SPD
Foto: Kay Nietfeld/dpa

Bei der Bundestagswahl haben knapp 60 Prozent der Wähler für konservative und eine rechtsextreme Partei gestimmt. Für viele Linke ist das ein Schock und kaum zu verstehen. Doch es gibt einen Grund. Ein Denkzettel.

18 Uhr, Sonntagabend. Der Bundestagswahl-Countdown ist abgelaufen, jetzt kommen die ersten Prognosen: CDU 33 Prozent, SPD verliert deutlich an Zustimmung, FDP zehn Prozent, Linke und Grüne neun Prozent und – bäm – AfD 13,5 Prozent. Kopfschütteln, bestürzte Blicke. Die Ergebnisse kommen nicht unerwartet, entsprechen im Großen und Ganzen den Umfragen vor der Wahl und dennoch fühlt es sich an wie ein deftige Niederlage. Denn das eigene Umfeld hatte Hoffnung keimen lassen, soziale und linke Überzeugungen seien weiter verbreitet.

Die Idee von der sogenannten Filterblase ist nichts Neues. Der Begriff wirkt mittlerweile schon abgedroschen. Und doch macht das Ergebnis der Bundestagswahl mit neuer Vehemenz klar: Dinge, die man in seinem Umfeld und seiner Gedankenwelt für selbstverständlich hält, finden bei anderen schlicht nicht statt oder waren nicht ausschlaggebend bei der Wahlentscheidung.

Für mich war beispielsweise Die Linke sehr klar und überzeugend in ihrem Auftritt und sehr konkret in ihren Forderungen: Mindestlohn von 12 Euro, Ende der Leiharbeit, Keine Befristung von Arbeitsverträgen ohne Begründung, keine befristeten Anschlussverträge, fünf Prozent Vermögenssteuer ab der zweiten Million, Abzug der Bundeswehr aus allen Einsätzen, Stopp von Waffenexporten. Man kann über all diese Punkte streiten, aber immerhin hat die Partei sie ganz klar in Wahlwerbespots und auf Plakaten formuliert – dachte ich.

Aus den Wolken gefallen

Konfrontiert mit dem deutlichen Erfolg der FDP und einer Person aus meinem persönlichen, aber nicht täglichen Umfeld, wurde mir dann klar, dass das Team um Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch damit nur verhältnismäßig wenige Menschen erreicht hat. In einer Debatte in einem WhatsApp-Chat beschwerte ich mich über die mehr als zehn Prozent für die FDP. Und das, obwohl die Partei aus meiner Sicht im Wahlkampf nie Inhalte geliefert hatte. Genauer gesagt: Ich sie nicht mitbekommen habe, obwohl ich mir mehrfach den Spot der FDP auf YouTube mit Freunden angesehen hatte.

Die FDP-Anhänger in meinem Bekanntenkreis fragten, wo denn die Inhalte der Linken gewesen seien. Die FDP habe auf Facebook ausführlich ihre Positionen und Programmpunkte dargestellt. Mir war vorher klar, mit wem ich da kommunizierte. Seit Jahren diskutieren wir immer wieder ausführlich über Politik. Ich wusste, mit welchen Parteien meine Gesprächspartner sympathisierten. Und doch war es überraschend, wie stark jeder in seiner eigenen Wahrheit lebt.

Was tun nach der Wahl?

In den Stunden nach der Wahl diskutierten Politiker, Experten und besonders Bürger überall, wie man denn jetzt mit der AfD umzugehen habe. Ich hätte gestern Abend gern mit einem oder mehreren AfD-Wählern gesprochen und sie gefragt, warum sie ihre Stimme denn ausgerechnet dieser Partei gegeben haben. Genauso wie es vor der Wahl ratsam gewesen wäre, mehr mit FDP- und CDU-Wählern zu sprechen.

Sich mit Menschen zu umgeben, deren Ansichten man teilt, mit denen man sich wohl fühlt, ist normal. Man wird Andersdenkende jedoch nicht überzeugen, indem man fortwährend unter Gleichgesinnten seine Parolen kundtut. Wer seine Meinung verbreiten und andere für seine Ideen gewinnen will, muss sich unangenehmen Diskussionen stellen. Wer vom Ende nationalistischen und faschistoiden Denkens träumt, wird, so schwer es fällt, in den nächsten Jahren mit Rassisten reden müssen.

Ich nehme mir das nicht zum ersten Mal vor. Aber dieses Mal führt einfach kein Weg mehr daran vorbei, falls es einem nicht egal ist.

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Joachim Plingen, Jahrgang 1990, hat schon einmal in „Carmen“ an der Düsseldorfer Oper gesungen – im Chor. Später studierte er an der Sporthochschule Köln Sportmanagement. Nach dem Bachelor arbeitete er in Leipzig beim Radiosender Detektor.fm. In Quebec jobbte er als Kellner und als Sprachlehrer, um damit eine Motorradtour durch Vietnam zu finanzieren. Der gebürtige Bonner wohnt in St. Georg, spielt Schlagzeug und legt Platten auf. Auf eine bestimmte Musikrichtung möchte er sich dabei nicht beschränken, nur Schlager, Black Metal, Trash-Pop und Dubstep mag er nicht. Joachim spielt Fußball, zuletzt bei Blau-Weiß Leipzig, und ist Fan von Bayer Leverkusen. Manchmal steht er auch als Schauspieler für Kurzfilme vor der Kamera.