Geschwister sind verboten – für Europäer unvorstellbar. Die amerikanische Filmemacherin Nanfu Wang untersucht in ihrem dritten Film „One Child Nation“ die Folgen der Ein-Kind-Politik Chinas. Für die lebendige Dokumentation kehrt sie in ihr chinesisches Heimatdorf zurück.

Gleichschritt. Drehung. Präsentieren des Gewehrs. Geborgen in einer sonnigen Höhle, im warmen Wasser ruht er vor sich hin. Gedröhne. Formation. Die Panzer rollen. Seine kleinen Hände, die Beine und das Köpfchen sind zum Herzen gerichtet. Metall. Uniform. Gehorche dem Befehl. Die Lider des Fötus sind geschlossen und werden es auch für immer bleiben.

So beginnt der Film „One Child Nation“ der amerikanischen Filmemacherin Nanfu Wang, mit einer Szene, die die Fronten des chinesischen Populationskrieges zeigt. „Wir hatten keine Wahl“, „Es war sehr streng damals“ oder „Gesetz ist Gesetz“ antwortet beinahe jeder der Befragten.

Nachhaken statt schweigen

Das Land hielt über 30 Jahre mit seiner Ein-Kind-Politik die Geburtenrate klein. Man sang in China Lieder darüber, sah es im Fernsehen und las es auf großen Bannern in der Stadt: „Das Gesetz besagt, du darfst nur ein Kind haben.“ Gründe dafür waren ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum und eine Lebensmittelknappheit Mitte des 20. Jahrhunderts.

Fimemacherin Wang verdeutlicht durch den Effekt der Ein-Kind-Politik auf ihre Familie und Kommune den Zustand eines ganzen Landes. Zensur ist nicht unüblich in China und die Filmemacherin geriet schon in vergangenen Dreharbeiten mit den chinesischen Behörden in Konflikt. Die Tatsache, dass gerade sie als Frau dieses heikle Thema, unter dem besonders Frauen leiden mussten, investigativ stark aufgreift, ist beeindruckend.

In der aufklärenden Dokumentation mit künstlerischen Schlenkern, begibt sich Wang in ihr Heimatdorf, spricht mit den Leuten und hakt da nach,  worüber sonst nicht geredet wird. Auf der Reise in ihr Heimatland können wir durch die Kamera Begegnungen und Eindrücke sehr nah miterleben. So entsteht lebendige und gegenwartsrelevante Geschichte.

Nanfu Wang als kleines Mädchen in den Armen ihrer Eltern
Nanfu Wang (Mitte) war selbst von der Ein-Kind-Politik Chinas betroffen. Durch eine Sonderregelung bekam sie mit fünf einen Bruder. Foto: Dogwoof Global

„Sie wurden zu uns wie Schweine getragen“

Die pensionierte Hebamme, die auch Nanfu zur Welt brachte, besucht die Filmemacherin in ihrer Wohnung. Die alte Dame ist sichtlich erfreut darüber  und erzählt von ihren einstigen tagtäglichen Aufgaben. Neben der Geburtshilfe führte sie auch Abtreibungen durch und sterilisierte Frauen, die bereits ein Kind zur Welt gebracht hatten. „Sie wurden zu uns wie Schweine getragen“, erzählt die alte Frau. Auf Fotos sieht man Frauen, die auf einer Bahre gefesselt sind. Manchmal starben ihre Patientinnen durch den Eingriff, den sie bis zu zwanzig Mal am Tag durchführte.

Es gab eine Zeit in China, in der Neugeborene einfach in einem Korb an den Wegesrand gestellt wurden. Es entstand ein Markt von jährlich Tausenden chinesischen Adoptivkindern, die über Menschenhändler und „Waisenhäuser“ meist nach Amerika gelangten. Besonders ergreifend ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich wünscht mit ihrer Zwillingsschwester wieder vereint zu werden, gemeinsam am Fluss einen Fisch zu fangen, eine Schneeballschlacht zu starten oder einfach nur das Gleiche anzuziehen.

Weitreichende Folgen der Ein-Kind-Politik

Der Film macht deutlich: Jeder radikale Eingriff in die Natur bringt das System aus dem Gleichgewicht. Der Wunsch vieler Chinesen nach einem männlichen Nachfahren, der den Familiennamen weiterträgt, in Kombination mit der Ein-Kind-Politik hat Folgen: Mehrere Millionen Männer in China haben heute Probleme, eine Partnerin zu finden. Ein weiterer Effekt ist der aktuelle Geburtenrückgang. Um einer Überalterung der Bevölkerung entgegenzuwirken, erlaubt China seit 2016 wieder zwei Kinder pro Paar.

Heute tanzen Frauen in traditionellen Gewändern und Fächern, so wie es immer üblich war, wie Puppen im Fernsehen. Im Sprechgesang loben sie China und seine Errungenschaft der Zwei-Kind-Politik: „Das jüngere Kind wird eine Schwester oder Bruder haben. Für das ältere wird gesorgt sein.“

Wangs Großvater sitzt in seinem Wohnzimmer. Der alte Mann blickt regungslos auf den Fernseher.

Der Film lief im Rahmen des Filmfest Hamburg. Der Sendetermin beim Co-Produzenten WDR steht zur Zeit noch nicht fest.

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Nikolas Baumgartner, Jahrgang 1993, ist ein Draufgänger. Selbst mit wütenden Büffeln hat er sich in Kalifornien bereits gemessen. Schon früh zog es ihn in die Welt: Nach dem Abitur tauschte er die Weinregion Hohenlohe für ein halbes Jahr gegen Australiens Ostküste. Seine GoPro-Aufnahmen von Kängurus oder Koalas inspirierten ihn zu einem Auslandssemester an der Universität in Long Beach, Steven Spielbergs Alma Mater. Die Sauna ersetzt die kalifornische Sonne in seiner Wahlheimat Hamburg, wo er nach seinem Medientechnik-Studium als Fotograf, Videoproduzent und Veranstaltungstechniker tätig ist. Gerne besucht er Musik- und Kulturveranstaltungen oder organisiert sein eigenes Open Air auf der Veddel. Er baut selbst Gemüse an und unterstützt mit seinem Verein "damnit e.V." Fairtrade. Kürzel: nik