Absurde Couchsurfing Erlebnisse in Island. Bildmaterial: Pixabay Illustration: Christina Höhnen

Baden in heißen Quellen: So hätten sich Mark und Laura den Start ins Auslandssemster in Island vorgestellt. Stattdessen landeten sie in einer Unterkunft mit Yun Ping, seiner bösartigen Socke und einem Antibiotikum.

Geysire, schwarze Strände und einsame Natur: Mark* hatte schon lange Bock auf Island. 2015 sollte es für ihn und seine Freundin Laura* endlich für ein Auslandssemester auf die Insel gehen. Die Euphorie war groß und das Ticket billig: So buchten sie sich einen Flug nach Reykjavík, ohne eine Unterkunft sicher zu haben. Eine Wohnung hatten sie zwar schnell, jedoch konnten sie erst nach ihrer geplanten Anreise einziehen. Und so begann das Abenteuer.

Hamburger in Absurdistan


Couchsurfing in einer Nudisten-WG, Trampen durch Polen oder Airbnb in Algerien: FINK.HAMBURG stellt in dieser Reihe kuriose Reiseerlebnisse von Hamburgern vor. Darunter auch solche, die FINK-Redakteure selbst erlebt haben.

Nach einigen unruhigen Nächten in einem 20-Mann Schlafsaal buchten sie sich via Couchsurfing bei einem gewissen Bjarki* ein. Nach einem 40-minütigen Fußmarsch standen sie schweißgebadet mit ihren XL-Koffern vor Bjarkis Haus. Der Gastgeber war ein untersetzter Mann um die 50, der sie im „ACDC“-Shirt begrüßte. Er schien schlecht gelaunt, beinahe aggressiv. Ein Zurück gab es nicht, dazu waren sie viel zu erschöpft.

Also: Schuhe aus, Jacke aus, Koffer in die Ecke gestellt und ab ins Wohnzimmer. Überall lagen Decken, Kissen und Schlafsäcke. Zwischen ihnen saßen zwei weitere Gäste.
Es begrüßten sie Elisa*, eine 18-jährige Deutsche, und der 24-jährige Chinese Yun Ping*, beide ebenfalls Couchsurfer. Nach einigen Minuten verschwand Bjarki in der Küche. Währenddessen versuchten sich Laura und Mark im Smalltalk mit Elisa und Yun Ping. Nachdem Mark auf Englisch nach Yun Pings Biographie gefragt hatte, überraschte ihn das gebrochene Deutsch, mit dem Yun antwortete. Er erzählte ihm, dass er bereits seit vier Jahren in Hamburg lebe und dort Kunst studiere. Allerdings: Wer denkt, dass diese Tatsache die Kommunikation erleichterte, der irrt. Bildlich gesprochen: Wenn „Deutsch“ Yun Pings Armknochen wäre, dann wäre dieser doppelt, nein sogar dreifach, gebrochen.

Wenig später wickelte sich Yun Ping wortlos auf einem Ledersessel in eine Bettdecke ein. Bjarki betrat wieder den Raum.

„Yun Ping, what are you doing here?“, fragte er.

„I want to sleep“, so Yun Ping.

„But not here!!“, wies ihn Bjarki zurecht.

Daraufhin tappste Yun Ping ins Schlafzimmer – um zwei Uhr nachmittags. Endlich kamen Laura und Mark mit Bjarki ins Gespräch. Dabei merkte sie, dass der schroffe Gastgeber ein gutherziger und extrem humorvoller Zeitgenossen war. Seine Stimmung wurde am Abend jedoch von einem Sockenfund im Badezimmer getrübt.

„Why is your sock laying in the sink, Yun Ping?“, fragte Bjarki.

„You can throw it away. That sock makes me ill“, so Yun Ping.

Das war sein voller Ernst. Yun Ping ging fest davon aus, dass diese Socke ihn „krank“ machte. Nicht etwa sein neuer, noch nicht eingelaufener, zu enger Wanderschuh. Nein, die Socke musste schuld an seiner Schürfwunde am Knöchel sein. Damit nicht genug: Weil sein Fuß so „krank“ sei, habe er sich vor einigen Tagen Antibiotikum besorgt. Daraufhin erzählte ihnen Bjarki, dass Yun Ping nicht wahrhaben wollte, dass er die Tabletten schlucken muss. Er war laut Bjarki der festen Überzeugung, dass er die Pille auf der wunden Stelle zerreiben müsse. Schließlich habe er die Schmerzen am Fuß und nicht im Mund. Klingt logisch oder?

Später am Abend verbrachte Yun Ping sehr viel Zeit im Bad. Erst duschte er zwei Stunden, dann herrschte eine weitere Stunde Stille. Einen Tag später reiste er wortkarg ab. Was er über drei Stunden im Bad machte, ein Mysterium.

Des Rätsels Lösung

Wenige Tage nach Yun Pins Abreise fanden Mark und Laura eine halb angefangene Tablettenpackung. Yun Pings Antibiotikum. Das weckte ihre Neugier und sie googelten das Mittel. Yun Ping nahm – wohl doch auch oral – demnach die vergangenen Tage ein Medikament zu sich, dass in Deutschland nur Pferden verabreicht werden darf. Ja, richtig gelesen, Pferden. Yun Pings Körpermaße entsprachen ungefähr der Masse eines Ponny-Schenkels. Von dieser Tatsache noch leicht irritiert, fanden sie eine weitere Tablettenpackung: Kohletabletten – der Klassiker gegen Durchfall. Jetzt ahnten sie, wieso Yun Ping drei Stunden Bjarkis Bad besetzt hatte. Mysterium mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelöst.

Auch Gastgeber Bjarki war verwundert. Er habe schon mehr als 400 Couchsurfer bei sich aufgenommen. Yun Ping sei mit Abstand der krasseste von allen gewesen. Das glaubten die beiden ihm aufs Wort. Jedoch war Yun Ping liebenswert – auf seine Art. Und witzig. Witziger als der Chinese von „The Hangover“. Okay, der Chinese von „Hangover“ ist schon ziemlich witzig…

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

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Christina Höhnen, Jahrgang 1992, hat schon einmal den echten Weihnachtsmann getroffen. Der wohnt in Lappland, wohin sie während ihres Auslandssemesters in Finnland reiste. Die restliche Studienzeit verbrachte sie in Mittweida. Dort machte sie ihren Bachelor in Medienmanagement und leitete ein Jahr lang Deutschlands einzigen von Studenten geführten Lokalradiosender. Für den Umzug nach Sachsen tauschte sie Riesling gegen Pfeffi ein – Christina wuchs umgeben von Weinbergen in einem Moseldorf nahe Trier auf. Für Praktika bei einer Shopping-Vergleichs-App und bei fischerAppelt, relations zog sie nach Hamburg. Hier joggt sie am Liebsten durch Planten un Blomen und hört dabei Trash der 90er.