Beim Unternehmerinnentag versammelten sich Hamburger Frauen zum „Klüngeln“ bei Kaffee und Kekse und sprachen darüber, warum sie sich nicht länger vor der Digitalisierung verstecken wollen.

Samstagmorgen, 09.00 Uhr. Die langen, herrschaftlichen Hallen der Hamburger Handelskammer, wo sonst geschäftige Leute auf und ab schwirren, sind noch menschenleer. Einzig im Erdgeschoss des Hauses wird es langsam trubelig. Schuhabsätze klackern über den Marmor, Keramiktassen klirren.

Die Teilnehmerinnen des Hamburger Unternehmerinnentags kommen nach und nach über die Eingangspforte an. Bevor die Veranstaltung offiziell losgeht, bilden sich im Saal die ersten „Klüngel“, wie es laut Programmheft auch sein sollte. Klüngeln, das heißt einen Pack bilden, der auf gegenseitig ausgetauschten Hilfeleistungen und Gefälligkeiten beruht. Netzwerken ist hier strengstens erlaubt und erwünscht.


“Ich Bin Begeistert vom Spirit hier”

Tobias Bergmann, Chef der Handelskammer Hamburg

Oben im Schäfersaal steht die offizielle Ansprache durch Tobias Bergamnn, den Präses der Handelskammer an. „Ich habe eigentlich eine andere Vorstellung von einem Samstagmorgen“, beginnt Bergmann seine Eröffnungsrede. „Auch wenn mein Wecker heute um sieben Uhr geklingelt hat, bin ich trotzdem froh, hier zu sein“, scherzt er vom Pult aus und blickt auf einen Saal fröhlicher Damen. Er sei begeistert vom positiven Spirit im Raum, sagt er.

Die Frauen im Saal sind Hamburger Unternehmerinnen, gestandene Frauen aus den verschiedensten Branchen. Chefinnen von PR-Agenturen, Kauffrauen und Coaching-Expertinnen. An diesem Novembertag haben sie sich in der Handelskammer versammelt. Sie wollen sich austauschen, nach Kooperationsmöglichkeiten Ausschau halten und sich gegenseitig bekräftigen, ihren männlichen Kollegen in keiner Kompetenz nachzustehen.

Bergmann ist, bis auf einen Fotografen, der einzige Mann im Raum. Er fühlt sich sichtlich wohl inmitten von so viel Frauenpower. Er kündigt an, in der Zukunft dafür zu sorgen, dass „Präses“ auch eine weibliche Form bekommt. Das kommt bei seinen Zuhörerinnen gut an, es wird geklatscht und gelacht. Bergmann bemängelt, dass von den 160.000 Mitgliedern der Handelskammer nur 25 Prozent Frauen sind. Er findet, das sollte sich ändern, auch ohne Quote. Was sich ebenfalls ändern sollte: Die Unternehmen müssten sich mehr digitalisieren. Laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministerium seinen zu wenige der großen deutschen Player auf den digitalen Wandel vorbereitet. Einige sehen eine Umstellung noch nicht einmal als notwendig an. Deshalb mahnt Bergmann: „Die Digitalisierung wird kommen.“ Es lohne sich nicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Vor allem weibliche Leader seien eher bereit, sich schnell auf Veränderungen einzulassen, glaubt Bergmann.

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„FRAUEN sollten eine „No-Fear-to-fail-Mentalität“ Entwickeln

Katahrina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin von Hamburg.

Auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, Katharina Fegebank, ist zum Unternehmerinnentag gekommen. Sie habe sich schon derart gefreut, hier nur vor Damen zu stehen, sagt sie. Am Vortag sei sie beim 30-jährigen Jubiläum eines schwulen Männerchores gewesen – ein „Kontrastprogramm“. Sie erzählt den Damen von ihrer aufregenden Israel-Delegation, und dass die Frauen dort eine „No-Fear-To-Fail-Mentalität“ hätten. Das wünsche sie sich auch für Deutschland. In nur 14 Prozent der Hamburger Tech-Unternehmen seien Frauen vertreten.


„Was wir noch nicht können, können wir lernen.“

Einige der hier versammelten Frauen scheinen auch Vorbehalte gegenüber der Digitalisierung zu haben. Die Angst vor Neuem will ihnen Christiane Brandes-Visbek mit ihrer Keynote Rede nehmen. „Wir Frauen mögen keine Technik“ beginnt Christiane und hat ab sofort die Sympathie des Saales auf ihrer Seite.

