Einer der Heimatfilme aus Somalia: "Hochmut und Grab". Foto: Screenshot via Youtube

Geflüchtete untertiteln Filme aus ihrer Heimat in deutscher Sprache. Beim Filmfest Hamburg findet das Projekt eine große Bühne. Wir haben mit Lul aus Somalia, Walat aus Syrien und Jeannette aus Deutschland gesprochen.

Die Heimatfilme laufen im Rahmen des Filmfest Hamburg vom 06.-14.10.2017 in der Fabrique im Gängeviertel.

Ab 21 Uhr gibt es dazu Essen und Musik. Eintritt auf Spendenbasis.

Es sind Asylsuchende, Eingewanderte und deutsche Muttersprachler, die sich in der Embassy of Hope kennengelernt haben, einem Begegnungsort für Geflüchtete und Helfer im Thalia in der Gaußstraße in Altona.  Mit dem Projekt Heimatfilme bemühen sie sich zusammen um einen kulturellen Austausch. „Wir möchten etwas über die deutsche Kultur lernen und auch, dass Deutsche etwas über unsere Kultur lernen“, sagt Lul, die daran mitgearbeitet hat. Das findet auch Walat und fügt hinzu: „Durch das Untertiteln lernen wir auch die deutsche Sprache oder können uns noch verbessern“.

Dabei gehe es jedoch nicht nur um Sprachkenntnisse sondern auch um Integration, die oft zu einseitig verstanden werde. „Viele denken ja oft, die Leute aus dem Ausland kommen und werden immer deutscher. Integration kann aber bedeuten, dass jemand vielleicht ein Kopftuch trägt, aber niemanden verurteilt, weil er ein Bier trinkt. Durch Projekte wie Heimatfilme können wir wirklich alle voneinander etwas lernen und sagen: Auch so ist es schön“, erklärt Jeannette.

 „Boulette und Kartoffelsalat – alles halal!“

Nach den Vorstellungen gibt es immer auch selbstgekochtes Essen aus den Ländern und Bands spielen. Auch das sei für den kulturellen Austausch wichtig und habe im Laufe des Filmfests immer mehr Besucher angezogen. „Beim somalischen Abend habe ich das Essen gemacht“, sagt Lul stolz: „Mit fünf Leute war das eigentlich schnell gemacht.“ Jeannette ergänzt lachend: „Am deutschen Abend hatten wir auch ganz viel Essen zubereitet … Boulette und Kartoffelsalat – alles halal!“

Filme aus insgesamt neun verschiedenen Ländern wurden im Rahmen der Reihe untertitelt: von Russland über Ägypten, von Somalia bis Syrien. Beim diesjährigen Filmfest Hamburg konnten aber nicht alle gezeigt werden, „weil das mit den Rechten ein bisschen schwer ist“, erzählt Walat. Dennoch gelingt es, gemeinsam die Vielfalt der kulturellen Herkunft in der Embassy of Hope deutlich zu machen. Dazu sagt Walat: „Eigentlich haben die meisten Deutschen eine falsche Idee unserer Heimat. Die kommen aus Syrien und das sind alles Araber, dort müssen alle Frauen schwarz tragen. Aber das stimmt nicht. Das Gleiche gilt für Somalia.“

Die Aftershow des ägyptischen Abends im Filmfest Zelt vor dem Abaton Kino. Foto: Michael Kottmeier
Die Aftershow des ägyptischen Abends im Filmfest Zelt vor dem Abaton Kino. Foto: Michael Kottmeier

So ist beim Filmfest eine breite Vielfalt an Heimatfilmen zu sehen, die auch nicht vor Genregrenzen halt macht. So wird mit „Hochmut und Grab“ (Originaltitel: „Qab Iyo Iil“) die filmische Aufarbeitungen eines wichtigen, ernsten Themas wie dem somalischen Bürgerkrieg gezeigt. Die Gruppe aus Syrien, der auch Walat angehört, hat sich mit „Die Grenze“ (Originaltitel: „Al-Hudud“) hingegen für eine Komödie entschieden, um den Deutschen etwas über den syrischen Humor zu verraten: „Der ist total anders als in Deutschland. Das haben wir bei der Untertitelung gemerkt, wir musste ein bisschen was ändern, damit der Sinn verständlich wird. Den Tahrir-Platz haben wir zum Beispiel Reeperbahn oder Altona genannt“, erklärt Walat. Das ist ihm wichtig, weil es in seinen Augen bei der Integration genau darum geht: sich gegenseitig verstehen zu können.

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Marie-Sophie Vorbrodt, Jahrgang 1993, guckt ihrem Gegenüber immer zuerst auf die Schuhe - sie findet, dass man daran den Menschen erkennt. Um derlei instinktiven Erkenntnissen ein wissenschaftliches Fundament zu geben hat Marie-Sophie Wirtschaftspsychologie studiert. Sie interessiert sich für gesellschaftliche Trends, Subkulturen und Lifestyle-Themen.
Martin Tege, Jahrgang 1990, ist leidenschaftlicher Musiker. Während seines Studiums der Kulturwissenschaften an der Uni Lüneburg entdeckte er seine Begeisterung für den Journalismus. Nach diversen Praktika wurde der gebürtige Mecklenburger freier Journalist beim Magazin „Rolling Stone“, für das er neben News auch Konzert- und Plattenrezensionen schreibt. Wenn er nicht gerade als Gitarrist mit seiner Bigband auf Tour ist, interessiert er sich aber auch für Geschichten aus Wissenschaft, Politik und Technik – und für soziale Themen. Fußball dagegen ist ihm „mehr als egal“.