin auf Anfrage von FINK.HAMBURG. Sollten sich aber „Anpassungsbedarfe” ergeben, werde man diese prüfen.
Nebenkostenpauschalen „ein Scam”, sagt Mieter
Yassir Hassan fühlt sich, als werde er betrogen. „It’s kind of like a scam”, sagt der 36-Jährige. Er spricht wie viele im Wohnhaus besser Englisch als Deutsch. Er ist Software Engineer, läuft barfuß durch die Wohnung, trägt den ganzen Tag Sonnenbrille. Er hat nur drei Paar Schuhe. Die schicke Olivenölflasche, die ihm mal geschenkt wurde, hält er für Schnickschnack.
Wie alle Mieter*innen von Urban Base zahlt Hassan für Wärme und Wasser nicht nach Verbrauch, sondern als Pauschale. Rolf Bosse hält das für rechtswidrig. „Das widerspricht der Heizkostenverordnung, wonach Heiz- und Warmwasserkosten anteilig verbrauchsabhängig abzurechnen sind”, sagt er.
Jetzt soll Hassan 780 Euro Stromkosten an Urban Base nachzahlen. Laut Mieterverein hat Hassan aus formeller Sicht keinen Stromvertrag mit Urban Base, der eine Rechnung rechtfertigen würde. Im Mietvertrag steht, dass sich alle Mieter*innen um einen eigenen Stromanbieter kümmern müssen. Da jedoch keine separaten Stromzähler installiert wurden, ist das gar nicht möglich.
So werden die Stromkosten nicht nach individuellem Verbrauch abgerechnet. Stattdessen wird der Verbrauch des gesamten Hauses anteilig auf alle Wohnungen umgelegt. Auch das ist laut Mieterverein nicht rechtmäßig. Hassan weigerte sich, die Rechnung zu bezahlen, nun bekommt er Mahnungen.
Erstaunlich groß für „Mikro-Apartments”
Darauf angesprochen, wiegelt Union Investment ab. Die Nebenkostenpauschalen seien marktübliche Praxis. Die Begleichung der Stromkosten erfolgt in „unkomplizierter Abrechnung”. So wünsche es die Zielgruppe. Die Quadratmeterpreise würden den besonderen Service widerspiegeln.
Union Investment schreibt, es handle sich nicht um „klassischen Wohnraum”. Es seien Mikro-Apartments, die sich vor allem an Menschen richteten, die nur vorübergehend in Hamburg leben. Sie nennen es „Wohnen auf Zeit”. Im Widerspruch dazu haben die Mietverträge eine Mindestlaufzeit von sechs Monaten, sind unbefristet gültig und keine Wohnung ist kleiner als 40 Quadratmeter.
Man könne alles anbieten „und es wird genommen”
Wenn Hassan es sich aussuchen könnte, dann würde er in einer anderen Wohnung wohnen. Er war mehrere Monate auf der Suche. Er vermutet, dass er keine andere Wohnung gefunden hat, weil sein Nachname nicht typisch deutsch klingt. Gegen Mitbewerber*innen konnte er sich nicht durchsetzen, bekam oft nicht mal eine Antwort auf seine Anfragen.
Bosse vom Mieterverein hält das für plausibel. „Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt können wir leider bestätigen”, sagt er. „Der Wohnungsmarkt ist so, dass man für jede Preisklasse was anbieten kann und es wird genommen.” Möbliertes Wohnen hält Bosse in der Regel für keine Bereicherung des Mietmarkts, im Gegenteil. „Es geht meiner Meinung nach bei diesen ganzen Angeboten darum, eine Wohnung möglichst teuer auf den Markt zu bringen.” Und wer nichts Besseres findet, muss annehmen.
* Der Name ist der Redaktion bekannt.
Wer eine Leseempfehlung braucht, fragt am besten Jasper Vormschlag. Er interessiert sich für Fantasy-Bücher und “alles mit Spannung”. Seine Lieblingsbücher bespricht er auf Instagram und setzt sich kritisch mit Trends in der Branche auseinander, Beispiel KI auf Covern. 2003 in Schwanewede geboren, hat er an der HAW Hamburg Medien und Kommunikation im Bachelor studiert. Er bringt viel Expertise im Social Media Bereich mit und hat etwa für die Grünen Hamburg den TikTok-Kanal mit aufgebaut oder für die Regionalbahn Metronom Posts erstellt. Bei der Mopo arbeitete Jasper in der Redaktion mit. Trotz Fantasy-Leidenschaft möchte er nicht in einer Dystopie leben – und verzichtet daher bewusst auf Autofahren und lebt vegan. Kürzel: jas