Christiane ist eine charismatische Frau, trägt ein blau gemustertes Wickelkleid und blonde Locken. Sie erzählt, dass sie sich auch nie mit Technik befassen wollte. Doch dann sei sie in den 90er Jahren Fernsehproduzentin geworden und musste sich zwangsweise mit einem  Schnittprogramm am Computer auseianndersetzen. Aus einer Hassliebe wurde Leidenschaft.

„Man braucht nur Mut, und keine Angst, auf die Nase zu fallen“ sagt sie heute – und meint es so. Mittlerweile leitet sie eine Agentur für Online Marketing und hat ein Buch über Digital Leadership geschrieben. Sie rät den Damen auch Soziale Netzwerke für sich zu nutzen. Twitter habe ihr in der Vergangenheit zu sehr vielen Geschäften verholfen. Die virtuelle Welt habe sie als ein Mittel entdeckt, sich sichtbar und begehrt zu machen.

Christiane hat noch einen Rat an ihre Kolleginnen: „Was wir noch nicht können, können wir lernen.“ Und die Damen sollten keine Angst vor blauen Flecken haben. Das wäre wie beim Segeln, manchmal müsse man einfach zupacken und kleinere Blessuren ignorieren. Während sie auf der Bühne steht, ploppen auch die ersten Tweets mit ihren anregenden Aussagen in meinem Feed auf: #Motivation!


Unternehmerinnen unter sich beim Hamburger Unternehmerinnentag in der Handelskammer. Foto: Agata Strausa.
In der Kaffeepause wird geklüngelt. Foto: Agata Strausa.

Dann geht es in die erste Kaffeepause, bevor die verschiedenen Workshops starten.  Jemand fragt, wo es denn zum Business Speed Dating Workshop gehe. Das Business Speed Dating ist nur einer von vielen Workshops, an denen man hier teilnehmen kann. Daneben gibt es Crashkurse zu Themen wie Coworking 4.0, erfolgreichem Netzwerken und Social Media for Business.


Sandra Stabenow ist freie freie Social Media und Content Marketing Managerin und übernimmt beim Unternehmerinnentag den Workshop zu Facebook, Twitter und Co. Sie ist eine der Digital Media Women (#DMW). Der Verein #DMW will Frauen in der Digitalbranche helfen, sichtbarer zu werden – etwa im Netz. Heute zeigt Sandra den Teilnehmerinnen, warum und wie sie die Kanäle für den Beruf nutzen können. Der Andrang zu Sandras Workshop ist groß, ihre Erfahrung bei den Kolleginnen sehr gefragt. Eine Dame möchte zum Beispiel wissen, was eigentlich ein Hashtag sei. Eine andere fragt, was der offizielle Twitter-Hashtag des Events sei.

Sandra engagiert sich über den Unternehmerinnentag hinaus regelmäßig für die #DMW in Hamburg. Sie organisiert Vorträge, Netzwerktreffen und Themenabende.

Sandra mag den Austausch mit anderen Frauen, wie bei den Digital Media Women. Aber ihre meiste Energie steckt sie in ihre eignene Online-Plattform. Auf dem Portal „Frau, frei &“ schreibt sie über die Selbständigkeit, gibt Tipps und stellt weibliche Gründerinnen vor. Sandra studierte berufsbegleitend auch noch Next Media an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg. Das Studium „ziehe sich aber schon länger“, sagt sie. Viel wichtiger ist ihr die Arbeit als Solopreneur. Vor drei Jahren hat sie mit drei weiteren Freundinnen „Frau, frei &“ ins Leben gerufen. Mittlerweile kümmert sie sich alleine um die Plattform. Sie füllt die Seiten mit eigenen Erfahrungen aus der Selbstständigkeit und praktischen Alltagstipps. Wie man mit der Cloud arbeitet, wie man als Freiberufler ein halbes Jahr Krankenstand überlebt und warum sich ein Digital Detox ab und zu lohnen kann. Sandra hofft, dass sie eines Tages von der Arbeit für ihren Blog leben kann. Ihre Augen leuchten wenn sie davon spricht. Dann muss sie zurück an den Stand der Digital Media Women.