Ein Trip durch die russische Provinz
Viktors Leben ist von Alkohol und Exzessen geprägt. Foto: VGIK-Debut

Hier kommt die russische Antwort auf Quentin Tarantino: Das rasante Roadmovie „How Viktor ‚The Garlic‘ took Alexey ‚The Stud‘ to the Nursing Home“ erzählt die Geschichte von gescheiterten Beziehungen und kriminellen Energien. 

Ein Moment des Schicksals ändert manchmal alles. Viktor, genannt ‚The Garlic‘, lebt in einer kleinen und ranzigen Plattenbausiedlung. Sein Leben ist durch ständige Alkoholexzesse und häufige Kneipenschlägereien geprägt, bekommt allerdings eine überraschende Wendung: Er erfährt, dass sein Vater, der ihn und seine Mutter schon vor Jahren verlassen hat, noch lebt. Alexey, genannt ‚The Stud‘, ist pflegebedürftig und liegt im Sterben. Er lebt in einer Eigentumswohnung, die in Viktors Pläne passt. Darauf spekuliert der Sohn. Würde die Wohnung frei, könnte er endlich seine Frau und das gemeinsame, jedoch ungeplante Kind, zurücklassen und sich in der Wohnung seines Vaters ein neues Leben aufbauen.

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Alles was er dafür tun muss: seinen ungeliebten Erzeuger in ein Altenheim abschieben. Mit einem klapprigen, alten Van und jeder Menge russischer Rapsongs im CD-Player begeben sich Sohn und Vater auf eine tausend Kilometer entfernte Reise ins Ungewisse. Quer durchs russische Niemandsland begegnen die beiden vielen neuen und alten Wegbegleitern, von denen sie manche besser nicht getroffen hätten.

Wie von Quentin Tarantino gedreht

Beim 25. Hamburger Filmfest wurde „How Viktor ‚The Garlic‘ took Alexey ‚The Stud‘ to the Nursing Home“ aufgeführt und mit dem Zusatz beworben, er sei die russische Antwort auf Quentin Tarantino. Viele Stilmittel des russischen Regisseur Alexander Hunt erinnern dabei tatsächlich an den US-amerikanischen Filmemacher. Das ist etwa der sogenannte Trunk Shot, einer Kamera-Einstellung aus dem Inneren eines Kofferraums, wie sie bei Tarantino üblich ist. Auch die unkonventionellen Erzählstrukturen und langen Kamerafahrten durch die Landschaft, die hier gewollt verunsichern und für die Haupthandlung nicht immer wichtig sind, erinnern an das Vorbild. Die Stelle, an der Viktor von einem dubiosen Mafiatypen im Auto begleitet wird, und dazu zur Szene unpassende Jazz-Musik erklingt, erinnert an eine markante Situation in „Kill Bill“: Und zwar an die Stelle, als Beatrix Kiddo sich auf den Endkampf mit O-Ren Ishii vorbereitet. Auf dem Höhepunkt treibt es dann aber eine absurde Begräbnisszene. Ein Quentchen Tarantino steckt also in der Tat im russischen Film.

Wie der Vater, so der Sohn?

Wie der Zuschauer den Schluss des Filmes interpretieren will, bleibt ihm überlassen. Ergriffen ist man nach dem Besuch jedoch allemal.

Was von Hants rasanten Roadmovie am Ende bleibt, ist vor allem der nachdenkliche Schlussmoment. „Ich schulde ihm nichts“, betont Viktor mit jeder Silbe, wenn er seine Verbitterung und Abscheu für den Lebensweg seines Vaters zum Ausdruck bringt. Doch seine lange Fahrt mit Umwegen ist nicht nur ein nervenaufreibender Trip durch die russische Provinz. Sie ist auch eine Reise in Viktors Vergangenheit. Dabei sind Vater und Sohn sich ähnlicher, als sie es zugeben möchten. Beide sind Verlierer – und das eint sie.

„How Viktor ‚The Garlic‘ took Alexey ‚The Stud‘ to the Nursing Home“ wurde beim 25. Hamburger Filmfest gezeigt und ist seit dem 6. Juli 2017 in russischer Originalfassung mit englischen Untertiteln erschienen.